Die Vogelgrippe ist in der Region München angekommen. Im Landkreis Dachau wurde der Kadaver einer infizierten Wildgans entdeckt, im Landkreis Freising der eines Schwans, im etwas weiter entfernten Landkreis Mühldorf gab es laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit fünf Fälle. Und jetzt wurden am Speichersee bei Ismaning, der an die Landkreise München, Ebersberg und Erding grenzt, zahlreiche tote Wasservögel gefunden, die sich höchstwahrscheinlich mit dem Virus infiziert hatten. Die Labor-Ergebnisse stehen derzeit zwar noch aus, doch allein die Zahl der Kadaver lässt auf einen Ausbruch schließen.
Das Veterinäramt habe am Dienstag, 28. Oktober, in seinem Zuständigkeitsbereich 22 tote Schwäne und Graugänse aus dem Wasser gezogen, teilt das Ebersberger Landratsamt mit. Außerdem habe man etwa 30 weitere Kadaver gesehen, deren Bergung jedoch wegen starker Windböen bisher nicht möglich gewesen sei.

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Die Vogelgrippe breitet sich vom Nordosten Deutschlands her aus. Der erste Ausbruch der auch als Geflügelpest bezeichneten Krankheit in Bayern in diesem Herbst wurde bereits Anfang Oktober im Landkreis Dingolfing-Landau im Betrieb eines Geflügelhalters nachgewiesen. Innerhalb weniger Tage verendeten dort etwa 3000 Gänse.
Gerade weil sich das aggressive Influenza-A-Virus Virus H5N1 inzwischen in den Populationen von Wildvögeln festgesetzt hat, befürchtet das Friedrich-Loeffler-Institut derzeit eine weitere dramatische Zunahme. „Der Vogelzug ist im vollen Gange und der Virusdruck durch infizierte Wildvögel und deren Ausscheidungen sehr hoch“, sagt Präsidentin Christa Kühn. „Wir sehen nach wie vor ein sehr dynamisches Geschehen.“ Ein durchaus besorgniserregender Befund, denn auch wenn sich bisher nur sehr wenige Menschen infiziert haben, gilt H5N1 als ernst zu nehmender Kandidat für die nächste Pandemie.

Ein Ausbruch am Speichersee bei Ismaning könnte besonders weitreichende Folgen haben, denn das Naturschutzgebiet direkt vor den Toren Münchens ist ein wahres Dorado für Vögel. Teils halten sich dort mehr als 50 000 Exemplare gleichzeitig auf, laut Ornithologen lassen sich etwa 300 Arten beobachten. Das Areal wurde vor etwa hundert Jahren künstlich angelegt, und zwar zur Wasserbewirtschaftung. Dadurch entstanden ruhig gelegene, große Becken mit nährstoffreichem Wasser aus der Münchner Kanalisation, das das Gebiet beim Federvieh sehr beliebt macht. Es ist einer der größten Rastplätze für Zugvögel in Europa.
Im Jahr 2007 wurde im westlichen Becken bei drei toten Enten das Influenza-A-Virus H5N1 festgestellt. Spätestens seitdem stehen der See und seine wilden Bewohner unter verstärkter Beobachtung. Sollte sich nun der Verdacht eines aktuellen Ausbruchs bestätigen, wird das Ebersberger Veterinäramt sofort Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus einleiten. Dann könnte eine Sperrzone rund um den Fundort eingerichtet und eine Stallpflicht für Geflügel angeordnet werden, um direkte sowie indirekte Kontakte von Wildvögeln mit Hühnern, Puten und Co. zu verhindern.
„Seit 17 Jahren haben wir jeden Herbst die gleiche Angst: Hoffentlich sind wir nicht betroffen.“
„Das ist jedes Jahr das gleiche Problem“, sagt Michael Häsch, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der bayerischen Geflügelwirtschaft und Vorsitzender des Tiergesundheitsdienstes Bayern. „Seit 17 Jahren haben wir jeden Herbst die gleiche Angst: Hoffentlich sind wir nicht betroffen.“
In Dietramszell, wo Häsch unter dem Namen „Bertenbauer“ zwischen 13 000 und 14 000 Hühner hält, gelten strenge Hygienevorschriften. „Vor jedem Stall liegen Überziehschuhe. Damit mir bloß keiner was von außen einträgt.“ Wasservögel rund ums Betriebsgelände würden nach Möglichkeit vertrieben. Das Problem im Freiland sei, dass Hühner einen toten Vogel durchaus für einen Leckerbissen halten könnten. „Die fangen sofort das Picken an.“

