Familienchronik„Mir war es wichtig, nicht nur die Geschichte der Nazi-Verfolgung zu schreiben“

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Jan Mühlstein, langjähriger Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom München, vor Familienfotos und Büchern in seiner Gräfelfinger Wohnung. Er stellt jetzt seine Familienchronik in Planegg vor.
Jan Mühlstein, langjähriger Vorsitzender der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom München, vor Familienfotos und Büchern in seiner Gräfelfinger Wohnung. Er stellt jetzt seine Familienchronik in Planegg vor. (Foto: Florian Peljak)

Jan Mühlstein, Mitgründer und langjähriger Vorsitzender der liberalen Gemeinde Beth Shalom in München, hat die Geschichte seiner deutschsprachigen jüdischen Familie in Böhmen recherchiert. Was er dabei herausgefunden hat.

Von Udo Watter, Gräfelfing

Die älteste der drei Töchter ist Rabbinerin, und wenn Jan Mühlstein und seine Frau Verena das Verlangen verspüren, einen jüdischen Feiertag mit der ganzen Familie zu verbringen, dann heißt es: auf nach London. Schließlich hat Lea Mühlstein, die in der britischen Hauptstadt lebt, an solchen Tagen zu arbeiten – zuletzt traf sich die deutsch-jüdische Familie dort im April zum Sederabend am Beginn des Pessachfestes.

Die jüdische Identität, die Familie: Für Jan Mühlstein, der 1949 in Most (Brüx) in der Tschechoslowakei geboren wurde, und schon seit vielen Jahren in Gräfelfing wohnt, sind das zwei tragende Eckpfeiler seines Daseins. Mühlstein, der 1969 infolge der Repressionen nach dem Prager Frühling – in dessen Kontext er als Student eine aktive Rolle gespielt hatte – in die Bundesrepublik Deutschland emigrierte, gehörte Mitte der Neunzigerjahre zu den Gründern der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München. Er hat über viele Jahre wichtige Ämter als Verbandsfunktionär bekleidet, von 1999 bis 2011 war er etwa Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland.

Mittlerweile hat sich Mühlstein von seinen Ämtern weitgehend zurückgezogen, um ein Buch zu schreiben. Eine Familienchronik, die sich mit der Vergangenheit der Vorfahren beschäftigt, aber auch einen Blick darüber hinaus auf die Historie im jüdisch-deutsch-böhmischen Kosmos wirft.

Ausgehend von den Erzählungen seiner Eltern, die die Konzentrationslager in Theresienstadt und Auschwitz überlebt haben, hat er die Geschichte seiner deutschsprachigen jüdischen Familie recherchiert. „Ich komme aus einer Familie von Überlebenden“, sagt Mühlstein, „meine Eltern haben viel darüber gesprochen. Es war kein Tabuthema.“  Und obwohl im erweiterten Familienkreis viele während der Shoa zu Tode kamen, prägte das Gefühl des „Triumphs der Überlebenden“ das familiäre Narrativ. „Dass sie es geschafft haben, daraus haben, glaube ich, meine Eltern positive Energie gezogen“, sagt Mühlstein.

Dem promovierten Physiker, der lange als Wirtschaftsjournalist gearbeitet hat, war es ein Anliegen, die aus dem erzählerischen und dokumentierten Erbe seiner Familie gespeiste Historie zu vertiefen: „Ich wollte, dass nichts verloren geht. Ich wollte Lücken durch meine Recherchen schließen.“ Zudem galt es aber, diese exemplarisch einzubetten: In seinem Buch, das offiziell erst im Herbst im Hentrich & Hentrich Verlag erscheint, schildert er den Wandel der jüdischen Lebenswelten in Böhmen, der infolge der Reformen des Kaisers Joseph II. im 19. Jahrhundert begann.

Warum seine Familie damals, als die Juden offiziell Familiennamen annehmen mussten, zu „Mühlsteins“ wurden, wisse er nicht. „Wir waren ursprünglich Gerber, nicht Müller“, sagt er. Einer seiner Vorfahren sei noch mit Kurzwaren hausieren gegangen. Mühlstein erzählt mit Verve, freundlich und unprätentiös.

Jan Mühlstein (rechts) mit seinen Eltern und seiner Schwester um 1960.
Jan Mühlstein (rechts) mit seinen Eltern und seiner Schwester um 1960. (Foto: privat)

Später in seiner Chronik geht es um die erfolgreiche jüdische Emanzipation, die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung in der Zwischenkriegszeit unter Tomáš Masaryk, die indes mit der Eliminierung der ersten tschechoslowakischen Republik durch die Nazis 1938/39 endete. Das Menschheitsverbrechen des Holocausts spielt anschließend die Hauptrolle, markiert aber nicht das Ende. Man könne das Buch zwar als Warnung lesen, die Wirkmächtigkeit von Antisemitismus nie zu unterschätzen, es gehe ihm aber um mehr, sagt Mühlstein.

„Mir war es wichtig, nicht nur die Geschichte der Nazi-Verfolgung zu schreiben. In meiner Familie ist die positive jüdische Identität prägend. Das Judentum ist nicht auf die Shoa reduziert.“ Gerade die Geschichte des liberalen Judentums bekannter zu machen, befeuert ihn: Die Richtung, die Tradition und Moderne zu vereinen sucht und die in der göttlichen Offenbarung keinen einmaligen Vorgang wie die Orthodoxie sieht, sondern einen ständigen Prozess. Es ist eine Bewegung, die im 19. Jahrhundert in Deutschland entstand und dort auch bis in die NS-Zeit dominierte.

Nach dem Krieg änderte sich das, der 1950 gegründete Zentralrat der Juden ist vornehmlich orthodox geprägt. Die Tradition des liberalen Judentums, zu dessen bekanntesten Vertretern Leo Baeck gehört, von dem in Mühlsteins Wohnzimmer einige Bücher im Regal stehen, war vorbei. Jan Mühlstein, der in Nordböhmen vornehmlich tschechischsprachig aufwuchs und auch in kommunistischen Jugendorganisationen war, wurde hingegen in seinem kleinen jüdischen Umfeld vom liberalen religiösen Geist angeweht.

In die Bundesrepublik kam er 1969 auch deswegen, weil er in München Familie hatte. Es gelang ihm bald, einen deutschen Pass zu bekommen. Vorbehalte gegen das Land der Täter? „Meine Eltern haben gesagt: Das waren die Nazis, nicht die Deutschen.“ Sie wie auch seine Schwester sollte der junge Mühlstein danach länger nicht sehen, sie blieben in der CSSR. Er selbst studierte zu Ende, war 1977/78 bei Amnesty International, wo er seine heutige Frau kennenlernte und strandete später im Würmtal, wo er Journalist bei einem energiewirtschaftlichen Fachblatt wurde.

Viele jüdische Menschen ziehen sich derzeit aus der Öffentlichkeit zurück

In den Neunzigerjahren war Mühlstein Mitgründer von Beth Shalom in München, es war eine Zeit, in der sich durch die neu immigrierten jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion einiges änderte. „Es gab Gruppen, die eine Alternative suchten.“ Anfangs misstrauisch beäugt von der Israelitischen Kultusgemeinde ist das Verhältnis laut Mühlstein schon lange konfliktfrei und mitunter symbiotisch. Der größte Unterschied liege darin, dass in den liberalen Gemeinden Männer und Frauen, Mädchen und Jungs die gleichen Pflichten und Rechte hätten in der Religion.

Der gebürtige Tscheche Mühlstein, der im Vorstand des Vereins „Gedenken im Würmtal“ ist, war selbst zweimal Vorsitzender von Beth Shalom, zuletzt von 2011 bis 2019. Später, nach dem Gespräch in seiner Gräfelfinger Wohnung, hat er noch einen Termin: Synagogenführung in den Räumen in Mittersendling.  Der Traum von einem repräsentativen Neubau einer Synagoge, für die Stararchitekt Daniel Libeskind den Entwurf gestaltet hat, ist indes ein Stückchen entfernt von der Realisation.

Dafür gibt es bei Beth Shalom seit Kurzem einen neuen ersten Vorsitzenden: den früheren SZ-Autor C. Bernd Sucher. In dem Zusammenhang erwähnt Mühlstein, dass sich andere jüdische Menschen dagegen gerade aus der Öffentlichkeit zurückziehen würden: Folgen des Terrorangriffs der Hamas und des Krieges in Gaza.

Mühlstein selbst hat nach eigenen Angaben zwar keine negativen Erfahrungen gemacht, wenn er etwa in der S-Bahn die „Jüdische Allgemeine“ lese – er und seine Frau hätten auch einen nicht-jüdischen Freundeskreis –, aber die Situation an Schulen und Universitäten habe sich verschlechtert.  Er ist kein Freund der Regierung Netanjahu und kritisiert die israelische Kriegsführung, sieht aber die Situation differenziert und wünscht sich, dass die Hamas endgültig verschwindet.

„Israel geht uns immer etwas an“, sagt Mühlstein, der das Land oft besucht hat. „Ich würde mich sogar als Zionist bezeichnen, in dem Sinne, dass es wichtig ist, dass es einen israelischen Staat gibt.“  Andererseits: „Auch das Judentum in der Diaspora war immer schon Lieferant von Ideen.“  In München etwa oder in London.

Lesung von Jan Mühlstein: Eine jüdisch-deutsch-böhmische Geschichte, Literatur im Kupferhaus Planegg, Freitag, 6. Juni, 19 Uhr.

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