Junge Traditionsveranstaltung in Haar:Derblecken inklusiv

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Das Starkbierfest im Kleinen Theater Haar erweist sich bei seiner dritten Auflage als eigenes Genre: Neben einer spritzigen Fastenpredigt von Bruder Jürgen erleben die 350 Gäste im ausverkauften Saal eine Mischung aus Brauchtum und sozialem Anspruch.

Von Bernhard Lohr, Haar

Maxi Schafroth hat es auf dem Nockherberg vorgemacht. Fastenprediger dürfen neuerdings Nabelschau betreiben und gewinnen gar an Profil, wenn sie zur Selbstreflexion in der Lage sind. Sein Haarer Pendant Jürgen Kirner hat sich am Sonntagabend auf dem Starkbierfest im Kleinen Theater ganz in diesem Sinne erst einmal selbst gegeißelt. Der Kirchenstand ist ja auch nicht mehr das, was er mal war. Bei all den Missbrauchsgeschichten ist die ganze Autorität dahin. "Ich habe mir heute echt überlegt, ob ich die Kutte öffentlich ablege", sagte er. Sprach's, nahm einen kräftigen Schluck und teilte dann vor 350 Gästen im ausverkauften Saal doch selbstbewusst aus.

Junge Traditionsveranstaltung in Haar: Die "Schwuhplattler" stimmen auf den Abend ein.

Die "Schwuhplattler" stimmen auf den Abend ein.

(Foto: Claus Schunk)

Die Zeit ist schnelllebig. Traditionen werden über den Haufen geworden, neue Traditionen über Nacht geboren. So kann also, wer möchte, das Starkbierfest im Kleinen Theater, bei dem zum dritten Mal unter dem Kronleuchter des Jugendstil-Saals das wunderbare Ambiente einer Bierhalle herrschte - mit klirrenden Gläsern, Schweinebratenduft in der Luft und Goaßlschnoizen und Schuhplattlern auf der Bühne - gerne als eine etablierte Veranstaltung ansehen. Auf jeden Fall ist es eine, die es innerhalb kurzer Zeit geschafft hat, die Vorstellung vom Starkbierfest über das Derblecken hinaus mit Inhalten zu füllen.

Junge Traditionsveranstaltung in Haar: Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Bürgermeisterin Gabriele Müller haben Probleme beim Anzapfen.

Bezirkstagspräsident Josef Mederer und Bürgermeisterin Gabriele Müller haben Probleme beim Anzapfen.

(Foto: Claus Schunk)

Das Miteinander spielt in Haar eine große Rolle, das Soziale und der "Spaß an der Freud", wie er in Oberbayern heimisch ist. Das Kulturprogramm um den Fastenprediger herum, den der von den Brettlspitzen des BR bekannte Jürgen Kirner wortgewandt gab, machte das Bild erst komplett. Die "Schwuhplattler", eine schwule Schuhplatter-Gruppe aus München, trat wieder auf. Am Ende begeisterten Steff Keller, Roland Hefter und Michi Dietmayr, die "Drei Männer nur mit Gitarre". Sie rissen derbe Späße und mahnten einfühlsam die Leute, das Leben zu genießen. "Erst der Spaß, dann das Geld." Dazu sangen sie ein "Gleichheitslied".

Eine neue Wirtin und begossene Pudel

Einen ersten großen Auftritt hatte die neue Wirtin, Katharina Inselkammer, die im Kleinen Theater mit ihrer Kunst-Werk-Küche, einem inklusiven Betrieb, die Gastronomie übernommen hat. Menschen mit Behinderung stemmten die Bewirtung der Gäste. Dass hochgestellte Politiker auch nichts Besseres sind und schnell wie begossene Pudel dastehen können, zeigten Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) und Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) freundlicherweise gleich zu Beginn, als sie versuchten, das frisch hereingerollte Fass Ayinger Festbier anzuzapfen. Es spritzte gewaltig.

Junge Traditionsveranstaltung in Haar: Fastenprediger Bruder Jürgen alias Jürgen Kirner würde sich am liebsten seiner Kutte entledigen, so schämt er sich.

Fastenprediger Bruder Jürgen alias Jürgen Kirner würde sich am liebsten seiner Kutte entledigen, so schämt er sich.

(Foto: Claus Schunk)

Und spritzig war Bruder Jürgens Fastenpredigt, in der er die "kommunalpolitischen Kronjuwelen des Haarer Landes" aufs Korn nahm und die Bürgermeisterin Gabriele Müller im Vergleich mit den weniger glänzenden SPD-Frauen Andrea Nahles und Natascha Kohnen geradezu als rotschimmernden Edelstein bezeichnete und zur Hoffnungsträgerin stilisierte. Doch er bremste sich in seiner Häme über die SPD gleich ein. "Über Minderheiten darf man ja keine Witze mehr machen." Da wisse er selbst gut Bescheid, sagte Bruder Jürgen. "Ich bin ja selbst ein Relikt vergangener Zeiten."

Als Mann mit Zukunft bezeichnete er dagegen den Haarer Landtagsabgeordneten und stellvertretenden Landrat Ernst Weidenbusch (CSU), der der Gerüchteküche zufolge als Überflieger den Flughafen-Chef Michael Kerkloh beerben soll. "Crising über Freising" - so sehe sich Weidenbusch. Warum auch nicht: Der Flughafen gehöre ja der CSU. Warum hieße er sonst "Franz Josef Strauß".

Die lebende Krippe als Dauerausstellung

Respekt zollte Bruder Jürgen Katharina Dworzak, der "Erbhofleiterin der Familie Dworzak", die kürzlich mit ihrem Starkbierauftritt als freiberufliche Therapeutin die Haarer Politikszene aus psychologischer Sicht analysiert hatte. Das Problem in der Politik sei nun mal, dass intelligente Menschen unter Selbstzweifeln litten und die Dummen vor Selbstvertrauen strotzten. Zu viele Egomanen seien in der Politik unterwegs, beklagte er und rief auf zu "Einsicht, Buße und Umkehr". Aufs Korn nahm Bruder Jürgen den mit stetem Elan am Erfolg der CSU arbeitenden Alois Rath, der "die Haarer mit Unterschriftenlisten verfolgt" aber auch bei St. Konrad Jahr für Jahr die lebende Krippe organisiert. Kirner riet zu einer "ganzjährige Einrichtung einer lebenden Krippe" und sagte mit Blick auf Rath: "Dann wäre er verräumt."

Die CSU in Bayern entlarvte Bruder Jürgen als Wegbereiter der Grünen. Was wären die denn ohne atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, ohne Rhein-Main-Donau-Kanal und ohne Skischaukel am Riedberger Horn? "Also ein Ökoprojekt nach dem anderen", lobte Bruder Jürgen die CSU. "Nur so konnte sich so etwas wie ein Umweltbewusstsein in der Bevölkerung etablieren."

Passend zum Tenor des Abends kündigte Theaterleiter Matthias Riedel an, dass die Einnahmen aus der Veranstaltung für das nächste Konzert für Kinder verwendet werden. Er hatte selbst zu Beginn versucht, auf dem Alphorn zu spielen und gut gelaunt durch den Abend geführt.

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