Klassik-Nachwuchs„Es ist toll fürs Selbstbewusstsein, wenn du unter Druck gut bist“

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Geballtes musikalisches Talent: Diese Preisträgerinnen und Preisträger der Musikschule Grünwald (Regionalwettbewerb) wollen jetzt auch beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ in Augsburg erfolgreich sein.
Geballtes musikalisches Talent: Diese Preisträgerinnen und Preisträger der Musikschule Grünwald (Regionalwettbewerb) wollen jetzt auch beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ in Augsburg erfolgreich sein. Sebastian Gabriel

Beim Regionalentscheid von „Jugend musiziert“ in Grünwald haben  sich zahlreiche Talente aus dem Landkreis München für den Landeswettbewerb qualifiziert, der jetzt am 2. April beginnt. Wie bereiten sich die Kinder und Jugendlichen darauf vor, was erhoffen sie sich, welche Ansprüche stellen sie an sich?

Von Udo Watter, Grünwald

Die Knabbereien, Saft- und Wasserflaschen werden am Ende fast genauso unberührt auf dem großen Tisch liegen wie zu Beginn des Treffens. Zu vermuten, das läge an der guten Kinderstube, welche die heranwachsenden Interviewpartner allesamt genossen hätten – à la  „Zwischen den Mahlzeiten isst man nicht“ – wäre wohl ein wenig klischeehaft, obgleich es sich um junge Schülerinnen und Schüler aus der wohlhabenden Gemeinde Grünwald handelt. Jung und begabt, wie man hinzufügen sollte, denn alle zehn Kinder und Jugendlichen, die in diesem Besprechungsraum im ersten Stock der Musikschule Grünwald Platz genommen haben, sind beim Regionalwettbewerb  „Jugend musiziert“ im Februar auf dem ersten Platz gelandet. Sie werden jetzt Anfang April beim (bayernweiten) Landeswettbewerb in Augsburg ihr Können erneut vor einem fachkundigen Auditorium präsentieren.

„Jugend musiziert ist eine tolle Plattform, um an sich zu arbeiten und zu wachsen“, sagt Marlene Steinmann, die erfolgreich in der Kategorie „Pop-Gesang“ war. Die 17-Jährige aus der Klasse Elisabeth Daiker hat schon etwas Routine, was die Performance auf der Bühne und den Wettbewerb angeht. „Ich singe, seit ich klein bin. Gesang ist meine Leidenschaft“, erklärt Steinmann.

Sie hat es vor einigen Jahren schon einmal bei „Jugend musiziert“ bis zum Bundeswettbewerb, geschafft – die Solo-Instrumental- und Gesangs-Kategorien rotieren im Drei-Jahres-Rhythmus – und möchte auch heuer, wo sie übrigens erstmals gefordert war, selbst einen Song zu komponieren, Vergnügen und Erfolg verbinden: „Auf der Bühne steigt der Druck, aber es ist wichtig, sich vom Druck zu lösen. Gerade beim Singen hängt viel von der Tagesform ab.“ Die richtige Mischung aus Bühnenpräsenz, Ambition und Lockerheit traut man der 17-Jährigen jedenfalls zu.

Für Nina Burkart, stellvertretende Leiterin der Musikschule Grünwald (Fachbereich Elementare Musikpädagogik) ist es wichtig den „olympischen Gedanken“ bei „Jugend musiziert“ zu betonen. Talente fördern, ist die Maxime, aber nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite. Burkart hat das Treffen mit den kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Preisträgern organisiert, die in der ersten Auflage beim Regionalwettbewerb ihr Heimspiel in den Räumen und Sälen der Grünwalder Musikschule zum Sieg (mit Weiterleitung) genutzt haben. Der bayernweit zweitgrößte Wettbewerb auf Regionalebene fand in diesem Jahr dort zum 31. Mal statt und neben Teilnehmern aus dem südlichen Landkreis München (etwa auch von der ebenfalls recht erfolgreichen Musikschule Ottobrunn), zeigen dort alljährlich Jugendliche und Kinder aus dem Landkreisen Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Starnberg ihr virtuoses, rhythmisches und stimmliches Können.

