MobilitätDer lange Weg zum autonomen Fahren

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Verena Bentele (grüner Anzug) interessiert sich für autonomes Fahren. Als blinde Person erhofft sie sich durch die Technologie ein einfacheres Leben.
Verena Bentele (grüner Anzug) interessiert sich für autonomes Fahren. Als blinde Person erhofft sie sich durch die Technologie ein einfacheres Leben. (Foto: Robert Haas)

Die Zukunft des Straßenverkehrs liegt in selbstfahrenden Autos, davon sind die Teilnehmer einer Konferenz der Allianz-Versicherung in Ismaning überzeugt. Doch bei der Bevölkerung stößt das Konzept weiterhin auf Skepsis – und die technische Entwicklung kommt nicht so schnell voran, wie erhofft.

Von Henry Borgelt, Ismaning

Wenn es nach den Beteiligten in Ismaning geht, könnte es schon losgehen – am besten sofort. „Die Technik ist da und sie ist sicherer als der Mensch“, frohlockt Katrin-Cécile Ziegler in einem Zwischenfazit. Mit der Technik meint die Moderatorin des „Allianz Motor Days“ selbstfahrende Autos, die ohne menschlichen Fahrer auskommen. Lesen während der Autofahrt oder eine Serie schauen – das ist die Vision der Entwickler der autonomen Fahrzeuge. Und diese soll schon in wenigen Jahren auch in Deutschland Realität werden.

Seien es Anbieter von Robotaxis wie VW oder Entwickler von Technik für private Fahrzeuge: Sie alle glauben fest an die autonome Technologie und ihren Beitrag zur „Vision Zero“, einer deutlichen Reduzierung der Verkehrstoten. Laut der Allianz-Versicherung ist bis zum Jahr 2060 durch die voranschreitende Autonomisierung der Autos mit bis zu 50 Prozent weniger Verkehrsunfällen zu rechnen.

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Auf dem Gelände der Allianz-Versicherung in Ismaning beleuchtet Verena Bentele bei der Konferenz die Chancen der Technologie, die sich für Menschen mit Behinderungen eröffnen. „Für mich als jemand, die von Geburt an blind ist, würde autonomes Fahren ein viel selbstbestimmteres Leben ermöglichen“, erklärt die Präsidentin des Sozialverbands VdK und viermalige Weltmeisterin im Biathlon und Skilanglauf. Gerade im ländlichen Raum könne das autonome Fahren das Leben erleichtern, da es hier oft nur bedingt ein ÖPNV-Angebot gebe.

Verena Bentele hat einige der autonomen Fahrzeuge bereits getestet. Sie glaubt, dass autonomes Fahren ihr Leben deutlich erleichtern könnte.
Verena Bentele hat einige der autonomen Fahrzeuge bereits getestet. Sie glaubt, dass autonomes Fahren ihr Leben deutlich erleichtern könnte. (Foto: Robert Haas)

Den Optimismus, den die Veranstalter und Entwickler in Ismaning versprühen, teilen die Deutschen allerdings nicht ganz. Wie eine Umfrage zeigt, haben nur 38 Prozent der Befragten in Deutschland eine positive Einstellung gegenüber dem autonomen Fahren. Die Sorgen betreffen die Fragen, wie ausgereift die neue Technologie ist und wie ein autonomes Fahrzeug in einer unvorhersehbaren Situation wohl reagieren könnte. Zudem will eine große Mehrheit der Befragten zu jeder Zeit wieder die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen können.

„Die Ergebnisse machen deutlich, dass Vertrauen in autonomes Fahren nicht allein von der Technik abhängt, sondern auch von der psychologischen Dimension der Kontrolle“, erklärt der Verkehrspsychologe Michael Praxenthaler. Denn trotz der Bedenken bewerteten knapp 60 Prozent der Befragten ihre bisherigen Erfahrungen mit Fahrassistenten als positiv. Um dieses Vertrauen zu stärken, setzen die Entwickler auf Tests und Kommunikation. Während der Konferenz in Ismaning geschieht das durch Live-Präsentationen, bei denen einige der Aussteller ihre Projekte vorstellen und vorführen.

So führt ein kleines Start-up das Konzept der „Teleoperation“ vor. Dabei kann ein Fahrzeug bei Bedarf ferngesteuert werden. Sollte der Fahrer einen medizinischen Notfall haben, könne dann auf Knopfdruck Hilfe angefordert werden, erklärt ein Mitarbeiter. Zur Demonstration steuert er ein modifiziertes Elektroauto über das Gelände. Zwar nur in Schrittgeschwindigkeit, dafür reagiert das Fahrzeug schnell auf die Eingaben des „Teleoperators“, der das Fahrzeug fast wie in einem Videospiel von einem Computer aus steuert.

Von solchen Konsolen sollen Fahrzeuge wie das im Hintergrund auch aus Tausenden Kilometern Entfernung gesteuert werden können.
Von solchen Konsolen sollen Fahrzeuge wie das im Hintergrund auch aus Tausenden Kilometern Entfernung gesteuert werden können. (Foto: Robert Haas)

Testfahrten in autonomen Fahrzeugen sind für Verena Bentele der Schlüssel zu mehr Akzeptanz gegenüber den selbstfahrenden Fahrzeugen. „Die Leute müssen positive Erfahrungen damit sammeln, zum Beispiel auf einer Teststrecke“, führt die VdK-Vorsitzende aus. Menschen müssten im Auto sitzen und Zeitung lesen, um ein Gefühl für die Technik zu bekommen und Vertrauen zu entwickeln. Tatsächlich haben viele der Befragten trotz der großen Skepsis nur wenig Erfahrung mit autonomen Fahrsystemen. Nur 42 Prozent gaben an, mit der Technologie bekannt zu sein.

Dass die moderne und autonome Technologie wirkt, davon sind beim Allianz Motor Day alle überzeugt. So würden autonome Systeme in den heutigen Autos schon jetzt Unfälle verhindern: Eine Untersuchung der Versicherung zeigt, dass 66 Prozent der Unfälle beim Rückwärtsfahren durch Notbremsassistenten im Heckbereich vermieden werden könnten. Die Allianz-Versicherung geht davon aus, dass die Reparatur- und Versicherungskosten stabil bleiben werden. Zwar würde es weniger Unfälle aufgrund der hochmodernen Technik geben, dafür würden Reparaturen bei Unfällen aber teurer, heißt es vom Versicherer.

In zehn Jahren soll es so weit sein

Im Vergleich zu den Visionen, die die Entwickler haben, erscheinen solche Notbremsassistenten allerdings schon fast altmodisch – auch wenn die Verwirklichung nicht so schnell kommt, wie zunächst erhofft. So ist beispielsweise der Start des autonom fahrenden elektrischen VW Trinity, ursprünglich für 2026 geplant, erst einmal verschoben.  Momentan würden Genehmigungsverfahren und Bürokratie den Fortschritt bremsen, heißt es von den Start-ups und Entwicklern. In zehn Jahren aber sollen autonome Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen fahren können.

Verena Bentele erinnert die Entwicklung ein bisschen an die Science Fiction der Achtzigerjahre: „Knight Rider und sein Auto ‚Kit‘. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob wir ein sprechendes Auto wollen, aber ein Auto mit einem Turbo für den Stau, welches selbständig fahren könnte: Das ist nicht mehr nur eine Vision, sondern Realität.“

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