Münchner Norden:Das künstliche Paradies der Ornithologen

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Der Ismaninger Speichersee liegt vor allem auf Aschheimer Flur. (Foto: Robert Haas)

Der Ismaninger Speichersee wurde einst für die Stromgewinnung und zur Klärung des Münchner Abwassers gebaut. Inzwischen hat er sich zu einem der wichtigsten Vogelreservate Europas entwickelt.

Von Irmengard Gnau, Aschheim

Ein bisschen wurmt es die Aschheimer natürlich schon. Dass der Speichersee, der eigentlich doch auf dem Gelände der Gemeinde im östlichen Landkreis München und dem der angrenzenden Kommunen Kirchheim, Pliening und Finsing liegt und Ismaninger Gebiet kaum berührt, den Namen der Nachbargemeinde trägt. Doch es hat sich eingebrannt, das Gewässer nordöstlich von München ist heute als "Ismaninger Speichersee" bekannt, bei Ausflüglern und Besuchern von nah und fern. Da half es auch nichts, dass der damalige Aschheimer Bürgermeister Helmut Engelmann vor einigen Jahren Schilder mit dem Namen "Aschheimer Speichersee - Ramsargebiet" aufstellen ließ; der Name "Ismaninger Speichersee" war längst so etabliert, dass er in Gebrauch blieb.

Warum eigentlich? Auch der Aschheimer Ortshistoriker Peter Stilling suchte lange nach einer Antwort auf diese Frage. Seit Jahren sammelt er alte Fotoaufnahmen aus der Umgebung, hält Erinnerungen und Anekdoten fest. Mehrere Filme zur Geschichte der Gemeinde sind schon aus seiner Sammlung entstanden. Auch den Bau des Speichersees hat er filmisch nachgezeichnet. Der sieben Kilometer lange See mit einer Oberfläche von 580 Hektar wurde 1929 angelegt als Speicherbecken am Oberlauf des Mittlere-Isar-Kanals. Der Kanal zweigt bei Oberföhring ab und führt das Wasser über fünf Kraftwerksstufen bei Landshut wieder ins Flussbett der Isar zurück. Über den Speichersee lässt sich die Energieerzeugung im Kanal regulieren. Außerdem diente der Speichersee mit den direkt südlich angrenzenden Abwasserfischteichen, die vom Teichgut Birkenhof verwaltet wurden, fast vier Jahrzehnte zur Klärung von Münchner Abwasser auf biologische Weise: In den Teichen wurden Karpfen gehalten, die in dem mechanisch vorgereinigten Wasser aus den Kläranlagen Nahrung fanden und es so weiter reinigten. Bis Ende der 1990er-Jahre fand diese Methode Anwendung.

Abfischen der Karpfen an den Fischteichen südlich des Speichersees um 1955. (Foto: Archiv: Peter Stilling)

Doch der Speichersee dient nicht nur den Menschen. Auch Vögel entdeckten bald das neue Gewässer und ließen sich auf der großzügigen, von schützendem Grün umgebenen Fläche zur Brut, Rast und Mauser nieder. Das blieb Vogelliebhabern nicht verborgen. Vor allem der Gymnasiallehrer und begeisterte Ornithologe Walter Wüst, der lange am Münchner Wilhelmsgymnasium tätig war, hat den Ruf des Gewässers als Vogelparadies begründet. Wüst, der 1993 gestorben ist, eröffnete vielen jungen Menschen die Faszination für die Vögel und ihre Welt. Von 1953 bis 1972 stand er der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern vor. "Walter Wüst ist so etwas wie der Nestor der Ismaninger Ornithologie", sagt sein Nachfolger Manfred Siering, der die Ornithologische Gesellschaft seit 1994 führt. Und Wüst war es auch, der den Namen des Speichersees prägte, im Volksmund wie in der Fachliteratur.

