Auf einem Foto zeigt ein Teilnehmer in der Kantine des Bundestages das White Power Symbol, ein rechtsextrem konnotiertes Zeichen. Wenig später wird er aus der Fraktion ausgeschlossen. Dann kommen Polizei und Verfassungsschutz. Nicht nur für Maya Upmann ist das der Moment, in dem das Planspiel „Jugend und Parlament“ kippt. „Man war die ganze Zeit so: Was passiert jetzt?“, sagt sie. Upmann schildert der SZ, wie sie den Eklat erlebt hat.
Bei dem Planspiel, das regelmäßig im Bundestag in Berlin stattfindet, übernehmen Jugendliche vier Tage lang die Rollen von Abgeordneten, arbeiten in fiktiven Fraktionen, diskutieren Gesetze, stehen am Rednerpult im Plenarsaal. Bei der jüngsten Auflage, an der die 18-Jährige aus Grasbrunn im Landkreis München teilnahm, lief zunächst alles wie geplant: Fraktionssitzungen, Ausschüsse, Abstimmungen, Gespräche bis spät in den Abend: „Es ist viel anstrengender als man denkt“, sagt Maya Upmann, Abiturientin am Maria-Theresia-Gymnasium München. Ununterbrochen müsse man Positionen abstimmen, Mehrheiten organisieren, Kompromisse aushandeln. Politik, so erlebt sie es, sei Dauerarbeit, mit vielen Gesprächen, Taktik und spontanen Entscheidungen. Man müsse „ständig auf der Hut“ sein.
Upmann arbeitete an einem Gesetz zur Klarnamenpflicht im Internet, vertrat dabei eine Position, die nicht ihrer eigenen entsprach. Perspektivwechsel gehört zum Konzept. Doch parallel zu diesen Rollenwechseln entwickelte sich eine zweite Ebene, die sich aus ihrer Sicht nicht mehr wie ein Spiel anfühlte.
Jeder, der am Planspiel teilnimmt, wurde vorher von einem echten Bundestagsabgeordneten nominiert. Teilnehmende, die von AfD-Abgeordneten nominiert worden waren, seien bereits früh geschlossen aufgetreten. Sie posten Bilder mit kritischen Inhalten in sozialen Netzwerken und fallen durch kontroverse Aussagen auf. Upmann sucht das Gespräch. Sie setzt sich dazu, diskutiert, hört zu. „Wir wollten verstehen: Was bewegt sie?“ Doch schon nach kurzer Zeit stellt sie fest, dass ihre Bemühungen um einen Austausch ins Leere laufen. „Da sind Aussagen gefallen, die nicht vertretbar sind.“ Was sie dabei besonders irritiert: wie gefestigt viele Positionen wirken. „Ich fand es krass, wie stark indoktriniert diese jungen Menschen sind.“
Die Situation spitzt sich zu, als ein Teilnehmer für ein Foto im Essenssaal des Bundestages eine rechtsextrem konnotierte Geste zeigt. Innerhalb der fiktiven Planspielfraktion wird entschieden, ihn auszuschließen. Kurz darauf verlassen mehrere Jugendliche geschlossen den Fraktionssaal, um zu telefonieren. Wenig später rücken Sicherheitskräfte an, von einer Schlägerei ist die Rede. Für einen Moment ist unklar, was passiert ist und wie es weitergeht.
„Das hat uns schon beängstigt“, sagt Upmann. Nicht nur die Situation selbst, sondern auch das, was darauf folgte. In sozialen Netzwerken verbreiten sich Darstellungen des Vorfalls, die aus ihrer Sicht ein verzerrtes Bild zeigen. Politiker greifen das Geschehen auf, einzelne Videos erzielen hohe Reichweite. „Diese Dynamik war wirklich erschreckend“, sagt die 18-Jährige. Es sei dieses Gefühl gewesen, gleichzeitig reagieren zu müssen, aber nicht zu wissen, wie. „Man denkt: Das kann so nicht bleiben. Aber man weiß auch nicht genau, was man jetzt konkret tun soll.“

Im Planspiel habe sich danach die Atmosphäre verändert, erinnert sich Upmann. Debatten seien schärfer, Zwischenrufe häufiger geworden. In einer abschließenden Diskussionsrunde sei es zu offenen Konfrontationen gekommen. Einige seien aufgestanden, andere hätten sich weggedreht. „Man dachte, es könnte jeden Moment wieder eskalieren.“
Für die 18-jährige Abiturientin wird das Planspiel damit zu mehr als einer Simulation. „Es hat mir die Augen geöffnet, wie wichtig es ist, unsere Demokratie zu schützen“, sagt sie. Für die Abläufe im Bundestag, aber vor allem für den Zustand des politischen Diskurses. Dass sich Spannungen, wie sie sie aus echten Parlamentsdebatten kennt, so deutlich bereits unter Jugendlichen zeigen, habe sie überrascht.
Man lerne bei dieser Simulation, Positionen zu vertreten, zuzuhören, Widerspruch auszuhalten.
Es bleibt ein Gefühl, das über die vier Tage hinausgeht. „Man weiß nicht so richtig, was man tun kann. Aber man merkt auch: Man muss etwas tun.“ Gerade diese Erfahrung, sagt sie, habe das Planspiel für sie so prägend gemacht. Nicht nur die Reden im Plenarsaal oder die Abstimmungen, sondern die Konfrontation mit echten Konflikten. Trotz allem würde sie wieder teilnehmen. Auch anderen Jugendlichen würde sie es empfehlen. Man lerne, Positionen zu vertreten, zuzuhören, Widerspruch auszuhalten.
Was bleibt ist für sie mehr als ein Einblick in politische Abläufe. Es ist die Erfahrung, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, und sie auch dort verteidigt werden muss, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte.


