Süddeutsche Zeitung

Jazz: Charles Lloyd im Gespräch:Sanftmut und Saxophon

Der herausragende Jazzmusiker Charles Lloyd über Jugendwahn, Altersweisheit und seine Vorliebe für ein kleines Münchner Label. An diesem Abend tritt der 72-Jährige in der Muffathalle auf.

Oliver Hochkeppel

Schlohweiße Haare, angedeuteter Kinnbart, dafür die Haut straff und der ganze Körper drahtig - der 72-jährige Saxophonist Charles Lloyd sieht nicht viel anders aus als in den achtziger Jahren. Da war Lloyd triumphal aus dem gut zehnjährigen Exil als Meditationslehrer in die Jazzwelt zurückgekehrt. Seitdem hat er sich als Balladen-Magier mit unverwechselbar lyrischem Ton auf vielen ecm-Alben - "Mirror" heißt das jüngste, soeben erschienene - seinen Platz in der Geschichte gesichert. Vor dem Auftritt an diesem Dienstag in der Muffathalle (20 Uhr) sitzt er - nach einem bewegenden Konzert in Padua, wie er erzählt - erschöpft im Hotelzimmer, läuft aber schnell wieder zu großer Form auf. Als Gesprächspartner, der gerne abschweift, widerspricht und lange Anekdoten und Parabeln einstreut.

SZ: Warum haben Sie sich 1969 plötzlich zurückgezogen?

Charles Lloyd: Ich verließ die Plantage. Ich hatte das unbezähmbare Verlangen, an meinem Innenleben zu arbeiten. Seit ich ein Kind war, sah ich mich gedrängt, das Chaos der Welt mit Musik zu lindern. Als ich entdeckt hatte, dass ich das nicht kann, entschied ich mich für das, was ich ändern konnte: mich selbst. Und ich hatte an vielen Beispielen gesehen, wie nötig charakterliche Bildung ist, all die Exzesse, von Miles Davis bis Jimi Hendrix. Ich brauchte Heilung.

SZ: Sie spielten mit ihrem Quartett auf Festivals wie "The Fillmore", wo sonst nur Rock- und Popstars auftraten. War das nur cleveres Management?

Lloyd: Nein, an Management dachten wir überhaupt nicht. Es passierte in den Sechzigern einfach etwas Besonderes. Die Grenzlinien waren gefallen, die gewöhnlichen Radiosender waren das Einfallstor, durch das die Musik von Billy Holliday über Ravi Shankar oder Jimi Hendrix bis zu meiner zu den Leuten drang. Es war eine Zeit echten Wandels. Ich weiß heute viel mehr darüber. Ich weiß, dass Identität unser Geburtsrecht ist, wir das aber nicht ausüben, weil wir von der Welt hypnotisiert werden.

SZ: Stimmt es, dass Michel Petrucciani Sie zur Rückkehr überredet hat?

Lloyd: Das ist alles Geschichte, warum interessiert Sie das? Na gut, ich lebte also in Big Sur ein einfaches Leben in der Isolation. Ich studierte gerade einen alten Vedanta-Text über einen Verkrüppelten, als dieser kleine Mann auftauchte. Das war also eine Fügung. Ich nahm ihn einige Zeit mit um die Welt, denn die Alten hatten auch mir immer geholfen. Bei dem Versuch, ihm zu helfen, wurde ich wieder von der Kobra gebissen. Nachdem ich eine Krankheit überlebt hatte, widmete ich mein Leben der Tradition, von der ich kam. Und das ist, was Sie heute sehen.

SZ: Das neue Album "Mirror" enthält neben eigenen Stücken zwei von Monk, eines von Brian Wilson und Traditionals. Ist es eine Retrospektive, eine Quintessenz ihres Schaffens?

Lloyd: Ja. Obwohl ich nie mit Monk gespielt habe - ich traute mich als ganz junger Kerl nicht, als jemand mich in sein Haus einlud, auf sein Geheiß, wie ich später erfuhr -, ist er für mich eine Schlüsselfigur. In seiner Exzentrik und Ekstatik. Brian Wilson und die Beach Boys waren Freunde und Alliierte in einer schwierigen Zeit. Denn seit meinem Rückzug war ich auf der schwarzen Liste der Musikindustrie. Ich war ja der Sklaverei entflohen, hatte meinen Vertrag nicht erfüllt. "I Fall In Love Too Easily" zum Einstieg - ich spiele ausnahmsweise das Altsaxophon - ist der 16-jährigen Tochter eines befreundeten Schriftstellers gewidmet. Sie wurde in Los Angeles ermordet. Sie half Obdachlosen - und ein Verrückter kidnappte und tötete sie. Wir erfuhren auf Tour davon. Ich habe jede Nacht an sie gedacht. Wie schon bei anderen Alben habe ich hier versucht, etwas Sanftmut in die Welt zu tragen. Ich bin im Süden aufgewachsen, und Songs wie "Go Down Moses", das auch auf der CD ist, haben mir als Kind auf diese Weise geholfen.