Aufwand, Zeitinvestment und Anspannung sind dabei durchaus groß. Ob Klarinettist Yechen Luis Zhou, Tenor Jakob von Behr, ob Querflötistin Arina Alekseeva oder Pop-Sängerin Ana Zubak  –  sie alle berichten auf mal eher schüchterne, mal sehr offene Weise, wie schwer es ist, unter Druck den musikalischen Auftritt hinzulegen, für den man lange geprobt und den man eigentlich drauf hat. Mit entsprechenden Ängsten umzugehen lernen, den eigenen Ehrgeiz in gute Bahnen zu lenken und das Beste im richtigen Moment aus sich herausholen, sind die Ziele, die sie befeuern. „Ich muss mehr den Blickkontakt suchen“, erklärt etwa Ana mit leiser Stimme. Die Interaktion mit dem Auditorium: ein wichtiger Punkt und Voraussetzung, um Musik mitreißend zu gestalten. Jakob von Behr, der im Duo mit Bass Richard von Heyl mit einem bunten Repertoire im Wettbewerb antritt – von Klassik über „Dreigroschenoper“ bis Pop – weiß um die richtige Balance, die er finden muss: „Ich darf mir nicht so viel Druck machen und muss mehr den Spaß im Blick haben.“

„Der Landeswettbewerb ist schon noch mal eine andere Nummer.“

Nina Burkart, die manche der Preisträger bereits in der musikalischen Früherziehung unterrichtete, geht bei solchen Sätzen das Herz auf: „Das ist ganz wichtig, dass es Freude bereitet.“ Nicht ganz unwichtig sind auch die Ratschläge der Jury-Mitglieder in puncto Artikulation, Körpersprache, Nervosität. „Es gab gute Tipps beim letzten Mal, die ich auch schon umgesetzt habe“, berichtet Klarinettist Yechen Luis Zhou.

Charlotte Fohlmeister (Klassischer Gesang, Duo) fand die Tipps dagegen „nicht so bereichernd“. Die Vorfreude auf Augsburg ist bei ihr aber groß: „Der Landeswettbewerb ist schon noch mal eine andere Nummer. Aber es ist toll fürs Selbstbewusstsein, wenn du unter Druck gut bist“, sagt die Altistin. Die Sängerin ist in einer Förderklasse, hat vier- bis fünfmal in der Woche Unterricht und im Nebenfach belegt sie noch Klavier. Bei Dafne Coviello, die neben ihr sitzt, ist es gleichsam umgekehrt. Auch sie ist in einer Förderklasse, hat allerdings im Hauptfach Klavier, was sei freilich nicht davon abgehalten hat, beim diesjährigen Wettbewerb in der Kategorie „Pop-Gesang“ den ersten Preis zu erzielen. Beide bilden sich zudem im Bereich Musiktheorie weiter und wirken in Ensembles mit. Generell gilt für viele Kinder und Jugendlichen an der Musikschule, dass sie neben ihrem Hauptfach oft noch ein oder mehrere Ensembles besuchen.

Das mag manchmal anstrengend und zeitintensiv sein, verschafft aber auch Vergnügen und Befriedigung, wenn man dabei etwa künstlerische Power entwickelt – wie es vor allem die vier erfolgreiche Pop-Sängerinnen, neben Steinmann, Coviello und Zubak noch Qinghan Lium, betonen:  Es sei schon toll, „in die Proben rein zu gehen und mit voller Energie wieder raus“. Wichtig für eine erfolgreiche zweite Runde in Augsburg und der möglichen Weiterleitung zum Bundeswettbewerb ist es, genau diese Energie auf der Bühne abzurufen, und natürlich der Zustand des körpereigenen Hauptinstruments: „Die Stimme muss gut sitzen“, erklärt Dafne.

Die Grünwalder Teilnehmer von „Jugend musiziert“ bei einem Benefizkonzert im Januar 2025.
Die Grünwalder Teilnehmer von „Jugend musiziert“ bei einem Benefizkonzert im Januar 2025. Musikschule Grünwald

Die Vorbereitung auf den Wettbewerb „Jugend musiziert“, an dem theoretisch jeder teilnehmen kann, startet quasi mit dem Beginn des Schuljahres im Herbst.  Die jungen Protagonisten können ihre Ansprüche auf Teilnahme selbst bekunden, oft machen auch Lehrerinnen und Lehrer die entsprechenden Vorschläge. Und die Stücke werden dann über Monate hinweg geprobt, mitunter auch erst komponiert und gelegentlich werden für die zweite Runde sogar neue Werke einstudiert. Neben den Solo-Kategorien wird bei „Jugend musiziert“ auch immer die Wichtigkeit der kammermusikalisch fordernden Duo-Auftritte betont. Das Aufeinander-Eingehen, der musikalische Dialog, das Entwickeln des Ensemble-Bewusstseins – auch daran wird in den Unterrichtsräumen am rechten Isarhochufer gefeilt.

Ausnahme-Geigerin Julia Fischer – hier bei einem Konzert im August-Everding-Saal – hat schon als Kind bei „Jugend musiziert“ teilgenommen, damals hat sie neben Violine auch intensiv Klavier geübt. 
Ausnahme-Geigerin Julia Fischer – hier bei einem Konzert im August-Everding-Saal – hat schon als Kind bei „Jugend musiziert“ teilgenommen, damals hat sie neben Violine auch intensiv Klavier geübt.  Claus Schunk

Dass die erste Runde, also der Regionalwettbewerb, jedes Jahr im vertrauten Ambiente ausgetragen wird, befeuert die Grünwalder Schüler vermutlich zusätzlich. Die Einrichtung in Grünwald ist eine gut ausgestattete Musikschule, sie liegt attraktiv am Rand des Freizeitparks der Gemeinde und die Atmosphäre dort ist gern mal geprägt von leisen Instrumentalklängen oder anderen musikalischen Impressionen. Sie hat mit dem August-Everding-Saal zudem einen bekannten, akustisch herausragenden Konzertsaal, in dem immer wieder internationale Stars der Klassik auftreten – die bisweilen selbst bei „Jugend musiziert“ erfolgreich waren.

Wie sehr treibt die jungen Talente der Wunsch an, Profi-Musiker zu werden, als Pianist, Klarinettist oder Sängerin beruflichen Erfolg zu haben? Nun ja, es sei schwierig, gerade als Pop-Sängerin, meinen Marlene und Dafne. Viel Konkurrenz und wenig Möglichkeiten, mit Musik ausreichend Geld zu verdienen. Allgemein spielt die Vorstellung, eventuell mal mit einer Band professionell zu touren oder Mitglied in einem hochkarätigen Orchester zu werden, bei den meisten (noch) keine Rolle.

Von den jungen Preisträgern, die sich hier um den großen runden Tisch versammelt haben, sind manche zwar aus musikalischen Familien und von den Eltern respektive Großeltern inspiriert worden, etliche aber auch nicht. Bei Qinghan Lium, die ihre ersten Lebensjahre in China verbrachte, war es eine Erzieherin, die im Kindergarten den Anstoß zur musikalischen Ausbildung gab. Jetzt fiebert die junge Sängerin, die hier alle nur Daniela nennen, auf ihren Auftritt in Augsburg hin. Sie freut sich auf die Herausforderung, sagt aber auch: „Es ist schon mit viel Aufwand verbunden.“

Der Spaß steht im Vordergrund, erklären alle

Was auffällt und vielleicht sogar solchen notorischen Kulturpessimisten, die bei jeder Gelegenheit über den Verfall der Jugend granteln, den Wind aus dem Segel nähme: Die Atmosphäre unter den jungen Preisträgern, die zwischen zwölf und 17 Jahre alt sind, ist harmonisch, der Umgang miteinander wirkt sehr freundlich, ohne Konkurrenzgebaren. Hier blitzt mal ein schüchtern-höfliches Lächeln mit Spange, dort strahlt mal ein selbstbewusst-freundliches Lachen. Etliche der jüngeren Teilnehmer, zu denen auch Pianist Junxi Yang  (im Duo mit Yechen Luis Zhou) und Pianistin Marianne Lenhard (im Duo mit Arina Alekseeva) gehören, sind auf geradezu herzige Weise zurückhaltend; aber mutmaßlich eben auch ehrgeizig und talentiert genug, um vielleicht sogar den Sprung zum Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“  in Wuppertal Anfang Juni zu schaffen.

Jetzt geht es aber erst mal für alle nach Augsburg, wo der mehrtägige Landeswettbewerb am 2. April startet.  Und natürlich antworten alle auch sehr überzeugend, dass der Spaß bei der Teilnahme wichtiger sei als der Erfolg. Spaß heißt freilich auch: Dort das zu zeigen, was man kann. Und das dürfte eine Menge sein.

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