Häsch plädiert für „Aufstallungsgebote“ zu Zeiten des Vogelzugs. Rund um Gewässer, die von Zugvögeln als Zwischenstation genutzt werden, sollten Geflügelhalter demnach ihr Federvieh für eine begrenze Zeit in den Ställen lassen. „Das würde das Ansteckungsrisiko minimieren.“ Werde dies vom Landratsamt angeordnet, dürften die Betriebe weiterhin Freilandeier und -geflügel verkaufen, auch wenn die Tiere vorübergehend keine Sonne sähen, die Vermarktungsnormen also nicht erfüllt würden.
Auch Impfungen hält Häsch für sinnvoll. Der volkswirtschaftliche Schaden, der mit der Vogelgrippe einhergehe, betreffe nicht nur die Geflügelwirtschaft, sondern schlage sich durch steigende Eierpreise im Geldbeutel aller Verbraucher nieder. „Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Wochen noch viele tote Tiere finden werden“, sagt er. „Wir bekommen das mit den bisherigen Maßnahmen nicht in den Griff.“

Tierseuche:Wie sich die Vogelgrippe auf Landwirte und Verbraucher auswirkt
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Wird die Vogelpest in einem Betrieb nachgewiesen, muss dieser umgehend gesperrt werden. Das Töten und Entsorgen der Tiere sowie die Reinigung und Desinfektion der Gebäude werde von der Tierseuchenkasse bezahlt, erklärt Häsch. Bis dann jedoch wieder gesunde Junghühner im Stall gackerten und Eier legten, könnten Wochen vergehen. „Wer keine Betriebsausfallversicherung abgeschlossen hat, kann schnell in große Schwierigkeiten kommen.“ Rund um München gibt es seinen Worten nach vor allem „kleinere Geflügelbetriebe“ mit bis zu 20 000 Tieren.
Im Fünfseenland gibt es bislang noch keine Meldungen über verendete Vögel, trotzdem sind die Gebietsbetreuer des Landesbunds für Vogelschutz am Ammersee und Starnberger See in höchster Alarmbereitschaft. Denn auch diese beiden Gewässer nehmen als Ruhezonen für Wasservögel europaweite Bedeutung ein: Die ersten Zugvögel sind dort schon vor Wochen angekommen, die größten Schwärme finden sich aber erst im Hochwinter ein. „Wir sind mit offenen Augen unterwegs“, sagt Jana Jokisch, die für den Ammersee zuständig ist. „Es scheint gerade unwahrscheinlich, dass wir weiter verschont bleiben.“
Und was sollte die Bevölkerung beachten? Jokisch warnt eindringlich davor, sich offensichtlich kranken oder toten Vögeln zu nähern oder sie gar zu berühren – nicht mal mit den Schuhen. Ein Fund sollte sofort an das zuständige Veterinäramt gemeldet werden. Auch der Kontakt mit Vogelkot oder Federn sollte vermieden werden, am besten sei es, die Schuhe nach dem Spaziergang abzuspülen. Hundebesitzern wird geraten, ihr Haustier in Wassernähe an die Leine zu nehmen. Noch besser wäre es aber wohl, Seen mit vielen Wildvögeln momentan lieber gar nicht erst aufzusuchen.