SZ: Sie haben mit großartigen jungen Jazzern gespielt, darunter mit den Pianisten Keith Jarrett, Brad Mehldau, Bobo Stenson, Geri Allen oder jetzt Jason Moran. Wie suchten Sie die aus?

Lloyd: Stets sind die Musiker zu mir gekommen, wie damals Petrucciani. Für mich war das stets ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich spielte zum Beispiel 2001 mit Billy Higgins, kurz bevor er starb. Noch auf dem Totenbett wollte er, dass ich mit ihm weitermache. Ich fragte ihn, ob er zurückkommt. Er sagte: Nein, aber ich werde immer mit dir sein. Und dann sandte er mir Eric Harland von der anderen Seite. Durch Eric und das, was er spielt, ist Billy immer noch bei mir. Und Eric ist mit Jason aufgewachsen. Er hat ihn empfohlen. Und Vertrauen ist das Wichtigste.

SZ: Sie vertrauen seit ihrer Rückkehr auch dem Münchner Label ecm. Dachten Sie nie mehr daran, wieder zu einem amerikanischen Major Label zu gehen?

"Ich habe jede Nacht an sie gedacht"

Lloyd: Ich habe mit ecm einen Vertrag, der ist eine Seite lang. Darin steht, du bist bei uns und wir sind mit dir, bis einer beschließt, sich zu trennen. Das entspricht mir. Seit 1989 sind sie fair zu mir. Nach den ersten Erfolgen kam einmal eine US-Firma mit einem enormen Angebot. Finanziell und mit dem Versprechen, mir alles einfacher zu machen. Ich ging zu Manfred (Eicher, Chef von ecm) und sagte ihm, ich würde vielleicht das amerikanische System probieren. Er meinte: "Wir bauen doch gerade erst etwas auf, warum willst du das aufgeben? Wir wissen, wie es geht. Wir wissen, wer du bist. Wir machen Zauberei zusammen. Willst du das zerstören?" Die Amerikaner kamen mit einem 42-Seiten-Vertrag, den ich gar nicht lesen sollte. Ich tat es trotzdem in einem Nebenzimmer. Was da drin stand, war Sklaverei. Also rief ich Manfred an und fragte, ob ich bleiben kann. Er sagte: Natürlich. Also, diesen Fehler werde ich nie wieder machen. Es ist vielleicht klein und langsam, was wir machen, aber es ist ehrlich und integer. Und ironischerweise ist die Plantage inzwischen ja geschlossen.

SZ: Sie arbeiten bevorzugt im Quartett...

Lloyd: ...das scheint so, aber schon das ist ein viel größeres Orchester. Ich arbeite mit sympathischen Seelen, es hängt vom Kontext ab... (er holt sein Laptop und spielt neue, sehr getragene Mikis-Theodorakis-Stücke vor, mit seinem Saxophon, Orchester und der Sängerin Maria Farantouri)... das ist das nächste Projekt.

SZ: Sie lieben also Sänger?

Lloyd: Ja, als Kind wollte ich einer werden. Aber ich hatte nicht die Stimme dafür. Also wurde das Saxophon meine Stimme.

SZ: Warum haben Sie dann so selten mit Sängern gearbeitet?

Lloyd: Weil es so lange gedauert hat, bis ich Maria Farantouri traf.

SZ: Interessiert Sie der aktuelle Jazz?

Lloyd: Nun, wir arbeiten jeden Abend selbst daran. Ich bin altmodisch, ich kann dazu sonst nichts sagen. Karrieren. Kennen Sie deren drei Stufen? Anfangs verreißen dich alle, alles Mist; dann zertrampeln sie dich und sagen, das wird nie was. Schließlich sagen alle: Wir haben schon immer gewusst, dass er ein Großer ist.

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Quelle:
SZ vom 23.11.2010/hai
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