bedeckt München 14°

Amtseinführung:CNN läuft rund um die Uhr

Todd Covell. Vorstand Haar Disciples und Firmengründer Wunder Media.

Todd Covell aus Haar verfolgt heute die Amtseinführung von Joe Biden.

(Foto: Privat)

Todd Covell aus Haar hofft auf eine friedliche Amtseinführung für US-Präsident Biden.

Von Stefan Galler, Haar

Zunächst erschrickt man unwillkürlich, wenn Todd Covell sagt, dass er den bizarren Sturm der Anhänger von Donald Trump auf das Kapitol in Washington gar nicht als so schlecht empfunden habe. "Weil das einige Republikaner wachgerüttelt hat. Selbst die sind jetzt nur noch zur Hälfte auf der Seite von Trump", sagt der 48 Jahre alte Haarer, dessen Eltern aus dem Bundesstaat Virginia stammen. Covell ist in München geboren, als sein Vater hier im Auftrag des US-Militärs arbeitete. Weil es seiner Familie in Deutschland so gut gefiel, entschieden sich die Covells, dazubleiben.

Und doch ist das Interesse an der Politik in der Heimat immer noch riesig: "Bei uns läuft rund um die Uhr nur CNN." Die Verwerfungen im Zuge der Wahl und die immer tiefere Spaltung der Gesellschaft, die der nun abgelöste Präsident forciert habe, sei nicht mehr zu beheben, glaubt Todd Covell: "Ich kenne einige Familien, die innerlich zerrissen sind, wo einzelne Familienmitglieder nicht mehr miteinander reden. Und alles nur, weil sie den unterschiedlichen politischen Lagern angehören."

Bei aller Feindseligkeit glaubt er jedoch nicht daran, dass es bei der Amtseinführung von Trumps Nachfolger Joe Biden am Mittwoch zu ähnlich krassen Szenen kommen könnte wie am 6. Januar: "Ich erwarte nichts mehr in dieser Art und denke, dass es mehr oder weniger in Ordnung ablaufen wird. Aber ich hatte auch nicht für möglich gehalten, dass es jemals zu einem Szenario kommen würde wie am Kapitol."

Spaltung des Landes als großes Problem

Dass sich die Spaltung des amerikanischen Volkes durch eine neue Regierung unter Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris zumindest lindern lassen kann, hält Covell für abwegig: "Da besteht aus meiner Sicht keine Chance. Viele Republikaner geben den Demokraten die Schuld an den Spannungen im Land. Im Gegenzug machen die Demokraten vor allem Trump verantwortlich. Aber ich bin kein Politikwissenschaftler und hoffe, dass ich mich irre."

Der 48-Jährige ist einer der Mitbegründer der sehr erfolgreichen Digitalagentur Wunder Media, die er 2014 an Burda verkaufte. Derzeit bringt Covell in seiner Heimatgemeinde Haar ein neues Start-up in Position: Mit Intersellers will er Händlern ein innovatives Komplettangebot für ihre Online-Shops anbieten.

Seine große Leidenschaft aber gilt den amerikanischen Sportarten. Er gründete einst den Baseballverein Haar Disciples, die es 2017 bis ins Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gebracht haben. Für sein langjähriges Engagement als Vorstand hat ihm der damalige Bürgermeister Helmut Dworzak (SPD) vor zehn Jahren die Ehrennadel der Gemeinde verliehen.

Dass er sich in Deutschland so wohlfühlt, liegt übrigens nicht zwingend daran, dass es hier keine Spaltung geben würde. Er verweist auf Coronaleugner und diejenigen, die sich durch die sozialen Medien aufhetzen lassen: "Auch hier gibt es Menschen, die meine Freunde waren, bei denen ich aber gar nicht mehr ans Telefon gehen mag, weil ich nicht mehr über ihre wirren Thesen reden will."

© SZ vom 18.01.2021/sab
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema