Ismaning:Lernen ohne Leistungsdruck

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Ismaning: Afrikatag an der Ismaninger Waldorfschule.

Afrikatag an der Ismaninger Waldorfschule.

Vor 30 Jahren gründete eine Gruppe engagierter Eltern die Waldorfschule in Ismaning. Sie ist die einzige ihrer Art im Landkreis und für viele eine Alternative zum staatlichen Bildungssystem. Die Schüler kommen bis aus Ingolstadt.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Wann und wo fängt Schule an? Diese Frage lässt sich aus pädagogischer Sicht wunderbar ausufernd diskutieren - für die Freie Waldorfschule Ismaning hat sie eine ziemlich konkrete Antwort: vor 30 Jahren.

Da nämlich taten sich knapp 90 engagierte Eltern zusammen, um eine Lösung für ihr Dilemma zu finden. Sie wollten ihre Kinder nicht auf eine staatliche, sondern auf eine Waldorfschule schicken, doch in den drei Einrichtungen in Daglfing, München-Schwabing und Gröbenzell war kein Platz mehr frei. Es musste also eine vierte Schule her. Die Eltern stürzten sich in die Organisation, sammelten Wissen über die Pädagogik Rudolf Steiners und Schulfinanzierung. Im Herbst 1986 gab es die erste Klasse der privaten Schule, die zunächst als Gast in Daglfing Kollegium Aufnahme fand.

2002 feierte die Schulfamilie den Einzug in die eigenen bunten Wände

Denn die Suche nach einem geeigneten Schulhaus gestaltete sich schwierig. Nach fünf Jahren erhielt die Schulfamilie im Bürogebäude einer IT-Firma Unterschlupf. Nach weiteren Jahren in Containern fand die gemeinnützige Genossenschaft, die sich als Träger gegründet hatte, endlich ein geeignetes Gelände für ihr eigenes Schulhaus: An der Dorfstraße, im Süden Ismanings, entstand ein buntes, großzügiges Schulgelände. 2002 feierte man den Einzug.

Heute erfüllen etwa 440 Schüler, knapp 50 Lehrer und mehr als 30 Mitarbeiter die gut dreieinhalb Hektar Fläche mit Leben. Die Schüler stammen aus der ganzen Region, schließlich ist die Ismaninger Waldorfschule die einzige im ganzen Landkreis. "Einige kommen sogar bis aus Ingolstadt und Dorfen", erklärt Irene Holler von der Schulverwaltung. Die Eltern schätzten den pädagogischen Ansatz, "dafür nehmen sie die Wege in Kauf".

Das besondere Konzept der 1919 von dem Esoteriker Rudolf Steiner ins Leben gerufenen Bildungsstätten schätzen immer mehr Menschen. "Das Waldorfprinzip stellt die Fähigkeiten des Kindes in den Mittelpunkt", sagt Holler. So macht sich die Schule etwa die natürliche Aufnahmefähigkeit für Sprachen im frühen Alter zunutze. Die Schüler lernen in Ismaning schon in der ersten Klasse Englisch und Französisch, auf eine spielerische, kindgerechte Art. Das Schreiben kommt später hinzu. Insgesamt ist der Anteil an künstlerischen, handwerklichen und naturbezogenen Fächern weit höher als an einer staatlichen Schule. "Steiner war es wichtig, dass die Kinder lebenstüchtig sind, wenn sie aus der Schule kommen", erklärt Holler.

Spielerisches Lernen und viel Praxis überzeugen viele Eltern

Elementar für das Waldorfkonzept ist der Verzicht auf Druckmittel wie Noten oder Sitzenbleiben. Das hat den Effekt, dass die Schüler länger in einem Klassenverband beisammen bleiben und lernen, auf Schwächere Rücksicht zu nehmen. Gleichzeitig bedeute es eine Herausforderung, meint Holler: "Dadurch, dass die Schüler keinen Notendruck haben, muss der Lehrer seinen Unterricht sehr attraktiv gestalten." Wie gut das gelingen kann, zeigen auch die erfolgreichen Biografien ehemaliger Schüler. Philipp Karmann zählte in den Neunzigerjahren zu den ersten Jahrgängen in Ismaning. Er wechselte nach der sechsten Klasse an die Waldorfschule. "Für mich war es damals genau das Richtige. Ich kam aus der Regelschule und wusste zu diesem Zeitpunkt nie, warum ich lernen sollte", sagt er rückblickend. "Die Waldorfschule hatte ein anderes Lernvermittlungskonzept: nicht statisch, sondern mehr spielerisch. Außerdem ist es sehr praxisorientiert, das prägt mich heute noch."

Ismaning: 2002 wurde das weitläufige Schulgelände an der Dorfstraße eröffnet. Heute besuchen es täglich etwa 440 Schüler.

2002 wurde das weitläufige Schulgelände an der Dorfstraße eröffnet. Heute besuchen es täglich etwa 440 Schüler.

(Foto: Waldorfschule Ismaning)

Als Schreinermeister und Betriebswirt betreibt Karmann heute eine Firma für Design und Innenausbau in Ismaning. An seine Schulzeit denkt er gern zurück: "Man hatte viel Freiheit, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Und vieles, was ich in meiner Zeit an der Waldorfschule gelernt habe, nützt mir jetzt im Berufsleben. Meine Sozialkompetenz etwa: Ich kann sehr gut auf Menschen zugehen." Dass Waldorfschülern häufig Vorurteile entgegengebracht werden, sieht er mit Humor. "Ich denke, manche Elemente der Steiner-Lehre muss man auch nicht zu strikt auslegen."

Die Waldorfschule Ismaning feiert ihr 30-jähriges Bestehen an diesem Freitag von 18 Uhr an mit einem Festakt im Großen Saal der Schule, Dorfstraße 77. Mit der Schule feiert das Südbayerische Seminar für Waldorfpädagogik 25 Jahre.

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