Süddeutsche Zeitung

Interview mit zwei Bürgermeisterinnen:Kaum im Amt, dann kam Corona

Die beiden neuen Grünen-Gemeinderätinnen Nina Hartmann und Johanna Zapf sind in Oberhaching und Unterhaching auf Anhieb zu stellvertretenden Bürgermeisterinnen gewählt worden. Im Interview erzählen sie von ihren ersten Erfahrungen

Interview von Iris Hilberth, Unterhaching/Oberhaching

Manchmal kann es mit der politischen Karriere ganz schnell gehen. Im März wurden Johanna Zapf aus Unterhaching und Nina Hartmann aus Oberhaching zum ersten Mal in den Gemeinderat gewählt. Zwei Monate später waren die beiden Grünen bereits Zweite und Dritte Bürgermeisterin in ihren Gemeinden. Mit 34 beziehungsweise 44 Jahren vertreten sie in der Kommunalpolitik eine Generation junger Frauen, die auch während der Familienphase mit kleinen Kindern Politik in ihrem Ort aktiv mitgestalten wollen. Gekannt haben sich die beiden vor ihrer Wahl nicht. Beim Interview im Garten eines Oberhachinger Restaurants merkt man aber sofort: Die zwei verstehen sich.

Werden Sie im Ort schon erkannt und als Frau Bürgermeisterin angesprochen?

Hartmann: Ich war schon vorher relativ bekannt durch meine Arbeit für die Caritas. Ja, ich werde erkannt, es ist tatsächlich ein bisschen mehr geworden. Und das macht Spaß.

Zapf: Ich war ja eher unbekannt. Habe jetzt in den letzten Wochen, als ich die Bürgermeistervertretung übernommen habe viele Mitarbeiter der Verwaltung kennengelernt. Jetzt nimmt es zu und ich werde erkannt. Ich hatte tatsächlich eine sehr witzige Begegnung im Supermarkt, mit Maske natürlich. Mich hat jemand angesprochen, auch mit Maske, den ich nicht kannte, mit "Hallo Frau Bürgermeisterin".

Tatsächlich?

Zapf: Ich war etwas überrascht und habe gesagt: Hallo, freut mich, dass Sie mich erkennen. Und wer sind Sie?

Hartmann: Ja so was ist mir auch passiert. Ich war auf einem Kindergeburtstag und plötzlich spricht mich jemand von der Seite an, mit "Hallo Frau Bürgermeisterin, darf man denn hier parken?".

Und, konnten Sie helfen?

Hartmann: Das war etwas von hinten um die Ecke. Ich habe geantwortet, dass ich mich gerne informieren kann, wenn es nicht ausgeschildert ist.

Was hat sich denn in Ihrem Alltag verändert?

Zapf: Es ist viel mehr Politik insgesamt geworden. Natürlich die Arbeit für den Gemeinderat, das zweite neue Amt. Es gibt ja nicht nur die Sitzungstermine selbst, sondern auch die Fraktionssitzungen und die Vorbereitung.

Hartmann: Das stimmt. Viel mehr Termine, was auch herausfordernd ist. Auch Gespräche im Vorhinein in der Fraktion, der Verwaltung oder mit Vereinen, die das betrifft, was auf der Agenda steht.

Ist es anders, als Sie sich das vorgestellt haben? Hat Sie etwas überrascht?

Zapf: Der Umfang. Es ist eine große Bandbreite an Themen. Es dauert eben, sich da einzuarbeiten und das Wissen anzueignen, um informierte Entscheidungen treffen zu können. Ich glaube aber, dass sich das gut einpendelt.

Hartmann: Wir sind alle nicht vom Verwaltungsfach, es bedarf daher schon der Einarbeitung. Die Sprache ist teilweise gewöhnungsbedürftig, wenn man aus einem anderen Beruf kommt. Wenn man es richtig machen will - und das wollen wir - bedarf es an Zeit, die Drucksachen zu verstehen und zu hinterfragen.

Wie sieht es denn mit den Außenterminen aus?

Hartmann: Meine erste Gratulation werde ich sicher nicht vergessen. Es war eine Eiserne Hochzeit, die Frau hatte mich schon auf der Treppe erwartet. Der Mann war nicht dabei, er ist krank und wird von ihr gepflegt. Wir haben uns eine Stunde lang unterhalten. Das war sehr beeindruckend, der Einblick in ein anderes Leben, in eine andere Generation. Ich arbeite zwar im karitativen Bereich, Senioren sind bislang aber nicht meine Zielgruppe gewesen. Das hat mich schon sehr berührt.

Zapf: Ich fand die Geburtstagstermine immer sehr schön, die Gespräche waren interessant, freundlich und teilweise auch lustig.

Lustig?

Zapf: Ja! Als ich gesagt habe, wer ich bin, also die Zweite Bürgermeisterin, hat man mich gefragt: "Sie sind ja so jung, warum gehen Sie in die Politik?" Oder: "Dass Sie extra vorbeikommen, machen Sie das jetzt immer?" Das war dann immer eine nette Atmosphäre.

Hartmann: Das finde ich auch. Es ist erstaunlich, wie offen die Menschen sind. Dass sie wirklich aus ihrem Leben erzählen, auch was sie bedrückt oder was sie schön finden.

Zapf: Ich habe auch schon einen Spielplatz eröffnet. Coronabedingt leider im ganz kleinen Kreis, nur zusammen mit der Verwaltung und dem Baubetriebshof. Aber ich habe zum ersten Mal ein Band durchgeschnitten.

Das heißt, Sie lernen auch Seiten ihrer Gemeinde kennen, die Sie vorher noch nicht so im Fokus hatten.

Hartmann: Vieles kennt man bisher vielleicht von einer anderen Seite. Vor kurzem war ich zum Beispiel bei einem sehr informativen Abend bei den Pfadfindern oder der Alzheimer-Gesellschaft München Land. Da bekommt man doch noch mal tiefere Einblicke: Was bewegt die Jugend? Was die ältere Generation?

Zapf: Ich war das erste Mal bei der Feuerwehr. Die sehe ich zwar relativ regelmäßig, weil die Feuerwache nicht weit weg von unserer Wohnung ist. Aber es ist wichtig zu erfahren, welche Themen die Einsatzkräfte haben und wie sie verwurzelt sind im Ort. Es ist toll zu sehen, wie viel ehrenamtliches Engagement es in der Gemeinde gibt.

Hartmann: Auch die Vielfalt wird einem bewusster.

Haben Sie Tipps bekommen, was Sie auf keinen Fall tun sollten?

Hartmann: Es gab einen Ratschlag, den ich für sehr wichtig halte. Es werden mich viele Leute mit ihren persönlichen Anliegen ansprechen. Da ist es wichtig, sich abzugrenzen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Gut zuhören und das Thema mitnehmen. Man muss integer und bei sich sein. Da denke ich tagtäglich dran.

Zapf: Den Tipp haben ich auch bekommen: Hör es dir erst mal an und bilde dir deine eigene Meinung. Und lerne die Leute kennen. Das ist auch das, was ich jetzt mache. Zuhören und viele Fragen stellen. Ich komme ja von außen und habe dadurch auch den neuen, manchmal vielleicht unvoreingenommeneren Blick. Ich kenne eben nicht die 30 Jahre alten Geschichten, die manche Akteure miteinander schon haben.

Hartmann: Wir haben natürlich einen großen Rückhalt in der Struktur der Grünen. Wir können da immer Rückfragen stellen an den Kreisverband, an unsere Mandatsträger in Kreis, Landtag und Bund. Darauf greifen wir auch zurück.

Konnten Sie bereits Ihre Themen einbringen oder hat zu sehr Corona dominiert?

Hartmann: Tatsächlich hat die ersten Monate Corona bestimmt und das Kennenlernen, die neue Rolle wahrnehmen. Aber wir haben jetzt gerade einen Antrag zu Photovoltaik auf allen öffentlichen Gebäuden gestellt. Das hatten wir uns auch als Ziel gesetzt. Wir sind zudem am Thema Stärkung der Jugend dran, da gibt es Gespräche. Wir schauen uns auch den Verkehr in der Linien- und Bahnhofstraße an und werden uns das zunächst an einem Samstag erradeln.

Zapf: Mein Thema war ja im Wahlkampf schon Familie und Soziales. Es ist durch Corona noch viel offensichtlicher geworden, welche Probleme es gibt und was man ändern muss. Wir haben auf meine Initiative einen Antrag eingebracht, und angefragt, welche Vorkehrungen für eine zweite Welle getroffen werden, gerade im Bereich Familien, Kinder und Jugendliche, damit die nicht wieder alleine gelassen werden und dass es Hilfsangebote, möglichst umfangreiche Betreuung und Online-Unterricht gibt. Wir haben zudem eine Radltour zu den aktuellen Bauvorhaben in der Nähe der Frischluftschneise gemacht, um diese mit dem Ortsverband zu diskutieren.

Hartmann: Die Zusammenarbeit mit dem Ortsverband ist für mich auch ganz wichtig. Corona war wie ein Brennglas. Da hat man gesehen, welche Themen jetzt ungemein wichtig sind. Ich komme ja aus dem sozialen Bereich, und da kann ich nur sagen: Man hat einfach gesehen, was der soziale Kitt unserer Gesellschaft ist. Wie werden Pflegekräfte bezahlt, wie behandeln wir unsere Senioren, welche Rechte haben unsere Kinder. Natürlich das Thema Home-Schooling. Mit Kindern zwischen sechs und 16 habe ich da - wie jeder Elternteil und jede Lehrkraft - in den letzten Monaten intensive Erfahrungen gemacht.

Zapf: Wir haben Arbeitskreise gebildet, die sind themenspezifisch gegliedert und für alle interessierten Bürger offen.

Hartmann: Wir haben genau das Gleiche gemacht, ohne uns mit euch abzusprechen.

Die Gemeinderäte in Unterhaching und Oberhaching haben jetzt beide starke Grünen-Fraktionen mit vielen Frauen. Glauben Sie, dass sich dadurch etwas ändert?

Hartmann: Da können wir nur spekulieren, aber ich denke schon. Unsere grüne Sicht, unsere weibliche Sicht und Erfahrung als berufstätige Mütter sind einfach da. Wir sind vier Frauen mit insgesamt zwölf Kindern. Das ist auch gut so. Der Gemeinderat soll die Vielfalt einer Gemeinde und aller Gruppen und Bedürfnisse repräsentieren.

Zapf: Bei uns hat sich wohl verändert, dass wir die Themen mehr hinterfragen und detailliertere Informationen möchten und das auch stärker einfordern.

Hartmann: Das ist bei uns auch ein großes Thema. Wenn man neu ist, hat man natürlich den frischen Blick von außen. Und es gibt eben auch Nachfragen. Kann sein, dass das mehr geworden ist.

Manchmal verdrehen die anderen dann die Augen.

Hartmann: Dinge zu hinterfragen gehört zur Demokratie, Kritik auszuhalten auch. Das muss man sportlich sehen. Ich glaube, wenn man zu empfindlich ist, wäre das schwierig.

Zapf: Wir treffen ja auch wichtige Entscheidungen. Da möchte ich vorher alle Informationen haben. Wenn jemand aus einer anderen Fraktion nicht so viel lesen möchte, dann muss er oder sie das auch nicht. Ich möchte mir das Wissen aneignen, um mir ein umfassendes Bild machen und im besten Interesse für die Bürger und Bürgerinnen abstimmen zu können.

Hartmann: Es ist das A und O, dass man alle Fakten kennt und versucht, sie zu hinterfragen, um sich unabhängig seine Meinung zu bilden.

Sie sind beide mit den Stimmen der CSU gewählt worden. Die anderen Fraktionen fühlten sich da ein bisschen überrumpelt, waren teilweise auch etwas verärgert. Spürt man das noch oder haben die sich wieder eingekriegt?

Hartmann: Ich persönlich spüre es nicht. Jetzt ist einfach die Zeit der Sacharbeit. Und man hat viele Themen gemeinsam, mit verschiedenen Parteien. Am Ende geht es darum, zusammen für die Gemeinschaft, für Oberhaching, zu arbeiten. Da liegt man nicht immer total weit auseinander. Deswegen entscheidet es sich im Endeffekt immer am Thema. Alle grünen Themen sind ja in der Gesellschaft angekommen - Nachhaltigkeit, sozialer Zusammenhalt, Investitionen in Bildung.

Zapf: Die Wahl an sich war ein schönes Beispiel für politische Verfahren und Parteiverhalten. Die Besetzung unserer drei Bürgermeisterposten spiegelt genau den Wählerwillen wider, auch wenn sich da einige schwer getan haben. Jetzt geht es um die Sachthemen, die man inhaltlich voranbringen möchte, etwa im Klimaschutz und im nachhaltigen Bauen.

Gibt es auch gemeinsamen Themen für Ober- und Unterhaching, bei denen Sie sich dann kurzschließen?

Zapf: Bisher gibt es kein konkretes Projekt zwischen den beiden Gemeinden. Aber wir stehen im Austausch, und Klimaanpassungsmaßnahmen und der öffentliche Nahverkehr betreffen natürlich beide Gemeinden.

Hartmann: Ich habe einen guten Draht zu Claudia Köhler, weil uns beide die Flüchtlingsarbeit verbindet. Da tauschen wir uns öfter aus. Global denken, lokal handeln ist aktueller denn je. Bei allen Bau- und Verkehrsvorhaben muss man die Zukunft im Blick haben und alles zusammen denken, vor allem die Erhaltung der Bäume, der Natur. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir zukünftig etwas zusammen machen. Die Kommunen klimafest zu machen - das ist unser beider Ziel.

Zapf: Auf jeden Fall. Beim Thema Erhalt der Frischluftschneise im Hachinger Tal zum Beispiel. Das funktioniert nur in interkommunaler Zusammenarbeit.

Hartmann: Wir können sicher auch voneinander lernen. Wie läuft es bei euch, wie bei uns? Das ist sehr hilfreich.

Wollen Sie nächstes Mal Erste Bürgermeisterin werden?

(Beide lachen.)

Hartmann: Sechs Jahre sind eine lange Zeit in meiner Zeitrechnung, in der Lebensphase, in der ich mich befinde. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart und deren Gestaltung in Oberhaching.

Zapf: Für mich ist es auch das erste kommunalpolitische Amt, da sammele ich gerade die ersten Erfahrungen.

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Quelle:
SZ vom 09.10.2020
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