Politisches EngagementIsmaninger Schulklasse kämpft für mehr Gleichberechtigung

Lesezeit: 3 Min.

Die Zwölklässlerinnen (von links nach rechts) Salome, Lelia, Victoria und Paulina von der Waldorfschule in Ismaning werben auf dem Münchner Marienplatz um Stimmen für ihre Petition zur Änderung des Grundgesetzes. Damit will die Schulklasse den deutschen Staat zur Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern verpflichten.
Die Zwölklässlerinnen (von links nach rechts) Salome, Lelia, Victoria und Paulina von der Waldorfschule in Ismaning werben auf dem Münchner Marienplatz um Stimmen für ihre Petition zur Änderung des Grundgesetzes. Damit will die Schulklasse den deutschen Staat zur Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern verpflichten. privat
  • Zwölftklässler der Waldorfschule Ismaning wollen mit einer Petition das Grundgesetz ändern und den Staat zur Gewährleistung statt nur Förderung der Gleichberechtigung verpflichten.
  • Die Schüler fordern, dass in Artikel 3 des Grundgesetzes das Wort "fördert" durch "gewährleistet" ersetzt wird, um eine bindende Erfolgsgarantie zu schaffen.
  • Seit Ende Januar sammeln die Jugendlichen online und auf dem Marienplatz Stimmen für ihre Petition, um die nötigen 30 000 Unterstützer zu erreichen.
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Mit einer Petition wollen Zwölftklässler der Waldorfschule das Grundgesetz ändern lassen. Sie beharren darauf, dass der Staat die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern nicht nur fördert, sondern auch gewährleistet.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

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Die Sonne strahlt vom Himmel, Touristen bummeln über den Münchner Marienplatz. Doch Victoria, Salome, Lelia und Paulina sind nicht hier, um das Ambiente zu genießen. Mit Transparenten und Flyern werben sie um Stimmen – Stimmen „für mehr Gleichberechtigung in Deutschland“, wie es auf ihren Plakaten steht. Die jungen Frauen besuchen die zwölfte Klasse der Waldorfschule Ismaning und sie haben gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern ein Projekt gestartet, das inzwischen weit über das Klassenzimmer hinausreicht: Sie wollen das Grundgesetz der Bundesrepublik ändern.

Konkret geht es den Zwölfklässlerinnen und Zwölftklässlern um Artikel 3 des Grundgesetzes. Dort heißt es: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Und in Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Der zweite Satz wurde 1994 zur zu der Originalfassung von 1949 hinzugefügt. Genau an ihm entzündet sich die Kritik der jungen Leute. „Als wir diesen Satz gelesen haben, fiel uns auf, dass er für uns sehr schwach klingt“, sagt Kubilay Cengiz, der ebenfalls die Klasse besucht. „Wir waren uns einig, dass der Staat Gleichberechtigung nicht nur fördern, sondern eher garantieren soll“, sagt der 18-Jährige.

Das Interesse der Jugendlichen war geweckt. Sie stiegen ein in die Details und versenkten sich – angeregt durch einen Schulbesuch des Aktionsbündnisses „Justice for all“, das getragen wird vom Münchner Anwaltsverein, dem Deutschen Juristinnenbund und dem Bayerischen Richterverein, im vergangenen Sommer – in die Tiefen der deutschen Gesetzgebung. Nach intensiver Recherche und Diskussion über mehrere Wochen hinweg, kamen sie zu dem Schluss, dass der Punkt, auf den sie gestoßen waren, mehr Aufmerksamkeit verdiene als lediglich ein schulinternes Ergebnis. Sie beschlossen, sich direkt an die Stelle zu wenden, die für die Gesetzgebung zuständig ist – den Deutschen Bundestag.

Im Herbst 2025 reichte die Klasse eine erste Petition an den Bundestag ein. Der Text wurde abgelehnt. Doch die Schüler gaben nicht auf, konsultierten Juristen und überarbeiteten ihre Formulierungen. Der zweite Satz des Artikel 3, Absatz 2 solle geändert werden in: „Der Staat gewährleistet die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“, fordern die Jugendlichen nun.

Warum ist ihnen dieser Punkt so wichtig? Ist das nicht Wortklauberei? Nein, sagt Cengiz stellvertretend für seine Klasse. Durch die neue Formulierung werde der Staat stärker in die Pflicht genommen: Aus einer reinen Bemühenspflicht wird durch den Begriff „gewährleistet“ eine verfassungsrechtlich bindende Erfolgsgarantie. „Der Staat wird vom Unterstützer zum Garanten.“ Doch ist das wirklich nötig? Würde der erste Satz: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, denn nicht ausreichen? „Wenn man sich unsere Gesellschaft anschaut, sehen wir ja, dass das leider nicht reicht. Frauen verdienen im Mittel immer noch 16 Prozent weniger als Männer und haben oft schlechtere Karrierechancen“, sagt Cengiz.

Die Schüler werben um mehr Unterstützung für ihre Petition

Auch das EU-Recht schreibt der Einhaltung der Gleichberechtigung übrigens ein höheres Gewicht zu. In der EU-Grundrechte-Charta werde in Artikel 23 verlangt, die Gleichheit sei „sicherzustellen“, argumentieren die Schülerinnen und Schüler in ihrer Petition. Nicht zuletzt würde eine deutlichere Formulierung des Grundgesetzes dem Staat mehr Durchsetzungsfähigkeit gegenüber privaten Unternehmen verleihen, um unter anderem ungleiche Bezahlung zu vermeiden.

Seit Ende Januar steht die Petition der Ismaninger Schule online. Die Klasse versucht nun auf allen Wegen, weitere Unterstützer für ihr Anliegen zu finden. Mit 30 000 Stimmen würden die Petenten vor den Petitionsausschuss eingeladen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Darum setzen sich Cengiz und seine Mitschülerinnen und Mitschüler online, etwa via Instagram und Kontakt zu Influencern, wie auch mit der Aktion auf dem Marienplatz und Werben bei Politikern aus der Region ein, um noch mehr Menschen von ihrer Sache zu überzeugen.

Das nachhaltige Engagement der Jugendlichen beeindruckt auch Lehrer Klaus Weißinger. „Dass aus einem Schulprojekt so etwas Großes wächst, habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Pädagoge. Auch er unterstützt seine Klasse. Der gemeinsame Einsatz sei in jedem Fall eine gute Erfahrung, sagt Cengiz: „Die Aktion motiviert, politisch aktiv zu werden. Ich finde, dass unsere Petition offiziell angenommen wurde, zeigt auch, dass man etwas tun kann als junger Mensch.“

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