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Trachtenmanufakturen in der Krise:Das nächste Oktoberfest kommt bestimmt

Trachten Ganter in Ismaning

Die Firma produziert hochwertige Trachten hauptsächlich für Herren.

(Foto: Catherina Hess)

Keine Wiesn, keine Kirchweihfeste, keine großen Hochzeiten: Die Pandemie trifft Trachtenmanufakturen wie die von Dieter Ganter hart. Wie er es durch die Krise geschafft hat - und warum er sicher ist, dass bald wieder zünftig gefeiert wird.

Von Magdalena Scheck, Ismaning

Vor 75 Jahren nähte Lorenz Ganter den ersten Stich auf einer ausgeliehenen Haushaltsnähmaschine in Ismaning. Diese Nähmaschine steht heute noch in der Auenstraße, wo die Trachtenmanufaktur Lorenz Ganter ihren Sitz hat. Heute wird das Unternehmen in der dritten Generation der Familie geführt. Dieter Ganter ist selbst Schneidermeister und Geschäftsführer. Seit 1998 ist er im Familienunternehmen, das er von seinem Vater übernommen hat.

Er öffnet an diesem Vormittag die Tür des Schneidereibetriebes und winkt gut gelaunt in das Büro, in dem zwei Schreibtische stehen. Sein eigener und der seiner Mutter, die dort am Telefon sitzt und Kundengespräche führt. "Meine Mutter ist mittlerweile 80 und gibt ihren Schreibtisch nicht her!", sagt der Unternehmer lachend. Er selbst lässt sich auf einer Eckbank am Ende des Raumes nieder, neben ihm eine Kleiderstange mit dem ersten Vorgeschmack auf das, was im Lager und der Werkstatt wartet - Trachtenjacken, Capes und Westen.

"Mein Großvater war gelernter Schneider und hat am 1. April 1936 seine erste Firma gegründet, eine Maßschneiderei in München", erzählt Dieter Ganter. Doch aller Anfang war schwer, zunächst wollte es Lorenz Ganter nicht gelingen, seine Schneiderei zu etablieren. Also trat er eine Stelle als Produktionsleiter in einer großen Kleiderfabrik in Sachsen an, nebenbei führte er seine Firma weiter, als Handel für Bekleidungszubehör. "Dabei wäre er wahrscheinlich auch geblieben, wenn nicht der Krieg zu Ende gewesen wäre und die Rote Armee vor der Tür gestanden hätte", vermutet sein Enkel.

So kam Lorenz Ganter gemeinsam mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Ismaning. In der Waschküche seiner Schwiegereltern begann er wieder zu schneidern - "von irgendwas musste er ja leben", sagt Ganter, und Sozialhilfe habe es damals noch nicht gegeben. Doch da es zu dieser Zeit noch fünf oder sechs Schneider im Ort gab, wurde ihm von der Gemeinde verboten, seine Schneiderei in Ismaning wiederaufzubauen. Lorenz Ganter bleib trotzdem hartnäckig, bis er 1946 mit der offiziellen Erlaubnis der Gemeinde belohnt wurde. "Seit 75 Jahren gibt es unsere Firma jetzt so wie sie ist, hier in Ismaning", sagt Dieter Ganter stolz.

Ein ganz besonderes Jubiläum, denn ein Betrieb wie die Trachtenmanufaktur ist heute zur Seltenheit geworden. Auch in Ismaning ist Lorenz Ganter der letzte Schneider, der noch übrig ist. "Wir sind keine Maßschneiderei, aber auch kein Massenkonfektionsbetrieb", erklärt Dieter Ganter. "Wir fahren ein bisschen zweigleisig: Zum einen produzieren wir eine feste Kollektion, mit der wir auch den Fachhandel beliefern. Zum anderen machen wir auch Sonder- und Einzelanfertigungen für die Kunden, die zu uns kommen." Zum Sortiment gehören vor allem Herrentrachten; Lodenjacken, Leinenjacken und Westen, aber auch mal Mieder, Capes und Jacken für Damen. Außerdem werden in der Werkstatt des Unternehmens originale Trachtenjacken für die unterschiedlichsten bayerischen Trachtenvereine angefertigt.

