Interview:"Wir sind keine Servicedienstleister"

Kinderarztpraxis in München, 2020

Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Arbeit in Kinderarztpraxen.

(Foto: Florian Peljak)

Kinderarzt Philipp Schoof sieht die Regel kritisch, wonach bei Erkältungen ein Attest für Kita und Schule nötig ist.

Viele Eltern sind verunsichert, ob sie ihre Kinder mit Erkältungssymptomen in die Kita oder Schule schicken können. Offensichtlich bringen diese immer wieder Schreiben mit nach Hause, wonach sie mit Anzeichen wie Schnupfen erst wieder in die Einrichtung kommen dürfen, wenn sie einen negativen Corona-Test vorlegen können. Das Landratsamt München hat darauf reagiert und entschieden, dass statt eines negativen Corona-Tests auch ein ärztliches Attest vorgelegt werden kann, in dem der Arzt bescheinigt, dass das Kind nicht an Covid-19 erkrankt ist. Auch ein Schnelltest, der binnen weniger Minuten ein Ergebnis anzeigt, wird akzeptiert. Philipp Schoof ist Kinderarzt, er betreibt eine Gemeinschaftspraxis in Bogenhausen sowie eine Zweigstelle in Unterföhring und ist Vertreter des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte in München. Im SZ-Interview äußert sich Schoof kritisch zu der Regelung.

SZ: Was halten Sie davon, dass Kinder mit Schnupfen die Einrichtungen besuchen dürfen, wenn sie ein entsprechendes Attest vorlegen?

Philipp Schoof: Nicht viel. Kein Arzt auf der Erde kann ein Kind anschauen und nur aufgrund klinischer Untersuchung sagen: Es hat kein Corona. So etwas als Landkreis vorzuschlagen, ist bedenklich. Eine Person kann symptomfrei und schon zwei Tage vor Ausbruch der Erkrankung infektiös sein. Keiner kann in die Zukunft schauen. Außerdem müssten Kinder mit banalen Symptomen wie Schnupfen nicht in die Praxis kommen. Der Publikumsverkehr soll ja gesteuert werden. Wenn jedes Schnupfennäschen einen Termin will, sind unsere Telefonleitungen noch mehr in Beschlag genommen. Wenn Kinder zu uns kommen, die stark husten oder es ihnen wirklich schlecht geht, machen wir ohnehin seit März einen PCR-Abstrich auf das Virus.

Wie viele Eltern kamen denn wegen solcher Attests bisher zu Ihnen?

Bis jetzt knapp hundert. Zunächst haben wir sie zu den Abstrichstellen geschickt. Seit wir die Schnelltests geliefert bekommen haben, können wir innerhalb von 20 Minuten - so lange dauert der Test - die Situation entschärfen.

Wenn ein Attest nicht ausgestellt werden kann, soll laut Landratsamt München ein Schnelltest genügen.

Interview: Philipp Schoof ist Kinderarzt, er betreibt eine Gemeinschaftspraxis in Bogenhausen sowie eine Zweigstelle in Unterföhring und ist Vertreter des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte in München.

Philipp Schoof ist Kinderarzt, er betreibt eine Gemeinschaftspraxis in Bogenhausen sowie eine Zweigstelle in Unterföhring und ist Vertreter des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte in München.

(Foto: Robert Haas)

Das ist eine pragmatische Lösung. Diese Tests sind zwar keine Kassenleistung, aber die Eltern sind immer recht dankbar. Diese Möglichkeit ist sehr im Sinne der Familien.

Wie der Umgang mit Erkältungssymptomen bei den Kindern in den Landkreisen und der Stadt München gehandhabt wird, ist offenbar unterschiedlich.

Ja. Es gibt den Drei-Stufen-Plan für Kitas. Bei der Stufe gelb darf ein Kind mit Schnupfen und leichtem Husten ohne Fieber die Kita noch besuchen, bei der Stufe rot darf es erst wieder in die Kita, wenn ein negativer Corona-Test vorliegt. Die Landkreise sollten sich ein Beispiel an der Stadt München nehmen, die es bei der Stufe gelb belässt. Denn Querinfektionen bei Kindern unter zehn Jahren sind sehr unwahrscheinlich. Man sollte also immer auf die einzelne Einrichtung schauen, wie es sich dort verhält.

Die vielen Corona-Tests überlasten die Kinderarztpraxen vermutlich auch.

Gesunde Kinder auf Covid abstreichen zu müssen, ist ein Problem. Das verschwendet Manpower. Außerdem überlastet das die Labore. Wir wollen doch kranke Kinder versorgen, Vorsorgeuntersuchungen und Impfen - das muss doch unbedingt alles weiterlaufen.

Wie viel ist denn derzeit überhaupt in den Kinderarztpraxen los?

Das ist sicher unterschiedlich, je nach Lage der Praxis. Nach meinen Kenntnissen bemühen sich alle Praxen um ein geordnetes Terminmanagement, was in der Pandemie wichtig ist. Im Normalfall sollten Patienten dann nicht all zu lange warten. Was immer von den Eltern vergessen wird: Alle rufen an oder schreiben E-Mails, weil sie ohne Termin nicht vorbeikommen wollen, dadurch sind aber die Mitarbeiter am Telefon anhaltend überlastet. Zweitens sind Kinder- und Jugendarztpraxen keine Servicedienstleister, sondern versorgen Patienten. Da gibt es immer Notfälle, die zu Wartezeiten führen können.

© SZ vom 31.10.2020
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