Süddeutsche Zeitung

Jobben in den Ferien:Anstreicher, Drahtspinner und Volkszähler

Seit jeher bessern Schüler mit Ferienjobs ihr Taschengeld auf und finanzieren so die nächste Reise oder den Führerschein. Eine Ministerin, ein Bürgermeister, ein Fußballtrainer und andere erzählen von ihren Jugenderfahrungen.

Endlich Ferien! Das bedeutet für Schüler höherer Jahrgangsstufen nicht nur Erholung. Neben Urlaub, Badesee und Nichtstun nutzen viele die Zeit, um sich ein Extra-Taschengeld zu verdienen. Als Aushilfe am Bau oder in der Gastronomie, als Austräger von Prospekten oder Regalauffüller im Supermarkt. Bayerns Arbeitsministerin Kerstin Schreyer (CSU) findet, dass Ferienjobs nicht nur eine Möglichkeit bieten, die eigene Kasse aufzufüllen, Jugendliche erhielten dabei einen ersten Einblick in die Arbeitswelt. Manche Jobs sind dabei so skurril, aufregend, anstrengend, vielleicht auch nervig oder langweilig und ernüchternd, dass sie in Erinnerung bleiben.

Stefan Schelle, 55, Bürgermeister von Oberhaching

In Oberhaching sind die Laternenmasten rot und die Stangen der Verkehrsschilder dunkelgrün. Das war schon immer so. Stefan Schelle, seit 2002 Bürgermeister der Gemeinde, weiß das so genau, weil er all diese Stecken in den Straßen seines Heimatorts als Schüler gestrichen hat. Mit 15 Jahren hatte er einen Ferienjob im Bauhof gefunden. Erst half er bei der Pflege der Grünflächen, dann fand man eine besondere Aufgabe für ihn - die Masten und Kästen der Isar-Amper-Werke streichen. "Zum Glück kannte ich mich im Ort gut aus", sagt Schelle. Denn einen Plan hatte man dem Aushilfsmaler nicht mit an die Hand gegeben. "Ich sollte einfach alle anstreichen, die ich finde", erinnert sich der Bürgermeister. So packte Schelle Leiter und Farbe aufs Rad und legte los. Lampen rot, Verkehrsschilder grün und Stromkästen braun. Letztere sehen heutzutage anders aus, aber die Rot-Grün-Optik der Masten hat die Gemeinde beibehalten, "aus gestalterischen Grünen", wie Schelle sagt. Nur zieht heute kein Ferienjobber los, um die Lackierung zu erneuern. "Die werden inzwischen in diesen Farben geliefert", sagt der Bürgermeister. Ferienjobs bei der Gemeinde Oberhaching gibt es aber nach wie vor.

Michael Blume, 59, Kulturamtsleiter in Taufkirchen

Blume ist in einer kleinen Gemeinde in der Eifel aufgewachsen, in Hellenthal. Irgendwo zwischen Köln, Aachen und Bonn. Die lukrativsten Ferienjobs gab es in den Siebzigerjahren bei den Mannesmann-Röhrenwerken. Blume war als Schüler dafür zuständig, mit zwei Kollegen die Rohre auf die Fließbänder zu hieven und in die Thermo-Heizöfen zu schieben. "Dann musste man 20 Minuten warten, bis die wieder rauskamen", erinnert er sich. Zeit für ein Bierchen oder eine Runde Skat. Blume hatte sich hauptsächlich für Nachtschichten einteilen lassen. "Da gab es super Zuschläge, niemand von den Chefs war da und man konnte auch mal in einem der Abstellräume die Füße hochlegen", gibt er zu. Und der Job habe richtig gut Geld eingebracht. So sei das Ticket für den nächsten Interrail-Urlaub schnell verdient gewesen, sagt er. Die Rohre, die sie damals hergestellt hatten, seien vor allem für Atomkraftwerke gewesen. "Und am Wochenende", so Blume, "sind wir dann zum Demonstrieren gegen das Atomkraftwerk Kalkar gegangen".