"Es ist wahnsinnig vielseitig, was wir machen. Jeden Tag das gleiche - das gibt es bei uns eigentlich nicht", erklärt Dieter Ganter, als er ins Lager führt. Einem großen Raum, an dessen Wänden sich die Kleiderstangen anreihen. Unzählige besondere Jacken und Mäntel, Westen und Mieder sind dort zu finden. Über einem Tisch hängt der Meisterbrief des Großvaters und der des heutigen Chefs. Dieser beginnt Jacken von den Kleiderbügeln zu ziehen, er zeigt die kleinen Details, die den Unterschied machen.

Rund 200 Arbeitsschritte braucht es, um eine Herrenjacke zu schneidern

"Unser Spektrum ist relativ breit. Wir machen alltagstauglichere Kleidung. Jacken, wie man sie auf der Straße sieht. Zudem produzieren wir auch Jacken für andere Labels, auf der Basis unserer Schnitte und unserer Verarbeitung, aber ohne unser Logo. Das sind oft High-End-Marken, die kleine Stückzahlen bestellen und klare Vorstellungen haben, die wir umsetzen", erzählt Ganter. Auch die Herstellung der Originaltrachten ist komplex, denn dort kommt es auf Einzelheiten an, auf Knöpfe, Taschen oder Kragen, die sich von Verein zu Verein unterscheiden können. "Das macht Spaß", erklärt Ganter, sei aber auch aufwendig. Vor allem ist es detailgenaue Handarbeit.

Rund 200 Arbeitsschritte braucht es, um eine Herrenjacke zu schneidern. "Das macht Bekleidungsherstellung so wahnsinnig lohnintensiv", sagt Ganter. Deshalb werdein diesem Sektor heute hauptsächlich in Asien produziert "80 Prozent der Bekleidung, die bei uns in Deutschland gehandelt wird, kommt nicht einmal mehr aus Europa", sagt Ganter. Auch das macht den Ismaninger Schneider so besonders, fast schon "exotisch" wie der Geschäftsleiter sagt. 95 Prozent der Kleidung produziert das achtköpfige Team in der eigenen Werkstatt, die restlichen fünf Prozent werden in Bayern hergestellt und zugeliefert.

"Wir sind nicht nur Made in Deutschland, sondern Made in Bayern", sagt Ganter. Die Kleider der Firma sind jedoch auch über die Grenzen des Landes hinaus beliebt - "Natürlich ist unser Hauptabsatzmarkt Bayern, Deutschland und Österreich, aber auch die Amerikaner haben eine sehr aktive Trachtenvereinsszene", sagt der Unternehmer. Einmal habe er sogar Lodenmäntel bis nach Japan geliefert. Seit fünf Jahren arbeitet der Ismaninger mit einem Unternehmer in Frankreich zusammen, der maßgefertigte Werke der Schneiderei unter dem Namen "Lorenz Ganter France" verkauft. Dabei gilt: "Je bunter, desto toller", scherzt Ganter, "da gibt es Farbkombinationen, die kannst du bei uns keinem verkaufen."

Einige dieser Exemplare entstehen gerade in der geräumigen Werkstatt des Betriebes. Zu fröhlicher Radiomusik wird hier Stoff zugeschnitten, genäht und gebügelt. Fünf Mitarbeiterinnen sind an diesem Tag konzentriert bei der Arbeit an verschiedenen Stationen. Anna-Maria Altweck schneidet die Stoffe zu und packt alles zu einem Bündel zusammen, woraus danach ein fertiges Kleidungsstück entsteht: Stoffteile, Label, Größenetikett - sie weiß genau, wie das Teil später aussehen wird und kennt jeden Arbeitsschritt. Seit 2010 ist Altweck im Betrieb beschäftigt und damit, wie sie selbst sagt "der Youngster" im Team, nicht aufgrund ihres Alters, sondern weil sie mit elf Jahren die vergleichsweise geringste Zeit im Unternehmen arbeitet.

