Am Nachmittag nimmt die Sonne vom Westen her die Einladung zum speziellen Tauchgang an: Schmale Strahlen bahnen sich den Weg durch die kleinen Öffnungen derjenigen Keramik-Skulpturen, die im Schlosspavillon in der Nähe des hinteren Fensters platziert sind. Die schlanken Lichtschneisen fügen dem im Hellen badenden Raum eine zauberische Note bei.
Die derart in Szene gesetzten keramischen Körper sind Part der raumgreifenden Installation „For you who remain within me“, die jetzt in der Galerie im Ismaninger Schlosspark zu sehen ist. Es ist eine Art Stadtlandschaft voller weißer kuppelartiger Formen sehr unterschiedlicher Größen, die von altiranischer Architektur inspiriert ist und sich als begehbare Installation über die drei barocken Räume im Pavillon erstreckt. Der kreative Kopf dahinter ist die iranische Künstlerin Zahra Ghadimian, die als Absolventin der Akademie der Bildenden Künste München diese Ausstellung realisieren durfte – auserwählt von einer Jury, die im Kontext einer Kooperation zwischen dem Akademieverein und dem Kallmann-Museum Ismaning aktiv ist.
Zusätzlich zum visuellen Zauber ist zudem die symbolische Wirkung eindrucksvoll, wenn man weiß, welche Gedanken Ghadimian bei der Konzeption streiften: „Die Öffnungen dienen sowohl als Fenster als auch als Metaphern für das Herz“, erklärt die 36-Jährige, und diese Öffnungen seien damit gleichsam „Orte, durch die Licht, Erinnerung und Verbindung fließen“. Für die in Maragheh im Nordwesten Irans geborene Künstlerin ist diese quasi mit eigenen Händen gestaltete und erbaute Stadt nicht nur eine bewegliche Ansammlung von weißen Gebäuden, sondern eine aus ihrem Inneren entsprungene Manifestation emotionaler Bindungen und Erinnerungen. Die Skulpturen stehen auch für menschliche Formen, sie gemahnen symbolisch an die Präsenz von Personen, die im von häufigen Ortswechseln bestimmten Leben Ghadimians eine Rolle spielten: „Jene, die ich verloren habe, jene, die ich zurücklassen musste, und jene, die da sind“, sagt sie.
Ihre Eltern hat sie zurücklassen müssen
Sie selbst kam bereits 2013 nach Europa, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Florenz, wo sie 2019 ihren Master-Abschluss machte, und danach in München, wo sie kürzlich ihr Diplom erwarb. Ihre Eltern gehören zu denen, die sie gleichsam zurücklassen musste, sie leben heute noch in Iran, in der Nähe von Teheran. Die Situation in dem von inneren Spannungen, Krieg sowie wirtschaftlicher Krise geprägten Land ist im Moment selbstredend besonders schwierig. Zuletzt besucht hat Zahra Ghadimian ihre Eltern vor anderthalb Jahren.
In der Zwischenzeit sei es ihr manchmal so vorgekommen, als seien diese am Ufer und sie selbst auf dem Meer, aber sie könne das Ufer einfach nicht erreichen, wie sie erzählt. Die aufblühende Hoffnung, die sie etwa noch angesichts der Proteste 2022/23 gegen das iranische Regime unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ für ihre erste Heimat spürte, ist derzeit eher verflogen. Die brutale Reaktion der Regimes auf die erneuten Proteste 2025/26 hat ihr schwer zugesetzt.
Gleichwohl plant sie, ihre Eltern demnächst wieder zu besuchen. Eine generelle Rückkehr ins Geburtsland steht freilich schon angesichts der aktuellen Umstände nicht zur Debatte, zumal dort auch die rein berufliche Situation für eine moderne Künstlerin wie sie – die neben plastischer und malerischer Entfaltung performative Kunst liebt – im Vergleich zu Europa suboptimal wäre.
Die dritte Heimat
München sei nun nach Iran und Florenz ihre „dritte Heimat“, wie sie sagt. Sie lebt hier mit ihrem Mann und an der Kunstakademie habe sie „sehr viel gelernt“, nicht zuletzt bei der renommierten rumänischen Performance-Künstlerin Alexandra Pirici.

Als Besucher im Schlosspavillon muss man zwar nicht unbedingt performen während der Besichtigung, aber man ist eingeladen, auf vorgegebene Wegen durch die fragile Stadtlandschaft zu gehen und so ein Teil davon zu werden. Eindrucksvoll verändern sich die Perspektiven und gerade, wo die Installation in den Flügelräumen mit kleinen versiert verstreuten Skulpturen ausläuft, (die mitunter an Porzellan-Fingerhüte erinnern) – wirkt sie fast beweglich.
Der figurative Charakter der Installation wird dort besonders akzentuiert. Ein Hingucker im zentralen Raum ist dafür ein rotes Wollknäuel samt einem Faden, der – wie das Sonnenlicht – ebenfalls durch die kleinen Öffnungen der keramischen Körper fließt und so verbindenden Charakter hat. Es geht um Emotion, zerbrechliche Vernetzung, aber auch um Schutz und Identität. „Manchmal denke ich, ich bin das Wollknäuel“, sagt Ghadimian. Der rote Ball im Raum kann für Herzblut stehen und dafür, dass er weiter ausgerollt werden könnte - um mehr Verbindungen zu schaffen.

Es sind sehr viele in fließend anmutenden Bewegungen platzierte Skulpturen, zwischen denen zu wandeln das Kunsterlebnis unmittelbar macht. Viel Zeit und Aufwand steckt dahinter, es ist sogar mal ein großer Körper im Keramik-Ofen explodiert, wie Ghadimian erzählt. Man kann, wenn man will, zudem noch weitere Bezüge zur iranischen Kultur erkennen, wie die Tatsache, dass traditionelle Gebäude in den dortigen Wüsten wie der Dascht-e Lut oft aus Lehm- und Tonziegeln errichtet sind. Aber man braucht wahrscheinlich gar nicht so viele Informationen, um den eigenwilligen Zauber der Installation zu erfassen.
„For you who remain within me“ ist eine spielerische und berührende Auseinandersetzung mit Raum und Identität, Zeit und Zeitlosigkeit. Mit Erinnerung sowie Verbindung. Und das Licht spielt auch mit.
Ausstellung „For you who remain within me“ im Ismaninger Schlosspavillon, Schloßstraße 1, bis 27. September

