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Kallmann-Museum in Ismaning:Kluge Kosmetik für das Kleinod

Rasmus Kleine freut sich, dass das Kallmann-Museum wieder öffnen darf - und auf die anstehende Modernisierung des 1992 eröffneten Baus.

(Foto: Catherina Hess)

Das Kallmann-Museum in Ismaning wird 2021 saniert. Die Funktionalität des Gebäudes soll verbessert, die Verbindung von Haus, Park und Ort intensiviert, die Optik zeitgemäßer werden. Von Samstag an gibt es jetzt erst mal eine neue Ausstellung

Dreißig ist das Alter, in dem die meisten Leute normalerweise die Weichen für ihr Leben stellen. Schule ist ewig her, Ausbildung und Studium sind längst abgeschlossen, der Job passt, im besten Fall die Beziehung auch - und so kann in den nächsten Jahren die Kinderfrage beantwortet werden. Was für den Menschen gilt, lässt sich auf Bauwerke nicht so leicht übertragen. Keinesfalls auf historische, die allein schon von Alters her die Dreißig vor Jahrhunderten überschritten haben und erst dann so richtig schön sind, wenn sie fleißig Patina angesetzt haben, wie alte und im Laufe der vielen Dekaden behutsam sanierte Schlösser, Bibliotheken und museale Gebäude.

Doch was ist mit modernen Bauten? Also solchen, die in den Achtzigern geplant und errichtet und in den Neunzigern eröffnet worden sind? Sie zeigen Gebrauchsspuren, erfüllen nicht mehr die heutigen Anforderungen, haben den sprichwörtlichen Staub angesetzt, sind ein bisschen aus der Zeit gefallen und in die Jahre gekommen, brauchen eine Generalüberholung.

So geht es jetzt dem Kallmann-Museum in Ismaning. Idyllisch im alten Schlosspark gelegen, gehört das Haus zu den besonderen Kleinoden in der oberbayerischen Museumslandschaft. Es wurde 1992 eröffnet und ist im Nachbau einer klassizistischen Orangerie aus dem frühen 19. Jahrhundert untergebracht, die sich bis 1983 an gleicher Stelle befand. Das Stiftungsmuseum ist dem Werk des Malers Hans Jürgen Kallmann (1908 bis 1991) gewidmet, das regelmäßig in umfangreichen Präsentationen vorgestellt wird. Daneben werden auf einer Ausstellungsfläche von gut 400 Quadratmetern im Jahr mehrere hochkarätige Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst gezeigt.

Rasmus Kleine leitet das museale Kleinod seit dem Sommer 2013. Jetzt freut er sich darauf, dass das Haus, als Stiftungsmuseum dem Lebenswerk von Kallmann gewidmet, umfänglich saniert wird. Dass es 1992 eröffnet worden ist, "das sieht man dem Gebäude an", sagt er. Von Anfang an sei es als Ausstellungsort nicht so recht geeignet gewesen, wie zum Beispiel die verglaste Südfassade zeigt. In den seit einiger Zeit immer heißer werdenden Sommern müssten meist die Jalousien nach unten gefahren werden, dadurch wirke das Museum ein wenig abweisend, sagt Kleine. Auch das Raumklima im Inneren mache Schwierigkeiten. Hier versuche man, über mobile Geräte entgegenzuwirken, was Temperaturen und Feuchtigkeit angehe. Gerade bei Leihgaben von anderen Museen sei es aber trotzdem schwierig, das Kallmann-Museum könne zwar die gültigen Kriterien für die Kunstwerke erfüllen, "aber auch für die Besucher ist das Klima im Haus nicht so angenehm", sagt der 43-Jährige. Eine einfache Lüftung kann da nicht viel ausrichten.

"Jetzt wollen wir von Grund auf neu denken", kündigt Kleine an. Geplant sei etwa keine riesige Klimaanlage, sondern man suche andere Möglichkeiten, das Haus zu kühlen. Zu diesem Zweck ist Kleine nach eigenen Worten mit der Technischen Universität im Gespräch, er kann sich vorstellen, daraus ein kleines Forschungsprojekt zu machen. Am Ende könnte "ein grünes Museum im Park" herauskommen, stellt sich der Kallmann-Leiter vor. Erneuert werden muss zudem der Brandschutz, eine Videoüberwachung soll es geben und die Innenräume sollen heller, ruhiger werden.

Gezeigt wird bis September die kapitalismuskritische Ausstellung "Ausweitung der Marktzone".

