BestattungswesenVier Pfoten gegen die Trauer

Lesezeit: 4 Min.

Der fünfjährige Minos ist im Ismaninger Bestattungsinstitut Wittmann als vierbeiniger Trauerbegleiter im Dienst.
Der fünfjährige Minos ist im Ismaninger Bestattungsinstitut Wittmann als vierbeiniger Trauerbegleiter im Dienst.
Florian Peljak
  • Das Bestattungsinstitut Wittmann in Ismaning hat seit ein paar Wochen einen neuen Mitarbeiter: den fünfjährigen Hund Minos als vierbeinigen Trauerbegleiter.
  • Der Magyar Vizsla wurde von seiner Besitzerin Tanja Manske bereits als Welpe an die tiergestützte Trauerarbeit herangeführt und dient als „Herzensöffner" für Trauernde.
  • Minos spürt die Traurigkeit der Hinterbliebenen, kuschelt sich bei Bedarf an sie heran und hilft ihnen durch seine ruhige Anwesenheit beim Entspannen.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Der fünfjährige Hund Minos dient in einem Bestattungsinstitut in Ismaning als „Herzensöffner“ für Trauernde. Seine Halterin hat ihn schon als Welpen an die Trauerarbeit herangeführt.

Von Sabine Wejsada, Ismaning

SZ bei Google bevorzugen

Das Bestattungsinstitut Wittmann in Ismaning hat seit ein paar Wochen einen neuen Mitarbeiter: Hund Minos, ein cognacfarbener Magyar Vizsla, übernimmt bei Amina Wittmann, 28, und Tanja Manske, 50, den Job als „Herzensöffner“. Der Vierbeiner ist fünf Jahre alt und von Manske bereits als Welpe an die tiergestützte Trauerbegleitung herangeführt worden.

Die 50-jährige Tanja Manske ist seit September in dem Bestattungsinstitut angestellt, Minos, ein ungarischer Jagdhund mit sanftem Gemüt, auch. Am Halsband trägt er eine satinglänzende Fliege in Schwarz, sein Spielzeug ist eine flauschige graue Aktentasche, die er gerne mit sich herumträgt. Nach Ismaning ist Manske wegen der Arbeit gekommen, zusammen mit ihrer 23 Jahre alten Tochter, und im Münchner Umland fühlt sie sich wohl, wie die Bestatterin sagt. Ursprünglich hat sie Hotelfachfrau gelernt, dann in verschiedenen Anwaltskanzleien gearbeitet und nach der Elternzeit schließlich ins Bestattungswesen hineingeschnuppert. Dort ist sie seit mittlerweile 16 Jahren geblieben.

Minos hilft Trauernden, die in das Bestattungsinstitut kommen, allein durch seine Anwesenheit, sagt seine Besitzerin Tanja Manske: „Der Hund spürt ihre Traurigkeit, kuschelt sich ran, wenn das gewünscht ist. Er ist ruhig und zurückhaltend.“ Und das Tier gehorcht aufs Wort. Wobei es in der Kommunikation zwischen Manske und Minos keine gesprochenen Kommandos braucht. Der Blickkontakt reicht, die Verständigung zwischen den beiden erfolgt allein über die Augen und Handzeichen.

Angebot der SZ
:Wählen Sie den Whatsapp-Kanal für Ihren Landkreis

Die Süddeutsche Zeitung bietet Whatsapp-Kanäle für alle Landkreise rund um München an. Das Angebot ist kostenlos. So abonnieren Sie die Kanäle.

Tanja Manske hat bisher als Bestatterin in Berlin-Reinickendorf gearbeitet und ist Trauerrednerin. Seitdem sie Minos hat, bietet die Neu-Ismaningerin Menschen, die einen Verlust erlebt haben und nun die letzten Dinge für einen Verstorbenen regeln müssen, Hilfe und Begleitung durch den gutmütigen und gescheiten Vierbeiner an. Immer vorausgesetzt, die Kunden im Institut von Amina Wittmann wollen das. So spüre Minos freilich, wenn ein Mensch Angst hat vor Hunden, weil er in seinem Leben vielleicht eine schlechte Erfahrung gemacht hat. Dann hält sich das Tier im Hintergrund. Dezent und unaufdringlich, wie Tanja Manske sagt. Dennoch sei es schon vorgekommen, dass sich jemand im Laufe eines Gesprächs zur Regelung der letzten Dinge dann doch auf Minos eingelassen habe.

Bekommen hat sie ihn als Welpen, zehn Wochen war er da alt. Von klein auf war er bei Manskes Arbeit dabei. Und hat sich als Bereicherung erwiesen, weil er solch feine Antennen für die Befindlichkeiten von Hinterbliebenen bewies, wie die Bestatterin sagt. „Minos war schon als Welpe so respektvoll“, sagt sie. Sein Name ist eine Reminiszenz an den König von Kreta aus der griechischen Mythologie und an ihre Mutter, die von der Insel Korfu stammt.

Anders als in Bayern, wo Hunde laut den Friedhofssatzungen in den meisten Fällen nicht mit in Kapellen, Aussegnungshallen und bis zur Grabstätte genommen werden dürfen, hat Minos die Trauerzeremonien in Berlin vom Anfang bis zum Ende begleitet. „Wir würden uns das auch hier wünschen“, sagen Manske und Wittmann. Kunden würden das ebenfalls begrüßen, haben die beiden Bestatterinnen in Gesprächen festgestellt. Denn Minos habe sich für Hinterbliebene, die ins Institut kommen, als Halt in den schweren Zeiten erwiesen, so Manske.

