BerufswahlKaum weibliche Konkurrenz für die Tech-Bros

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Ismaninger Realschülerinen haben im diesem Schuljahr Einblicke in technische Betriebe und Forschungseinrichtungen gewonnen und zum Beispiel bei der BMW Group mit dem Lötkolben gearbeitet.
Ismaninger Realschülerinen haben im diesem Schuljahr Einblicke in technische Betriebe und Forschungseinrichtungen gewonnen und zum Beispiel bei der BMW Group mit dem Lötkolben gearbeitet. (Foto: Girls' Day Akademie Bayern)

Trotz aller Bemühungen von Politik und Wirtschaft liegt der Anteil an Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen immer noch unter 20 Prozent.  Ein Besuch bei Schülerinnen in Ismaning zeigt: Viele sind durchaus aufgeschlossen – und entscheiden sich dann doch anders.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Sichtlich stolz nehmen die elf Mädchen an diesem Sommerabend in der Aula der Johann-Andreas-Schmeller Realschule in Ismaning ihre Zertifikate entgegen. Auch eine Rose bekommt jede von ihnen, als symbolische Anerkennung ihrer Leistung im vergangenen Schuljahr. 120 Stunden haben die Siebt- bis Zehntklässlerinnen zusätzlich zum Unterricht freiwillig investiert, sind in den Wintermonaten teils erst nach Einbruch der Dunkelheit von einer Exkursion nach Hause gekommen. Und das alles, um sich einen Eindruck zu verschaffen in Berufe und Arbeitsfelder, die bisher vielleicht noch nicht auf ihrem Zettel für anstehende Bewerbungen standen. Während der „Girls’ Day Akademie“, welche die elf Jugendlichen soeben hinter sich gebracht haben, haben sie keine Rosen in die Hand genommen, vielmehr Lötkolben, Kabelisolierwerkzeug und die Computertastatur zum Programmieren.

Dieses Engagement solle sich für die jungen Frauen auszahlen, versichert ihnen Marc Hilgenfeld, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (VBM) für Oberbayern: „Die Girls’ Day Akademie ist eine Investition in die Zukunft.“ Das gilt durchaus in beide Richtungen. Firmen würden das Zertifikat bei Bewerbungen äußerst positiv werten, stellt Hilgenfeld den Teilnehmerinnen in Aussicht. Auf der anderen Seite setzen auch die Elektro- und Metallbetriebe große Hoffnungen in das Projekt.

Den Girls’ Day, bei dem explizit Mädchen und junge Frauen eingeladen sind, das Arbeiten in technischen Betrieben kennenzulernen und mit eigenen Händen auszuprobieren, gibt es in Deutschland schon seit 2001. 2013 hat der VBM die Girls’ Day Akademie ins Leben gerufen, unterstützt von der Bundesagentur für Arbeit und dem bayerischen Wirtschaftsministerium. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Die Branche, in der allein in Bayern mehr als 850 000 Menschen beschäftigt sind, braucht Nachwuchs. Gerade in Berufen aus den sogenannten Mint-Bereichen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, aber sind Frauen bis heute deutlich unterrepräsentiert. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft lag der Anteil der Frauen in sozialversicherungspflichtigen Mint-Berufen 2024 bundesweit bei gerade einmal 16,4 Prozent. Insgesamt fehlten laut dem Gutachten im Mint-Bereich mehr als 160 000 Arbeitskräfte in Deutschland.

Unternehmen versuchen daher seit einigen Jahren, verstärkt gerade Mädchen für eine Ausbildung in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen zu begeistern, mit Workshops, Digitalcamps und anderen Aktionen. Das bedeutet einerseits Information und Aufklärungsarbeit. „Vielen ist gar nicht bewusst wie viele Berufe es in diesem Bereich überhaupt gibt“, sagt Sonja Rülicke-Luzar vom Organisationsteam der Girls’ Day Akademie. Verfestigte tradierte Rollenklischees verhindern noch immer nicht selten, dass sich Mädchen bei Gedanken über ihre Berufswahl überhaupt näher mit technischen Berufen befassen. Dabei seien Zukunftssicherheit und Verdienstmöglichkeiten etwa in der Metall- und Elektroindustrie attraktiv, wirbt Regionalverbandsgeschäftsführer Hilgenfeld; außerdem achte die Branche längst auf eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Zum Abschluss des Projekts präsentierten die Schülerinnen, was sie gelernt haben.
Zum Abschluss des Projekts präsentierten die Schülerinnen, was sie gelernt haben. (Foto: Girls' Day Akademie Bayern)

Aktionen wie die Girls’ Day Akademie seien perfekt, um den Teilnehmerinnen live Einblicke zu geben in die Vielfalt der Berufe, davon ist auch Berufsberater Sebastian Treml von der Agentur für Arbeit überzeugt. Das helfe gegen Schubladendenken und unterstütze die freie Berufswahl. An 17 Schulen – acht Realschulen und neun Gymnasien – haben 2024/25  je bis zu 15 Mädchen teilgenommen. Kooperationspartner sind einerseits Unternehmen, andererseits Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus der Region. Die Schülerinnen aus Ismaning etwa besuchten unter anderem eine Ausstellung der Mathematikfakultät der TU München, die Experimentierwerkstatt des Deutschen Museums und die Supernova der Europäischen Südsternwarte ESO in Garching. Praktisch Hand anlegen durften sie bei Mikrochip-Hersteller Suss Microtec in Garching, dem Kommunikationstechnikspezialisten Rhode und Schwarz sowie bei der BMW-Gruppe in München.

