Süddeutsche Zeitung

Schlauchboote auf der Isar:"Die Zustände sind im Sommer einfach nicht mehr haltbar"

  • Naturschützer wie Erich Rühmer vom Isartalverein wünschen sich auch für die Stadt und den Landkreis München strengere Auflagen und Kontrollen der Freizeitaktivitäten auf der Isar.
  • Seit Freitag gilt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen auf dem Fluss ein Alkohollimit von 0,5 Promille, auch ist unter anderem das Mitbringen von Glasflaschen und das Betreten von Kiesinseln verboten.
  • Kritik an der Bootsverordnung kommt von den Wassersportlern. Sie sehen sich als Opfer des "Party-Tourismus".

Zwei Enten watscheln gemächlich die Böschung empor. "Euch gefällt's, wenn es so ruhig ist", sagt Erich Rühmer, der den beiden Tieren am Isarufer beim Bruckenfischer an der Schäftlarner Brücke zuschaut. Kein Boot ist auf der Isar unterwegs, ein paar wenige Sonnenanbeter liegen auf den Kiesbänken. Dann holt der 81-Jährige mit den Armen aus, als wollte er die Natur umarmen. "Die Isar war schon in meiner Jugendzeit mein Urlaubsgebiet. Wir haben uns hier als Buben selbständig gemacht", sagt der Schäftlarner Altbürgermeister. Und heute? "Meine drei Enkelkinder können alle schwimmen, aber im Hochsommer gehen sie nicht in die Isar. Auch die Wassersportler sind am Wochenende nicht mehr auf dem Fluss", sagt Rühmer. Wohl aber Hunderte Schlauchboote, die dann einen der letzten Wildflüsse Deutschlands bevölkern.

Rühmer, der auch Vorsitzender des im Jahr 1902 gegründeten Isartalvereins ist, aber hat die Hoffnung, dass seine Enkel auch im Hochsommer wieder in die Isar springen können. Grund hierfür ist die neue Bootsverordnung des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen, die seit vergangenen Freitag in Kraft ist, und die der Isartalverein maßgeblich mit angeschoben hat. "Wir sind dem Landkreis sehr dankbar, dass es jetzt so schnell gegangen ist", sagt Rühmer. "Die Zustände sind im Sommer einfach nicht mehr haltbar. In Icking werden in fünf Stunden teilweise mehr als 400 Boote mit mehr als Tausend Menschen ins Wasser gelassen."

Für Naturschützer ist die neue Verordnung, die etwa das Mitbringen von Glasflaschen und das Betreten der Kiesinseln untersagt, eine Schwimmwestenpflicht für Kinder bis zwölf Jahren vorschreibt oder eine 0,5-Promille-Grenze beinhaltet, ein Segen. Weil sie auch die zeitliche Nutzung des Flusses einschränkt; südlich der Kreisstadt Bad Tölz darf die Isar nur noch von 1. Juni bis 15. Oktober befahren werden, vom Tölzer Kraftwerk bis zur Landkreisgrenze bei Schäftlarn immerhin noch bis zum 31. Dezember. Und das auch nur noch von 7 bis 20.30 Uhr.

Der Druck sei einfach zu groß geworden, sagt Fabian Unger vom Tölzer Landesbund für Vogelschutz (LBV), nicht nur von Umweltschützern: "Auch Rettungskräfte haben immer wieder gesagt, dass sie voll am Limit sind." Er selbst habe am Fluss gerade im Sommer immer wieder Aufklärungsarbeit betrieben, erzählt Unger: "Ich habe da in den letzten fünf Jahren sicher 5000 Menschen erreicht." Und diese Sensibilisierung für die Isar mit ihren Naturschätzen sei auch weiterhin notwendig. "Die Menschen kommen aus der Landeshauptstadt raus und viele haben kein Gefühl für den Naturraum", sagt er. "Deshalb hat es die Verordnung gebraucht und wir sind sehr dankbar dafür." Unger hätte sich sogar gewünscht, Boote erst frühestens vom 15. Juli an auf den Fluss zu lassen. "Denn so lange dauert die Brutzeit der Vögel mindestens."

Hörbare Kritik an der neuen Bootsverordnung aus Bad Tölz kam indes von den Wassersportlern. "Das ist eine Katastrophe für uns", sagt Stefan Schmidt, Ressortleiter Umwelt und Gewässer beim Bayerischen Kanu-Verband, kurz nachdem die Regelungen in Kraft getreten sind. Ausgebildete Kanuten, Kajakfahrer und Paddler, die auch ökologisch geschult werden, würden für den Versuch bestraft, den "Party-Tourismus" im Sommer etwas einzudämmen, sagte Schmidt; dieses Ziel aber werde mit der Bootsverordnung nicht erreicht. Fabian Unger hat Verständnis für die Sportler. Er hätte sich vorstellen können, für diejenigen, die im Verband oder Klub organisiert sind, eine Kontingentierung in der Brutzeit einzuführen. "Das wurde bei uns im LBV auch diskutiert, aber es gab keine einheitliche Linie zu dieser Frage", sagt er.

Große Hoffnungen setzen Unger und Rühmer in den Einsatz der Isar-Ranger; drei neue Stellen schafft der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und erhöht damit die Zahl der Ranger auf sieben. "Ich glaube schon, dass wir mit den Kontrollen und auch Strafen an den Einstiegen die Zahl der Schlauchboote reduzieren können", sagt Rühmer, denn es dürften ja nur noch Boote auf den Fluss, die laut Verordnung "geeignet" und "steuerbar" seien. "Wer kein Paddel dabei hat oder mit der Luftmatratze auf die Isar will, darf das nicht mehr", sagt Rühmer.

Die Isar-Ranger sollen auch die mehr als 70 Kilometer Wege links und rechts des Flusses und vor allem Mountainbiker kontrollieren. Allerdings nur bis zur Schäftlarner Brücke. Dort endet der Zuständigkeitsbereich der Ranger und mit ihm auch das Tölzer Naturschutzgebiet der Isarauen. Und es beginnt der Landkreis München, dessen Isarflächen Landschaftsschutzgebiete sind. Dieser Übergang führe zu manchen Kuriositäten, sagt Ernst Rühmer: "Im Landkreis München kann der Hund frei laufen, aber ab der Brücke muss er angeleint werden."

Im Landkreis München wurde nur eine einzige Stelle geschaffen, um die Wege mit mehr als 70 Kilometern Länge von Schäftlarn bis Grünwald zu beaufsichtigen. Das ärgert Rühmer, wie auch die Tatsache, dass die Landkreise München und Bad Tölz-Wolfratshausen sowie die Landeshauptstadt nicht eine gemeinsame Bootsverordnung erlassen haben. Unger glaubt, dass von Isar-Rangern und strengeren Regeln auch die Stadt und der Landkreis München profitieren würden. Vor allem aber würde die Natur profitieren. "Viele Arten an der Isar sind schon verschwunden", sagt Unger. "Es gibt aber noch wertvolle wie den Flussläufer, der in der Brutzeit Ruhe auf den Kiesbänken braucht."

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SZ vom 26.04.2019/imei
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