Ismaning Zwischen Mensch und Tier

Die Ausstellung der ersten Kallmann-Preisträgerin Yvonne Roeb in Ismaning fasziniert und irritiert zugleich. Die Berliner Künstlerin arbeitet stark mit Kontrasten und beweist handwerkliche Detailtreue bei Naturformen. Die Konzeption der Schau ist äußerst gelungen

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Wenn Yvonne Roeb wirklich so viel Inspiration für ihre Arbeiten aus ihren Träumen zieht, wie Museumsleiter Rasmus Kleine in seiner Laudatio anklingen ließ, möchte man wahrlich gern wissen, was für Kreaturen sich zu nächtlicher Stunde im Bewusstsein der 42-Jährigen so tummeln. Die Bildhauerin und Installationskünstlerin aus Berlin öffnet mit ihrem Werk Schubladen, die tief in die Ebenen menschlichen Empfindens hineinführen. Dabei bedient sie sich vielfach einer Motivik, der sich auch Hans Jürgen Kallmann, der Gründer des gleichnamigen Museums in Ismaning, intensiv gewidmet hat: Tiere waren neben Porträts und Landschaften ein bevorzugter Schwerpunkt des Malers und Zeichners, der 1991 starb. Zeitgenössische Künstler, die sich in ihren Arbeiten mit einem dieser drei Themenkomplexe beschäftigen, waren deshalb auch gesucht für den Kallmann-Preis, den die Kallmann-Stiftung in diesem Jahr erstmals ausgeschrieben hat.

Die Schlangen auf dem Teppichmotiv setzen an zum Biss oder, je nach Blickwinkel, zum Liebesspiel.

(Foto: Florian Peljak)

Die erste Preisträgerin ist nun Yvonne Roeb. Mit ihren wirkmächtigen bildhauerischen Arbeiten und Installationen überzeugte sie die Jury um Museumsleiter Kleine und setzte sich gegen etwa 300 Mitbewerber durch. Als Preis erhält die Künstlerin neben einem Artefakt und einer kleinen finanziellen Anerkennung für zwei Monate die Hälfte des Museums - bis Anfang Februar wird dort Roebs Ausstellung "Nocturnal Eden" zu sehen sein, neben Bildern Kallmanns. Es ist das erste Mal, dass die Berlinerin in Bayern ausstellt und mit ihrem eigenwilligen, eindrücklichen Stil dürfte sie den Zuschauerkreis der Ismaninger Kunsthalle noch um einige Neugierige erweitern.

Museumsleiter Rasmus Kleine und Altbürgermeister Michael Seldmair (unten r.) mit Yvonne Roeb.

(Foto: Florian Peljak)

Anders als Kallmann, der Pferde oder Affen in realistische Ölbilder fasste, sind die Tierskulpturen von Roeb surreale Wesen. Sie stehen häufig zwischen Mensch und Tier, werden zum Spiegel menschlicher Emotion. Ein Pavian starrt den Betrachter aus leeren Augenhöhlen an. Auf Augenhöhe sitzt er, leicht abstrahiert, auf einem Felsen, dessen Struktur Naturstein sein kann, aber auch an Totenschädel erinnern mag. Der bronzebeschichtete "Hominid" ist real und doch zugleich ein Produkt unserer Fantasie, er könnte einem Traum entsprungen sein, einem Albtraum oder einer Urangst. Faszination und Schauder liegen häufig nah bei einander bei der Auseinandersetzung mit Roebs Arbeiten. Die Künstlerin arbeitet stark mit Kontrasten. Das Vanitas-Motiv scheint häufig durch, naturnahe, hyperrealistisch nachgeahmte Skulpturen irritieren plötzlich durch ein unnatürliches Element. Die beiden Hunde, die scheinbar im Balgen sich auf dem Boden wälzen und beim genaueren Hinsehen an den Ohren ineinander verschmelzen. "Alter Ego", heißt die Skulptur; anders als bei anderen Künstlern eröffnet Roebs bewusst getroffenen Titelwahl noch manche zusätzliche Ebene zu ihren Arbeiten.

Yvonne Roeb wandert mit ihren Werken zwischen Tierischem und Menschlichem, Traum und Mythologie.

(Foto: Florian Peljak)

Roeb wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren, sie studierte in Münster bei Timm Ulrichs und war Meisterschülerin von Katharina Fritsch. Für ihre Werke bedient sich die Bildhauerin einer Vielfalt an Materialien, von PU-Schaum über Gips und Silikon bis hin zu Stoff für eine großflächige Teppicharbeit. Handwerklich beeindruckt die Detailtreue etwa ihrer Naturformen; einige Ausstellungsstücke erinnern in ihrer Präzision an die Dioramen in einem Naturkundemuseum. Der Eindruck des wissenschaftlichen Setzkastens bricht allerdings rasch, sobald sich die fantastische, manchmal aufwühlende Kehrseite des Modells offenbart. Auch der Mensch ist zerrissen zwischen Wachsen und Verfall, ein Wesen der Kontraste, rätselhaft. Drei Arbeiten hat Roeb eigens für die Ausstellung in Ismaning angefertigt. Pinup-Fotografien in Schwarz-Weiß vermutlich aus den Dreißiger- bis Vierzigerjahren - ein Dachbodenfund - hat sie mit Plexiglas bearbeitet, den Blick auf die nackten Frauen gebrochen. "Dividuum" nennt sie die Reihe. Die Ausstellung der ersten Kallmann-Preisträgerin Yvonne Roeb in Ismaning fasziniert und irritiert also, im Gegensatz zum Individuum, das die Künstlerin den Motiven offensichtlich nicht mehr zugesteht. Die Arbeiten heben sich ein wenig ab von den Skulpturen und vervollständigen doch das vielseitige Werk der Berliner Künstlerin.

Die Konzeption ist sehr gelungen; das Museum lässt Roebs Installationen den Raum zum Wirken, den sie benötigen. Die größte Macht entfaltet die Ausstellung, wenn man sie beinahe allein durchschreitet, dann zeigen sich noch manche Querverbindungen und Beziehungen quer durch die Raumachsen. Besonderen Reiz bietet auch die Gegenüberstellung mit Kallmanns Arbeiten. Nach Roebs aufwühlenden Werken wirken die Tierzeichnungen des Malers geradezu lieblich. In diesem Jahr zeigt das Museum in seiner traditionellen Jahresendschau passend zur Preisausschreibung neben Tiermotiven eine Auswahl von Kallmanns Landschaften und Porträts, darunter ein neu erworbenes Selbstporträt mit Maske.

Die Doppelausstellung "Yvonne Roeb - Nocturnal Eden" und "Hans Jürgen Kallmann - Porträt, Landschaft, Tier" ist noch bis zum 10. Februar immer Dienstag bis Sonntag zwischen 14.30 und 17 Uhr im Kallmann-Museum Ismaning zu sehen. Führungen werden angeboten am 27. Dezember, 6. Januar und 10. Februar jeweils um 15 Uhr, außerdem am 22. Januar um 18.30 Uhr. Am Sonntag, 27. Januar, ist Yvonne Roeb von 15 Uhr an zum Künstlergespräch zu Gast.