Weil die Begleitung zur letzten Ruhestätte in Bayern für gewöhnlich nicht erlaubt sei, hätten sich so manche Angehörige, die die Dienste des Ismaninger Bestattungsinstituts in Anspruch nehmen, als erfinderisch erwiesen. So sei es schon ein paar Mal vorgekommen, dass Angehörige in die Räumlichkeiten gekommen seien, etwa um weitere Papiere vorbeizubringen, aber zunächst einmal nach dem tierischen Mitarbeiter Ausschau hielten. Und dieser nach ihnen. Setzen sich die Besucher aufs Sofa im Foyer, kommt Minos mit langsamen Schritten hinzu, springt hinauf und legt seinen Kopf auf Arm oder Oberschenkel – und spendet ein paar Minuten Trost.

Körperkontakt mit Minos kann für Hinterbliebene tröstlich sein.
Körperkontakt mit Minos kann für Hinterbliebene tröstlich sein.
Florian Peljak

Minos bietet den Hinterbliebenen Körperkontakt an. Er spüre die Schwingungen und Emotionen, die Angehörige in sich tragen, wenn sie jemanden beerdigen müssen, sagt Manske. „Er spürt, wer den meisten Bedarf hat“, sagt die 50-Jährige. Da brauche es keine Worte, um das Eis zu brechen. „Und da passiert es dann, dass ein Mensch, der normalerweise nicht mit Hunden kann, sich umstimmen lässt und Minos an sich heranlässt.“ Der Vierbeiner legt den Kopf auf den Schoß, schaut einen mit seinen bernsteinfarbenen Augen an – Tanja Manske nennt das einen „Blick in die Seele“, und schon fühle sich der Mensch in seiner Not gesehen. Wichtig sei dabei zu wissen, dass die Trauernden bei den Begegnungen mit Minos die Intensität und die Dauer vorgäben, sagt die Bestatterin.

Die meisten Menschen, die ins Bestattungsinstitut kommen, sind wegen des Todes eines nahestehenden Menschen sehr verkrampft und aufgeregt, hier könne Minos ihnen helfen, sich zu entspannen. Diese Erfahrung hat Amina Wittmann, die Chefin, bereits gemacht: „Es lösen sich die Schultern, die Gesichtszüge werden weicher, und im besten Fall kommt es zu einem Lächeln“, sagt die 28-Jährige. In Berlin hat Tanja Manske Trauerspaziergänge für Hinterbliebene angeboten, auch hier sei das eine Überlegung wert, weil in Bayern die Begleitung durch Minos am Friedhofstor enden muss. Er ist kein kleiner Schoßhund, hat vielmehr eine gute Höhe, sodass man sich nicht bücken muss, um ihn zu streicheln.

Gedacht war er eigentlich als Bürohund, wie Manske sagt. Doch dann habe sich schnell herausgestellt, dass sein Gemüt viel mehr ermöglicht: die Unterstützung von Menschen, die jemanden verloren haben und nonverbalen Zuspruch nötig haben. Hunde kommen in der therapeutischen Begleitung von Demenzkranken oder Personen in Krisensituationen vielfach zum Einsatz, weil sie eine beruhigende Wirkung haben und dabei helfen können, Ängste und Stress abzubauen.

Hund Minos mit den Bestatterinnen Amina Wittmann (links) und Tanja Manske.
Hund Minos mit den Bestatterinnen Amina Wittmann (links) und Tanja Manske.
Florian Peljak

Bis ein Hund als Trauerbegleiter eingesetzt werden kann, dauert es anderthalb Jahre, erläutert Manske an dem großen Holztisch im Bestattungsinstitut. Zu lernen gibt es für den Vierbeiner und die Halterin einiges: Das Tier darf nicht rennen, nicht herumschnüffeln und ja nicht das Bein heben, es muss leise sein, sich im Hintergrund halten. Bei vielen ihrer Trauerreden in Berlin saß Minos neben ihrem Pult, hatte Manske im Rund der Hinterbliebenen jemanden ausgemacht, der besondere Zuwendung brauchte, dann habe sie ihn via Blickkontakt geräuschlos losgeschickt.

Beim Besuch von Reporterin und Fotograf im Ismaninger Bestattungsinstitut hat Minos übrigens sofort gemerkt, dass hier zwei Menschen im Foyer stehen, die nicht traurig sind und Hunde mögen. Nach kurzer Begrüßung ist es für ihn deshalb natürlich erlaubt, die übliche Zurückhaltung aufzugeben. Minos hüpft herum, schmiegt sich an, bringt sein Spielzeug und lässt sich ausgiebig streicheln. Als es ans Fotografieren geht, wird er neugierig, läuft im Kreis und nimmt aufgeregt das Objektiv ins Visier. Ein Blick und ein Handzeichen seiner Besitzerin aber reichen auch da aus: Ruhig setzt er sich zwischen die beiden Bestatterinnen – und absolviert seinen Job als respektvoller Trauerbegleiter.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Drohnen-Jäger
:„Es ist ein ständiger Wettlauf der Techniken“

Thomas Vieweg wollte Rathauschef von Taufkirchen werden – bis ihn ein dringender Anruf erreichte. Der Polizeibeamte wird jetzt für den Aufbau des Drohnen-Abwehrzentrums in Erding gebraucht. Warum er für diesen Job ausgewählt wurde, welche Eile geboten ist und weshalb Drohnen längst Alltag geworden sind.

SZ PlusInterview von Iris Hilberth

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: