Süddeutsche Zeitung

Hetze auf Facebook:"Ein Symbol für die gesellschaftliche Spaltung"

Lesezeit: 3 min

Nach dem Shitstorm wegen der Umsetzung der 2-G-Regel im Kleinen Theater Haar wirbt Leiter Matthias Riedel-Rüppel für gegenseitigen Respekt.

Interview von Bernhard Lohr, Haar

Matthias Riedel-Rüppel hat als Leiter des Kleinen Theaters in Haar am Wochenende auf Facebook massive Angriffe erlebt, weil er angekündigt hat, die 2-G-Regel in seinem Haus umzusetzen. Er sah sich gezwungen, den Chat im Netz zu löschen. Stattdessen findet man dort jetzt eine persönlich gehaltenen Stellungnahme, in der er für einen respektvollen Umgang miteinander wirbt und beschreibt, wie wichtig Kultur gerade jetzt ist.

SZ: Auf der Facebook-Seite des Kleinen Theaters gab es einen Shitstorm.

Matthias Riedel-Rüppel: Für mich war das wieder ein Symbol für die gesellschaftliche Spaltung: die Geimpften gegen die Nichtgeimpften. Wobei man sagen muss, dass die Nichtgeimpften diesen Kampf führen, weil sie sich in grober Form ausgeschlossen fühlen. Nur: Letzten Endes ging es für uns im Theater um Dinge, die wir nicht entscheiden. Die 2-G-Regel ist eine Vorgabe, die wir umzusetzen haben.

Es handelte sich ja auch nicht um einen oder zwei Hassposts.

Nein, nein. Wenn es einer gewesen wäre, hätte ich gesagt, damit muss man irgendwie umgehen. Das gehört zum Geschäft. Es war einfach zu viel.

Sie wurden körperlich bedroht.

Man kann sagen: Zunächst bin ich für die Abteilung Spaß und Freude zuständig. Und plötzlich wird man zum Angriffspunkt für irgendwelche körperliche Bedrohungen. Es wird geschildert: Ihr müsst ja wissen, ob ihr nachts noch alleine rausgehen wollt.

Ist es nicht beängstigend, wie weit die Menschen gehen.

Ich selbst bin zunächst mal wenig ängstlich. Aber die Symbolkraft, die hinter solchen Äußerungen steht, finde ich doch erheblich. Es ist tatsächlich beängstigend im Sinne der Frage, was das alles mit uns und unserer Gesellschaft macht, mit unserer Art der Kommunikation.

Sie verfolgen in dem Theater als Einrichtung des Bezirks Oberbayern einen inklusiven Ansatz. Ausgerechnet Ihnen wurde "faschistoides Verhalten" vorgeworfen.

Auf der einen Seite widerspricht es dem Ansatz eines inklusiven Raums, dass wir Menschen ausschließen müssen, die sich nicht ganz gesellschaftskonform verhalten: die Nichtgeimpften. Auf der anderen Seite gibt es für diese Entscheidung gute Gründe. Inklusion heißt für mich nicht, dass man alles machen kann und es keine Grenzen gibt. Im Moment haben wir ein großes Problem mit einem Virus. Dieses Problem erfordert besondere Maßnahmen.

Und dann der Nazi-Vergleich.

Der Verweis auf faschistoides Verhalten wird dann problematisch, wenn sich ein Nichtgeimpfter mit einem Juden im Dritten Reich vergleicht. Ich glaube, wir können uns alle gar nicht vorstellen, wie damals die Empfindungen waren und wie einer Bevölkerungsgruppe Gewalt angetan wurde. An dieser Stelle war die Entscheidung klar, die Facebook-Posts von der Seite zu nehmen. Weil so etwas einfach respektlos vielen Menschen gegenüber ist. Es war schon mehr als nur ein Shitstorm: der Grad der Aggression und der Grad der Vergleiche. Die Anzahl der Posts von Menschen, die lange nicht mehr oder nie im Theater waren, war schon erheblich.

Es waren keine Gäste, die Sie sonst im Haus empfangen.

Nein. Ich erlebe unsere Besucher derzeit als wahnsinnig konstruktiv. Die Leute, die kommen, schätzen es sehr, dass wir die Prüfung von Impfnachweisen an der Tür sehr ernst nehmen. Ihnen gibt das ein Gefühl von Sicherheit. Ich sehe Menschen, die dankbar sind, dass wir überhaupt Kultur machen.

Sie haben in der Corona-Pandemie gegen viele Widerstände das Programm gemacht. Jetzt so ein Angriff. Denken Sie manchmal ans Aufgeben?

Ich sag es mal bisschen salopp: Solche Armleuchter werden mich nicht davon abhalten, das Richtige zu tun und, solange uns der Staat lässt, Kultureinrichtungen offen zu halten. Es gilt auch, Künstlerinnen und Technikerinnen den Arbeitsplatz zu erhalten. Da geht es um Wertschätzung. Wir versuchen zudem, Angebote für diejenigen zu schaffen, die nicht kommen können, weil sie nicht geimpft sind. Wir konnten jetzt nicht sofort den digitalen Hebel wieder umlegen und sofort parallel hybride Veranstaltungen anbieten. Aber wir sind auf dem Weg.

Wie kann man der gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirken?

Das größte Angebot, das man machen kann, ist, immer wieder zu informieren. Man muss zusehen, dass man eine Atmosphäre schafft, in der Offenheit für die Ängste auf jeder Seite herrscht. Eine Anekdote am Rande: Ich war letzte Woche in Madrid. Dort liegt die Impfquote bei 85 Prozent und die Inzidenz bei 40. Ich habe gut gelaunte Menschen erlebt, die sehr respektvoll miteinander umgehen und sich des Lebens erfreuen. Die Spanier haben auch andere Zeiten erlebt. Ich hoffe, dass wir auch wieder die Kurve kriegen.

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Quelle:
SZ vom 16.11.2021
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