Auch die Universität der Bundeswehr München hat sich der Mint-Förderung von Mädchen und jungen Frauen verschrieben. In den Sommerferien bietet die Universität an ihrem Sitz in Neubiberg Ferienworkshops speziell für weibliche Neugierige im Alter von 10 bis 14 Jahren an. Unter dem Motto „Starke Mädchen machen Mi(n)t“ können die Teilnehmerinnen Einblicke in verschiedene Felder der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gewinnen. In den Workshops werden die Teilnehmerinnen angeleitet, selbst aktiv und kreativ zu werden. Sie bauen zum Beispiel ihr eigenes Modellflugzeug, konstruieren eine begehbare Holzbrücke ganz ohne Schrauben oder erkunden im Testlabor, wie belastbar Beton, Stahl oder Glas im Vergleich zu Gummibärchen sind – und warum.

Die Kurse gibt es bei der Universität der Bundeswehr schon seit 2008. Bis 2019 lief das Angebot unter dem Titel „Mädchen machen Technik“, durch die TU München koordiniert. Seit 2022, nach einer Corona-Pause, bietet die Bundeswehr-Uni das Programm eigenständig an. „Wir erleben von Jahr zu Jahr eine deutlich gesteigerte Nachfrage“, sagt Projektkoordinatorin Sofie Fertig. Das habe sicherlich unter anderem damit zu tun, dass sich das Programm im Umkreis der Universität mittlerweile herumgesprochen hat. „Darüber hinaus gibt es durchaus Mädchen, die in diesem Jahr zum zweiten oder dritten Mal mitmachen und die ein oder andere Freundin mitbringen.“

Wie groß der direkte Effekt solcher Angebote auf die spätere Berufswahl junger Frauen ist, lässt sich schwer festmachen. Doch einige Werte weisen klar darauf hin, dass das Interesse von Mädchen am Mint-Bereich steigt. So haben sich laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik im Wintersemester 2023/24 an den Hochschulen im Freistaat mehr als doppelt so viele Frauen für ein Studium in den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik eingeschrieben als noch vor 20 Jahren. Heute machen sie immerhin 34,6 Prozent der Studierenden in diesen Bereichen aus. Auch an der Werkbank oder im Entwicklungslabor arbeiten immer mehr Frauen. Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge ist der Anteil der Frauen unter den Arbeitnehmern in diesen Branchen im vergangenen Jahrzehnt zwar langsam, aber doch stetig gestiegen, von 13,8 Prozent 2012 auf die erwähnten 16,4 Prozent im Jahr 2024.

„Wenn die Kinder etwas mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Händen ausprobieren können, hat das ein ganz anderes Gewicht“

Wie lässt sich diese Quote weiter erhöhen? Eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Berufswahl junger Menschen spielen weiterhin die Eltern, darin sind sich Berufsberater, Lehrkräfte und Verbände einig. Bei der Girls’ Day Akademie versuche man daher, auch die Eltern einzubinden und ihnen die Vielfalt heutiger Ausbildungs- und Berufschancen aufzuzeigen, sagt Organisatorin Rülicke-Luzar. Gabi Gatti arbeitet selbst in einem technischen Beruf. Sie war begeistert, als sie hörte, dass ihre Tochter Julia an dem Programm in Ismaning teilnehmen könne und unterstützte das Engagement. „Wenn die Kinder etwas mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Händen ausprobieren können, hat das ein ganz anderes Gewicht als das, was wir ihnen erzählen können“, sagt Gatti. Das Programm habe ihr viele interessante Einblicke gegeben, bestätigt Tochter Julia. Gleichwohl verfolgt die Neuntklässlerin eher den Plan, nach ihrem Realschulabschluss an der FOS im Sozialzweig weiterzumachen. Technik interessiere sie, sagt sie, aber Soziales eben noch mehr.

Andere Teilnehmerinnen denken nach der Akademie um. Bisher habe sie sich eher im medizinischen Bereich gesehen, sagt Hannah, die die achte Klasse der Ismaninger Realschule besucht. Nun könne sie sich auch eine Ausbildung in der Automobilbranche vorstellen. Diana dagegen will an ihrem Berufswunsch Polizistin festhalten. Doch die Einblicke in die Automobilwerkstatt haben auch sie beeindruckt. Besonders der direkte Austausch mit Azubis in den Betrieben sei sehr wertvoll gewesen, sagt die Neuntklässlerin.

Die Workshops an der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg finden im August und September statt, Details zu Programm, Unkosten und Anmeldung gibt es unter https://go.unibw.de/ferien. Nähere Informationen zur Girls’ Day Akademie finden sich unter www.bildunginbayern.de/weiterfuehrende-schule/girls-day-akademie.

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