Auch in der Näherei gibt es verschiedene Arbeitsschritte. Dort werden Ärmel gefüttert, Taschen eingenäht, Kanten abgesteppt, Hosen gebügelt und Knöpfe angenäht. An diesem Tag ist Leben in der Werkstatt, doch das sah die letzten Monate nicht immer so aus. Die Corona-Pandemie trifft auch die Trachtenmanufaktur und zwingt die Mitarbeiter in die Kurzarbeit. "Das vergangene Jahr nach dem Lockdown war durchwachsen. Wir hatten das große Glück, dass mit Ausnahme eines Kunden keiner etwas storniert hat. So haben wir uns bis September einigermaßen - oder im Vergleich ganz vernünftig - durchs Jahr gemogelt. Mit dem Abbau von vielen Überstunden. Im Herbst ist es schwierig geworden. In diesem Jahr ist es ganz mau", sagt der Geschäftsführer. "Während des Lockdowns hätte unsere Produktion produzieren dürfen, aber wenn ich keine Möglichkeit habe, das, was ich produziere, zu verkaufen, brauche ich es auch nicht herzustellen." Deshalb stand der Betrieb zum Teil fast gänzlich still.

Im ersten Lockdown stellte Dieter Ganter die Produktion auf Mundschutzmasken um. Verdient hat die Manufaktur daran nichts

Als im März vergangenen Jahres die Pandemie ihren Lauf nahm, beschloss Dieter Ganter die Produktion mal eben umzustellen, auf Mundschutzmasken. Die Idee dafür entstand aus der Not heraus, denn ihm war klar: Wenn die Geschäfte schließen müssen, geht dem Trachtenhersteller früher oder später die Arbeit aus. Fast sechs Wochen lang nähte das gesamte Team Masken wie am Fließband. Für Krankenhäuser, Unternehmen und Privatpersonen, egal ob es 2000 oder nur zwei Stück sein sollten. "Wir konnten gar nicht so viele produzieren, wie wir gebraucht hätten", erzählt Ganter.

Doch Geschäft habe die Firma mit dem Maskenverkauf keines gemacht. "Die Masken waren so kalkuliert, dass die Löhne und das Material bezahlt waren. Verdient haben wir daran nichts, aber wir sind eben auch nicht sechs Wochen in Kurzarbeit gegangen", sagt der Schneidermeister. Kaum waren die Geschäfte wieder offen und Masken überall erhältlich, wurden die genähten Masken kaum mehr gebraucht. Das Geschäft mit den Masken war am Ende des ersten Lockdowns vorbei, genauso plötzlich wie es begonnen hatte.

Die gesamte Trachtenbranche trifft die Pandemie schwer. Viele Unternehmen kämpfen um das Überleben, weiß Ganter: "Das große Problem ist, dass man eigentlich machtlos dasteht und nichts unternehmen kann. Ein Unternehmer heißt Unternehmer, weil er was unternimmt - kann ich aber nicht! Wenn ich meinen Laden zusperren muss, kann ich meine Produkte nicht verkaufen und es ist auch kein Bedarf da. Das Produkt, das wir herstellen, wird momentan einfach nicht gebraucht."

Eine Umstrukturierung der Firma ist für Ganter keine Option

Die Mitarbeiterinnen tragen die Situation mit Fassung. Angst, ihre Jobs zu verlieren, müssen sie nicht haben. "Wir halten das noch eine Zeit aus. Vergnügungssteuerpflichtig ist das aber für keinen", sagt der Chef. Auch Näherin Angela Zapf sagt: "Es bleibt uns nichts anderes über. Wir müssen halt hoffen, dass es wieder mal besser wird." Seit 23 Jahren arbeitet Zapf schon im Schneidereibetrieb. In diesem Jahr sind es bisher nur wenige Wochen, die sie nicht zu Hause in Kurzarbeit, sondern in der Werkstatt an der Nähmaschine verbracht hat.

Trotzdem glaubt Dieter Ganter an die Zukunft seines Unternehmens. Denn obwohl sich der kurze Abstecher in die Maskenproduktion gelohnt hat - eine Umstrukturierung der Firma ist für Ganter keine Option. "Wir bleiben so wie wir sind. Wir haben schon so viel überstanden. Das schaffen wir jetzt auch noch!" Irgendwann werde es wieder losgehen, mit Maifesten, Bierzelten, Hochzeiten und der Wiesn. Und wenn es wieder losgeht mit dem Feiern - dann aber richtig, da sind sich Mitarbeiterinnen und Chef einig. "Da werden wir gar nicht mehr hinterherkommen, mit der Arbeit!"

© SZ vom 09.06.2021/fpol, van
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