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Ismaning:Rettende Kunst

Gymnasiasten setzen sich mit den Bildern des Holocaust-Überlebenden Adolf Frankl auseinander

In seinen Bildern malte Adolf Frankl nach seiner Befreiung Szenen, die ihn seit seiner Zeit im Arbeitslager in Auschwitz verfolgten.

(Foto: Moses Omeogo)

Schwarz umhüllt einen Mann mit grüner Haut. Um ihn herum lodern Farben: Rot, Gelb, Schwarz. Er reißt Augen und Mund weit auf. Sein Gesicht ist abgemagert und eingefallen. Obwohl kein Ton zu hören ist, lässt sein Schrei den ganzen Raum verstummen.

"Könnt ihr euch vorstellen, warum mich das Bild so berührt hat?", fragt der Kunstlehrer Andreas Wiehl vom Gymnasium in Ismaning. Stille in den Reihen der Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen. Dann meldet sich Sina: "Die Emotionen sind gut erkennbar. Trauer, Angst..." - "Vielleicht auch Wut", ergänzt Collin. Anina sagt: "Ich finde es verwirrend. Es wirkt, als wäre es durcheinandergewürfelt."

Das Bild gehört zu den Werken des 1983 verstorbenen Künstlers Adolf Frankl. Von November 1944 bis Januar 1945 wurde er als Jude unter anderem im Arbeitslager in Auschwitz gefangen gehalten. Wie kann ein Mensch nach solchen Erlebnisse wieder zu einem Alltag in Freiheit übergehen? Mit Kunst. "Mein Vater hat diese Bilder aus Schmerz, aus einem inneren Bedürfnis heraus gezeichnet," erklärt Adolf Frankls Sohn Jan Ateet Frankl den Schülern. "Dadurch hat er es verarbeitet und sich selbst gerettet." Die Schüler sollen aus dem Projekt lernen, einen Weg zu finden sich auszudrücken. "Mit Kunst lässt sich alles bewältigen", sagt Frankl.

57 Jugendliche verteilen sich um Tischreihen, auf denen Abbildungen von Adolf Frankls Erinnerungen liegen. Fast alle leuchten regelrecht durch ihre Farben. Einige zeigen einzelne Gesichter, viele aber auch mehrere Menschen. Verängstigte Gestalten, die sich wie scheue Tiere in ihren Schlafkisten ducken. Dazwischen läuft ein Wärter. Mit seiner Fratze, den rot-gelben Augen und den Fangzähnen sieht er eher aus wie eine Gestalt aus einem Horrorfilm. Ein Tisch weiter liegt das Bild einer Menschenmasse, alle blicken nach vorn. Von den dunklen Schwarz-, Blau- und Grüntönen heben sich die gelben Judensterne ab, die den Menschen auf der Brust prangen. Gemurmel füllt den Raum: "Das macht mich traurig, es ist nicht einmal 100 Jahre her." "Die Vorstellung, dass man mit den Erinnerungen leben muss, ist unglaublich."

Im "Malort" genannten Kunstraum des Ismaninger Gymnasiums können die Schüler wie Adolf Frankl ihre Gedanken und Emotionen durch Kreativität ausdrücken.

(Foto: Moses Omeogo)

Melina und Emily stehen vor einem Tisch mit einfarbig gemalten Bildern in schwarz oder blau. Vor ihnen liegt ein Bild, auf dem ein Mann die Fenster eines kleinen Bahnwaggons vernagelt. Zwischen den Brettern strecken Menschen ihre Arme aus in Richtung Freiheit. "Nach einer oder zwei Wochen waren wir wie Tiere, wir wollten alle überleben", dieser Satz seines Vaters hat sich bei Jan Ateet Frankl ins Gedächtnis eingebrannt. Auf einigen Bildern sind deshalb auch Tiere wie Löwen und Elefanten abgebildet. Auch die Hunde der Nationalsozialisten verarbeitete der Maler in seinen Bildern.

Jetzt sind die Schüler dran. Wie Adolf Frankl sollen sie das, was sie beschäftigt, malen oder schreiben, ohne Kritik oder Zensur. Andreas Wiehl erklärt ihnen: "In der Kreativität öffnen sich die Augen. Man fängt an zu fühlen und zu spüren." Anina steht vor ihrem Bild an einer Wand im Malort der Schule. Sie geht immer wieder in die Mitte des Raums zu einer Holzkonstruktion, in der Becher mit Farben stecken. Sie nimmt mit dem Pinsel etwas Blau auf, hält kurz vor dem Bild inne und tupft dann kleine Punkte: "Normalerweise male ich anders, ich war nach der Ausstellung ziemlich durcheinander." Erst ein paar Striche und dann mal schauen, was passiert. "Ich beschäftige mich jetzt mehr damit, warum ich wie male", sagt Anina. Der Hintergrund ist blau und grau. In der Mitte tupft sie kleine Punkte, die zusammen farbige Ringe ergeben. Wie es fertig aussehen wird, weiß sie noch nicht. Das spielt bei diesem Projekt aber auch keine Rolle: "Ich male einfach aus dem Gefühl raus."

© SZ vom 25.02.2020
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