Claus Schromm, 50, Trainer des Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching

Offenbar war der Job im Oberhachinger Bauhof für Jugendliche vor etwa 35 Jahren ein echt heißer Tipp, denn nicht nur der heutige Bürgermeister, sondern auch der Trainer des Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching hat sich dort damals in den großen Ferien sein Taschengeld aufgebessert. Claus Schromm, der in Deisenhofen aufgewachsen ist, glaubt, sich auch noch an die Bezahlung zu erinnern: "Ich meine, es gab 8,30 Mark die Stunde", sagt der 50-Jährige. Mit Geld kennt sich der Coach schon aus beruflichen Gründen aus, schließlich musste er in den vergangenen Jahren stets mit kleinem Etat eine möglichst schlagkräftige Mannschaft formen. Durch den jüngsten Börsengang hat man sich zumindest für die nächsten drei Jahre ein solides Budget gesichert. Und noch eine Erfahrung aus seinem einstigen Ferienjob dürfte Schromm heute zugute kommen: Damals wie jetzt findet sein Berufsleben im Freien statt, denn für den Bauhof musste er meistens Unkraut jäten. "Ich sehe mich immer noch, wie ich mit einem Hammer bewaffnet in der prallen Sonne sitze und das Unkraut von den Bordsteinrändern rausklopfe. Das habe ich damals zwei Wochen durchgezogen, dann war's genug." Von den Gemeindeangestellten war nicht mit allzu viel Hilfe zu rechnen: "Die waren froh, dass sie mich hatten. Da konnten sie es ruhig angehen lassen", so der Fußballtrainer.

Michael Brauns, 51, Pressesprecher der Bundeswehr-Uni Neubiberg

Dass man über den eigenen Ferienjob im Geschichtsbuch nachlesen kann, das kann nicht jeder von sich sagen. Michael Brauns aber schon. Denn er half 1987 im Berliner Bezirk Lankewitz - dort wuchs er auf - bei der Volkszählung mit. Der Bund wollte mit der Aktion die Zahl der Bürger erfassen, um die Infrastruktur dementsprechend anpassen zu können. Das Vorhaben war hoch umstritten. Kritiker rügten, dass die Zählung den Datenschutz unterlaufe. Für Brauns war es vor allem ein Ferienjob, der mit 600 D-Mark ziemlich gut bezahlt war. Ausgestattet mit Fragebögen, die bei den Bürgern etwa Familienstand, Religionszugehörigkeit oder die Anzahl der Autos abfragten, lief er vier Straßen ab und klingelte an den Haustüren. "Ich sollte kontrollieren, wie viele Personen dort wohnen und ob dort noch jemand anderes wohnt als auf meiner Liste", erinnert sich Brauns. Obwohl die Zählung sehr kritisch gesehen wurde, seien die Leute, bei denen er klingelte, freundlich gewesen. "Mir hat keiner die Tür vor der Nase zugeschlagen", sagt er. Brauns erinnert sich allerdings noch an eine Frau, bei der sich ein junger Mann aus Chile vorfand, der nicht auf der Liste stand. "Sie sagte, er sei ein Student und wohne ein paar Monate bei ihr. Aber das war ihr sichtlich unangenehm." Mit den 600 Mark hat sich Brauns dann seinen Führerschein finanziert. Und mit dem Geld aus einem weiteren Ferienjob - als Eisverkäufer.

Nicht zu schwer

Bei der Wahl des Ferienjobs gibt es ein paar Regeln zu beachten, denn Schüler dürfen nicht jede Tätigkeit machen. "Arbeit, die zu früh beginnt, zu lang dauert oder zu schwer ist, ist ungeeignet als Ferienjob", erklärt die bayerische Arbeitsministerin Kerstin Schreyer (CSU). So dürfen Schüler ab einem Alter von 15 Jahren in den Ferien bis zu vier Wochen pro Jahr arbeiten - nicht mehr vollzeitschulpflichtige Schüler (in Bayern nach neun Schuljahren) auch länger. Sie dürfen acht Stunden täglich zwischen 6 und 20 Uhr beschäftigt werden. Wer in Gaststätten einen Job findet und bereits 16 Jahre alt ist, darf dort sogar bis 22 Uhr arbeiten. Gefährliche Arbeiten sowie beispielsweise Fließband- oder Akkordarbeit sind jedoch nicht erlaubt. Ab 13 Jahren dürfen Schüler zwei Stunden täglich zwischen 8 und 18 Uhr beschäftigt werden, dafür aber das ganze Jahr über. Zulässig sind beispielsweise Werbeprospekte austragen, Babysitten oder Nachhilfeunterricht geben. Das Wochenende ist grundsätzlich tabu. Ausnahmen bestehen aber etwa für Gaststätten, bei Sportveranstaltungen oder in der Landwirtschaft. Arbeiten im Handel sind am Wochenende nur an Samstagen erlaubt. SZ