Walter Wüst (rechts) hat den Namen "Ismaninger Speichersee" geprägt und in der Welt der Vogelkundler international bekannt gemacht. Wüst und seine Nachfolger Manfred Karcher (links) und Manfred Siering (Mitte), seit 1994 Vorsitzender der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, bei einer Ornithologen-Tagung in der Steiermark 1976. (Foto: Archiv Siering)

Der Grund für die geografisch nicht ganz korrekte Benennung liegt in einem praktischen Umstand. Wüst reiste öffentlich zu seinen Beobachtungen an. Und das war wesentlich einfacher über die nördlich des Speichersees gelegene Gemeinde Ismaning möglich, die schon seit 1909 über einen Bahnanschluss verfügte, der einst für den Transport des dort angebauten Krauts zu Fabriken nach München angelegt worden war. "Die meisten Ornithologen kamen mit dem Radl in der Bahn", erinnert sich Siering. Da er den See von Ismaning aus erreichte, lag es nahe, dass Wüst diesen auch "Ismaninger Speichersee" nannte. Diesen Namen übernahmen seine Anhänger und brachten ihn in die ornithologische Fachliteratur ein, aus der er heute nicht mehr wegzudenken ist.

"Da war ich wie in einer anderen Welt."

Seit 1976 ist der Ismaninger Speichersee als Feuchtgebiet internationaler Bedeutung eingestuft, er gehört heute zum europäischen Biotopverbund Natura 2000. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) zählt den See zu den wichtigsten Mauserzentren für Wasservögel in Mitteleuropa, neben seiner Funktion als Rast- und Überwinterungsplatz. Er taucht in Hunderten Facharbeiten auf. Siering hat den Speichersee vor Jahren durch Wüst kennengelernt und ist bis heute von dem Gebiet fasziniert. "Als Walter Wüst damals das kleine Türchen zum Speicherseegelände aufgesperrt hat und wieder hinter unserer Exkursionsgruppe geschlossen, da war ich wie in einer anderen Welt. Wüst hat uns seine Welt gezeigt", erinnert sich Siering. "Ich weiß noch, wie mit elegantem Flügelschlag eine Wohrweihe vorbeiflog und zu uns herunterschaute. Am Speichersee haben wir ohne Mühe an die 80 Arten entdeckt, gehört oder gesehen."

Manfred Siering führt Walter Wüsts Erbe fort. (Foto: Claus Schunk)

Siering führt Wüsts Erbe fort. Als die Karpfenzucht in den Teichen im Jahr 2000 aufgegeben wurde, setzte er sich bei der Staatsregierung dafür ein, dass die Teiche erhalten blieben als Schutzgebiet. Seither springt der Bayerische Naturschutzfonds dafür ein. Erst Anfang Dezember leitete Siering eine Exkursion der Hochschulgruppen des BLV durch das Gelände. Die Vielfalt der Vogelwelt in diesem kleinen Paradies fasziniert den 76-Jährigen bis heute. Fast alle in Deutschland verbreiteten Entenarten lassen sich am Speichersee nieder, von der Knäkente über die Schnatterente bis zur Kolbenente, die im Sommer zur Mauser kommt. Verschiedene Grasmücken sind zu entdecken, ebenso wie Rohrschwirl und Pirol. Auf den Bäumen im Auwald brütet der Schwarzmilan, bevor er der Kälte nach Afrika entflieht. Auch jetzt im Winter ist Leben am See, der Eistaucher zum Beispiel ist unterwegs; zuletzt hat Siering Tundra-Saatgänse aus Sibirien gesichtet, denen die Schwedin Selma Lagerlöf in ihrem Nils-Holgersson-Roman ein literarisches Denkmal gesetzt hat. "Wir haben hier gewaltige Individuenzahlen", schwärmt Siering. "Und es gibt kein Gebiet in Süddeutschland, über das so lange Zeitreihen geführt werden - seit 1927."

Aschheims Ortshistoriker Peter Stilling hat seinen Film zum Bau des Mittlere-Isar-Kanals überarbeitet und um weitere Fundstücke ergänzt. Die neue Version wird voraussichtlich im Frühjahr 2023 zu sehen sein.

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