(Foto: Catherina Hess)

Bereits in den vergangenen Jahren habe das Museumsteam regelmäßig kleine Schönheitskorrekturen vorgenommen, den alten Fliesenboden mit Teppichen verdeckt, um die Atmosphäre im Raum etwas zu beruhigen. "Sie müssen sich vorstellen, das Museum wurde von einem Maler für seine Bilder gebaut", sagt Kleine am Telefon. Doch die Kunst habe sich im Laufe der Zeit verändert. Heute brauche man Strom und Wlan für Installationen oder Videoprojekte, und diese sind regelmäßig in Ismaning zu sehen. "Da tut man sich dann schon ein bisschen schwer, wenn es nur eine Steckdose im Zimmer gibt."

Kleine schwebt vor, dass in dem Haus im schönen Schlosspark ein "schlichter, neutraler Raum ohne Schnickschnack" entstehen kann. Für die Kunst und ihren Ausdruck, ihre Wirkung. Und da sei es wichtig, für den Sonnenschutz eine Alternative zu finden. Derzeit habe man an heißen Sommertagen den Eindruck, das Museum schotte sich ab, weil die Rollläden geschlossen werden müssten. Mit neuen Materialien könne es sich öffnen und so eine wechselseitige Beziehung zwischen drinnen und draußen gelingen, so Kleine. Das Foyer wollen sich die Museumsmacher bei der anstehenden Sanierung ebenfalls vornehmen, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Und warum soll man auch nicht darüber nachdenken, am Kallmann ein kleines Café entstehen zu lassen? Für Kleine ist das überlegenswert. Bislang gibt es so etwas nicht im Park. Vorstellbar sei ebenfalls, den Innenhof zu überdachen, dann könnten dort Konzerte und Vorträge stattfinden, sich an milden Abenden dort Besucher zu Vernissagen treffen.

Es sind drei Dinge, die Kleine und sein Team mit der Sanierung schaffen wollen: Die Funktionalität des Hauses verbessern, die Verbindung von Museum, Park und Ismaning intensivieren, die etwas aus der Mode gekommene Optik ans Heute anpassen und es so schaffen, dass sich Besucher gerne am und im Museum aufhalten können. 2021 soll es konkret mit der Sanierung losgehen. Die Gemeinde Ismaning wird sich daran großzügig beteiligen. Über die zugesagt finanzielle Unterstützung freut sich der Museumsleiter: "Das ist eine große Wertschätzung für uns." Im Ort fühlt sich der 43-Jährige sowieso sehr wohl, die Ismaninger hätten großes Interesse an ihren Museen. Kleine rechnet damit, dass das Kallmann wegen des Umbaus nächstes Jahr für ein paar Monate zu sein wird. Wie groß die nötigen Investitionen sein werden, darüber könne zu diesem Zeitpunkt noch nichts gesagt werden, sagt er.

Nun freut sich Rasmus Kleine erst einmal wie ein Schneekönig darauf, dass nach gut zwei Monaten coronabedingter Schließung an diesem Wochenende wieder aufgesperrt werden darf. Das Kallmann-Museum kann von Samstag, 16. Mai, an wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten (Dienstag bis Samstag, 14.30 bis 17 Uhr, sowie am Sonntag zwischen 13 und 17 Uhr) besucht werden. Zwar sind vorerst keine Vernissagen, Führungen und Veranstaltungen möglich, einer Besichtigung der aktuellen Ausstellung "Ausweitung der Marktzone", in der internationale Künstler Fragen an den heutigen Kapitalismus stellen, steht aber nichts im Wege. Deren Laufzeit wurde bis zum 6. September verlängert, bis zum Ende der Pfingstferien verzichtet das Kallmann-Museum auf den Eintritt, damit Gäste und Mitarbeiter an der Kasse "kontaktlos" bleiben. Im Haus gilt Maskenpflicht und aus Sicherheitsgründen wird das Publikum reduziert. Es dürfen maximal 20 Besucher gleichzeitig im Museum sein, um beim Besichtigen der Werke die gebotenen Abstandsregeln erfüllen zu können.

Internationale Gruppenausstellung "Ausweitung der Marktzone" mit Arbeiten von AG Arbeit, Iván Argote, Ruben Aubrecht, Tom Früchtl, Mariam Ghani, Jochen Höller, Christian Jankowski, Sven Johne, Anja Kempe, Federico Martínez Montoya, Beate Passow, Oliver Ressler, Julian Röder, Andreas Siekmann, Pilvi Takala, Brian Ulrich, Stefanie Unruh, Thomas Weinberger/Benjamin Zuber, Stefanie Zoche. Zu sehen bis zum 6. September.

© SZ vom 15.05.2020

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