Dagmar Häfner-Becker, 49, Pfarrerin der Jesuskirche Haar

Die Eltern fanden es gar nicht so gut. Sie meinten, ihre Tochter sollte sich lieber auf die Schule konzentrieren. Aber Dagmar Häfner-Becker ließ sich als Teenager nicht davon abbringen, während der Schulzeit schon einen doch ziemlich anstrengenden Job zu übernehmen, den sie in den Ferien dann noch ausbaute. Denn ihr machte es Spaß, gemeinsam mit ihrer Freundin zuzupacken. Als 17-Jährige half sie im Elisabethhaus, einem Seniorenheim in Bad Nauheim, in der Küche und spülte Geschirr. Die Arbeit sei schwer gewesen, heiß sei es gewesen. Sie und ihre Freundin hätten zu zweit im Team schnell das Geschirr in die Industriespülmaschine ein- und ausräumen müssen. Das Schöne sei auch der Kontakt mit dem Personal und den Hausbewohnern gewesen. Damals schon war Häfner-Becker in der Kirchengemeinde in Jugendgruppen engagiert. Der Kontakt ins evangelische Seniorenheim kam über die Freundin zustande. "Ich wollte einfach mehr Geld haben als das Taschengeld", sagt Häfner-Becker, "ich hatte Lust auf ganz andere Erfahrungen als Schule".

Jan Murken, 84, Leiter des Otto-Museums in Ottobrunn

"Junge, jetzt haste wieder ein Fahrtenbuch, das kuckste jetzt durch." Das war so ein Spruch, den Jan Murken als Schüler um 1950 herum bei seinem Ferienjob bei einer Weberei in Gütersloh immer wieder zu hören bekam. Er war dort für 75 Pfennig in der Stunde dafür zuständig, die Fahrtenbücher der Stofflieferanten zu überprüfen. "Ich war ausgestattet mit Landkarte und Messrädchen", sagt Murken. Der eine Fahrer war in Bielefeld gewesen, der andere in Münster. "Es hat viel Spaß gemacht, weil man alle Ecken des Münsterlands und Ostwestfalens kennengelernt hat", schwärmt der gebürtige Gütersloher noch heute. Weniger spannend fand er einen anderen Ferienjob bei derselben Firma. Da musste er Pakete mit einem Kupferdraht verschließen. Draht in ein Gerät einlegen, Hebel umlegen und der Draht war am Ende zur Spirale gedreht. "Es war eine schrecklich monotone Arbeit - und man hat Schwielen an den Händen bekommen." Spaß hatte Murken trotzdem, weil es gesellig war und er mit anderen Schülern zusammenarbeitete. "Große Reisen gab es damals ja nicht, man hat sich die Langeweile vertrieben", erzählt er. Schüler hätten sich vor den Ferien nicht gefragt, "Wo fährst Du hin?", sondern "Was arbeitest Du in den Ferien?".

Kerstin Schreyer, 48, Bayerns Sozial- und Arbeitsministerin

Auch die CSU-Ministerin selbst kann sich noch gut an ihre Ferienjobs erinnern. Und sie findet, man sammele praktische Erfahrung für die persönliche Entwicklung. "Während meiner Schul- und Studentenzeit habe ich insgesamt elf Jahre in einem Altenheim sowohl im Wohnbereich, als auch in der Cafeteria gejobbt", sagt Schreyer. Nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist zudem ein Ferienjob in einer Bäckerei. "Seitdem weiß ich, was es heißt, über Stunden auf einem Steinboden zu stehen und Brötchen aufzubacken und zu verkaufen." Und sie wisse auch, wie körperlich anstrengend der Pflegeberuf, aber auch die Tätigkeit in der Cafeteria sind. "Ich habe großen Respekt vor der Leistung, die die Menschen dort täglich erbringen. Wie die Wirklichkeit aussieht, erkennt man oft erst, wenn man es selbst erlebt hat. Dann spürt man auch als junger Mensch die Knie oder den Rücken nach einem Arbeitstag."

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Quelle:
SZ vom 03.08.2019/belo
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