Süddeutsche Zeitung

Naherholung an der Isar:Die Natur muss warten

Vor zehn Jahren hat der Münchner Kreistag beschlossen, die Isarauen südlich und nördlich von München als Schutzgebiet ausweisen zu lassen. Seither liegt der Antrag unbearbeitet bei der Regierung von Oberbayern. Nicht nur die Grünen werden langsam ungeduldig.

Von Lisa Marie Wimmer, Pullach

Frösche, Eidechsen und Schlangen können unter Umständen sprichwörtlich unter die Räder geraten, wenn Mountainbike-Fahrer durch die Isarauen brettern. Zum Verdruss von Naturschützern. Diese wollen daher seit Jahren, dass das südliche Isartal und die Hangwälder zum Naturschutzgebiet erklärt werden. Im April 2013 wurde im Münchner Kreistag beschlossen, genau das bei der Regierung von Oberbayern zu beantragen. Heute, mehr als zehn Jahre später, ist noch immer nichts passiert. Und die Grünen, die seit Jahren auf die Ausweisung des Isartals als Naturschutzgebiet dringen, werden langsam ungeduldig.

"Offensichtlich will die CSU-Staatsregierung die Naturschutzprobleme im Isartal einfach aussitzen", vermutet der Grünen-Kreisrat Markus Büchler. "Dass die Staatsregierung nun abermals keinerlei Fortschritte vorweisen kann, ist ein Unding." Dabei hatte sich der Kreistag 2013 - wenn auch nur mit knapper Mehrheit - entschieden, den Flusslauf südlich und nördlich von München zum Naturschutzgebiet erklären zu lassen. Seither liegt der Antrag bei der Regierung von Oberbayern. Die Behörde teilt auf Anfrage mit, dass ein Verfahren zur Ausweisung des Isartals als Naturschutzgebiet "angesichts prioritärer naturschutzfachlicher Aufgaben" bisher nicht eingeleitet wurde.

Zu den prioritären Aufgaben würden insbesondere laufende Vorhaben im Zusammenhang mit der Energiewende und vordringlichere Verfahren zur Inschutznahme anderer Gebiete Oberbayerns zählen. Der Naturschutz und der Erhalt der Artenvielfalt sei allerdings von "großer Bedeutung", teilt die Regierung von Oberbayern mit: "Das Verfahren zur Ausweisung des Isartals als Naturschutzgebiet wird so zügig wie möglich angegangen."

"Das klingt ja mal ganz schön nach zehn Jahren, dass es so zügig angegangen werden soll", sagt Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) sarkastisch: "Aber ich glaube erst daran, wenn es auch wirklich angegangen wird." Für Tausendfreund ist der Schutz des Isartals nach eigener Aussage schon lange ein "Leib- und Magenthema". Als vor zehn Jahren der Kreistag dem Antrag der Grünen zustimmte, sei sie froh gewesen. Und nun sitze es die Regierung von Oberbayern aus. Immer wieder habe sie nachgefragt, sagt Tausendfreund, aber es habe sich nichts getan: "Manchmal hat man den Eindruck gehabt, dass es politisch nicht gewollt ist."

Seit 25 Jahren setzt sich der Naturschützer Manfred Siering für ein Naturschutzgebiet "Südliches Isartal und Hangwälder" ein. Er ist Vorsitzender der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern und sitzt im Vorstand der Münchner Kreisgruppe des Bundes Naturschutz. Siering beobachtet seit Jahren riesige Verluste der Tier- und Pflanzenarten an der Isar. Die größte Zerstörung gehe von den Mountainbikern aus, sagt er: "Weil sie durchrasen wie die Wilden." Er selbst sieht sich als Einzelkämpfer - gegen eine "Lobby an Radfahrern".

Mit der Pandemie seien es sogar noch mehr Mountainbiker geworden, sagt der Ornithologe. Diese würden das ganze Jahr über und bei jedem Wetter quer durch die Landschaft fahren, auch in den Dämmerzeiten, dann mit hellen Stirnlampen. Dabei stört laut Siering das helle Licht die Waldschnepfe beim Überwintern.

"Die Natur wird zur Spielwiese", sagt Manfred Siering

Aber nicht nur das Licht schade den Tieren. Die Pfade würden querfeldein immer weiter ausgewalzt, mit den Pedalen Buchen-Wurzeln beschädigt und Amphibien und Reptilien überfahren. "Die merken das nicht mal", sagt der Ornithologe. Für ihn zeuge das von einer "sportlich aggressiven Haltung".

Der Eisenhutblättrige Hahnenfuß oder auch Kaulquappen leben laut Siering im flachen, sauberen Gewässer, auch im Isartal - "aber wenn Biker durchfahren, ist es zerstört". Einen Fahrer würde die Natur vielleicht noch vertragen, sagt Siering. Doch das Mountainbiken durch die Landschaft erfreue sich immer größerer Beliebtheit. Der Ornithologe kritisiert: "Die Natur wird zur Spielwiese."

Davon, dass das Gebiet zum Naturschutz ausgeweitet werden soll, erhoffen sich Siering und Tausendfreund mehr Schutz für die Natur. Und auch Zuschüsse für diverse Maßnahmen könnte man durch die Ausweisung bekommen, sagt die Pullacher Bürgermeisterin. Siering betont, dass das Gebiet alle Kriterien für ein Naturschutzgebiet erfüllen würde.

Wenn das Naturschutzgebiet kommen sollte, werde es auch eine Verordnung dazu geben, die vorgibt, was erlaubt ist und was nicht. Siering stellt sich da etwa Wege vor, abseits derer man sich nicht aufhalten dürfe. Für ihn wäre die perfekte Lösung ein circa 78 Kilometer langer Weg auf beiden Seiten der Isar entlang. Ein Routennetz für Mountainbiker haben Naturschutzverbände und Radsportvereine bereits 2017 vorgelegt. Nächstes Jahr soll in der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts der Beschluss gefasst werden, wer Trägerschaft sowie Kosten der Mountainbike-Strecke übernimmt. Und bis es so weit ist, versucht Manfred Siering so gut es geht, optimistisch zu bleiben. Denn trotz der bisherigen Zerstörung der Natur ist laut dem Naturschützer "noch nicht alles verloren".

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