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"Jobsharing":Wie die Mutter, so die Tochter

Kirchheim, M&D Sommelier, v.li.  Franziska und ihre Mama Heidi Schrade haben gerade einen Weinladen eröffnet,

"Guter Wein ist ein Gesamtkunstwerk", sagen Heidi (rechts) und Franziska Schrade. Sie wollen den Kirchheimern in Kursen vermitteln, welche Geschmacksvielfalt es zu entdecken gibt und welche Unterschiede die Herkunftsländer bieten.

(Foto: Angelika Bardehle)

Heidi und Franziska Schrade sind beide Sommeliers. In Kirchheim betreiben sie gemeinsam eine Weingalerie

Blondinen sind blöd. Sommeliers haben dicke Bäuche und rote Nasen. Zwischen Müttern und Töchtern kracht es gerne. Klischees, die an der Wirklichkeit zerbrechen, wenn man den neuen Laden von Heidi Schrade und ihrer Tochter Franziska betritt. In einem ehemaligen Gemüsegeschäft in Heimstetten haben die beiden Anfang Mai eine Weingalerie eröffnet. Außen klebt ein großes "M" und ein "D" an Schaufensterscheibe. Für "Mother" und "Daughter" steht das. Innen sitzen Mutter und Tochter auf weißen hohen Stühlen an einem weißen hohen Tisch. Vor ihnen: zwei Laptops, zwei Smartphones, zwei Gläser Rosé-Champagner. Die Mutter, Heidi Schrade, ist Ende 40, die Tochter, Franziska ist Mitte 20. Sie sagen von sich, dass sie Freundinnen seien. Doch sie sind auch Geschäftspartnerinnen: Zusammen führen sie seit ein paar Jahren in München und Zell am See einen Weinvertrieb für hochklassige Restaurants. Jetzt wollen sie hier in Heimstetten Wein und Champagner an Privatleute verkaufen. Mittags gibt es außerdem selbstgekochte Speisen zum Mitnehmen. Zuletzt standen Spargelrisotto und Roastbeef-Bagel auf der Karte. Zwischen fünf und zehn Euro kosten die Gerichte. Und sobald die Corona-Bestimmungen es wieder erlauben, wollen sie Seminare und Verkostungen anbieten, Winzer und Köche einladen, die die Menschen rund um München in die Welt des feinen Geschmacks einführen.

Kann das in einer Gegend funktionieren, wo viele Menschen unter Genuss vor allem den Konsum von Bier und Brathendl verstehen? Heidi und Franziska Schrade meinen ja. Seit ein paar Jahren machten in München schließlich immer mehr Weinbars auf und die Stadt sei ja von Heimstetten bloß zwei S-Bahnstationen entfernt. Als Verkäuferinnen eines Luxusprodukts sehen sie sich allerdings nicht. Die Flaschen in den weißen Regalen kosteten zwischen fünf und 80 Euro. Sie stammen hauptsächlich von Winzern aus Deutschland, Italien und Österreich, der Heimat von Heidi Schrade. In Zell am See brachten ihre Eltern ihr bei, dass zu einem guten Essen auch ein guter Wein gehört - eine Weisheit, die sie an ihre Tochter Franziska weitergab. In der Schulzeit habe sie zu Partys statt billigem Schnapsfusel auch schon mal eine Flasche Wein mitgebracht, die man im Supermarkt nicht so schnell finden würde, so erzählen es die beiden.

Aus der Leidenschaft für Wein wurde vor sechs Jahren ihr Beruf. Damals begannen sie eine Ausbildung zum Sommelier. Zuvor hatte Franziska das Abitur gemacht und sich von ihrem ersten großen Berufswunsch verabschiedet: Balletttänzerin. Bis dahin hatte sie mindestens fünfmal die Woche im Juniorballett der Bayerischen Staatsoper trainiert, seit ihrem dritten Lebensjahr Unterricht erhalten. Heidi Schrade sagt, dass sie ihre Tochter nie zu etwas drängte. Und auch Franziska Schrade betont, dass sie nicht die Mutter, sondern der Spaß auf die Bühne trieb. Doch dann sei der Druck gestiegen. Sie habe beobachtet, wie andere Schülerinnen Abführmittel nahmen, um Gewicht zu verlieren. Als sie erkannte, dass aus ihr keine Primaballerina werden würde, wollte sie gar keine Tänzerin mehr sein. Mit einem "Gott sei Dank", kommentiert die Mutter das.

Ehrgeiz und Disziplin gehören aber wohl auch dazu, um in der Weinszene zu bestehen. Wenn sie auf Messen fahren, würden sie schon mal an die 50 Weine verkosten, erzählt Heidi Schrade. Ohne zu schlucken - versteht sich. Doch Geschmack müsse man trainieren. "Wie für einen Marathonlauf." Alle paar Wochen würden sie zu einem anderen Weingut fahren, sich ständig weiterbilden, sagt ihre Tochter. "Guter Wein ist ein Kunstwerk." Sie würde den Menschen gerne Facetten davon zeigen, die sie noch nicht kennen - zum Beispiel, dass Sake, der japanische Reiswein, nicht nur zu Sushi schmeckt oder dass auch in Ungarn und Kroatien Winzer ihr Handwerk verstehen.

Über den Geschmack sind sich Heidi und Franziska Schrade einig. So wie überhaupt in den meisten Dingen, sagen sie. Wie das kommt? So genau können Mutter und Tochter das nicht erklären. Eine Vermutung hat Heidi Schrade aber: "Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass sie mit allem zu mir kommen können." Außerdem habe sie sich immer gut daran erinnern können, wie es ist, jung zu sein: Mit Anfang 20 brachte Heidi Schrade, die damals als Krankenschwester arbeitete, ihren ersten Sohn auf die Welt. Franziska und ein weiterer Sohn folgten. Zu all ihren Kindern sei das Verhältnis sehr gut, sagt Heidi Schrade - auch wenn ihre Söhne lieber Bier als Champagner trinken würden.

Für ein Muttertagsgeschenk in letzter Minute öffnet die M&D Winegallery diesen Sonntag von 9 bis 12 Uhr. Sonst hat der Laden an der Hauptstraße 4 in Kirchheim montags bis freitags von 11 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Mittwoch ist Ruhetag.

© SZ vom 09.05.2020

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