Interview:"Hört auf die Jugend, hört auf die Kinder!"

Interview: Viele Masken, aber kein Maulkorb. Im Gegenteil: Mit der Aktion "Stimme der Jugend" haben Deniz Dadli und Oberschleißheimer Teenager sich Gehör geschafft, damit man ihre Sorgen ernst nimmt.

Viele Masken, aber kein Maulkorb. Im Gegenteil: Mit der Aktion "Stimme der Jugend" haben Deniz Dadli und Oberschleißheimer Teenager sich Gehör geschafft, damit man ihre Sorgen ernst nimmt.

Mit der Aktion "Stimme der Jugend" hat Deniz Dadli, Leiter des Planet O in Oberschleißheim, auf die besonders schwierige Situation der Heranwachsenden in der Pandemie aufmerksam machen wollen. Es gehe darum, sie ernst zu nehmen und stärker zu berücksichtigen.

Interview von Magdalena Scheck, Oberschleißheim

Deniz Dadli ist Leiter des Jugendzentrums Planet O in Oberschleißheim. Seit 21 Jahren arbeitet er mit den Kindern und Jugendlichen im Ort. Im Interview erklärt er, was sich für die Jugend durch die Pandemie verändert hat - und warum es so wichtig ist, ihr auch aktuell eine Stimme zu geben.

SZ: Wie geht es den Jugendlichen in der Pandemie? Welche Probleme beschäftigen sie im Moment?

Dadli: Die Pandemie hat mit uns allen etwas gemacht. Mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Wir kriegen im Jugendzentrum mit, was es mit Kindern und Jugendlichen gemacht hat, das ist zum Glück auch in den letzten vier bis fünf Wochen endlich in den Medien erschienen, bisher haben wir das vermisst. Erst nächstes oder übernächstes Jahr werden wir sehen, wie die Pandemie die Kinder und Jugendlichen verändert hat. Dann wird abgerechnet. In der Wirtschaft kann man das so sehen, kann Gelder bereitstellen, um die Verluste der Pandemie wieder auszugleichen. In der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist das nicht so einfach wieder gut zu machen.

Was fürchten Sie da konkret?

Viele Jugendliche haben Zukunftsängste, wenn sie sehen, dass sich ihre Eltern Sorgen machen, in Kurzarbeit sind oder Stress haben - vielleicht sogar die Miete nicht zahlen können. Sie machen sich Sorgen um ihre Liebsten. Und sie vermissen die einfachsten Dinge, die sie nicht mehr zusammen machen können. Einfach Freunde zu treffen, zusammen kochen, Filme schauen, Geburtstage feiern. Sie sagen: ,Ich halt's zu Hause nicht mehr aus!'. Natürlich ist die Schule wichtig für die Entwicklung der Jugendlichen. Aber sie haben auch ein Leben außerhalb der Schule. Jugendliche wollen sich mit Freunden treffen und sich austauschen, deshalb brauchen sie auch Orte, an denen man sich treffen kann. In der Pandemie fällt ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf.

Und nicht alle halten es dann dort aus.

Das führt zu einem Katz-Maus-Spiel mit der Polizei, wenn sich die Jugendlichen draußen treffen, obwohl sie nicht dürfen und das dann geahndet wird. Natürlich haben auch einige Bußgelder bezahlen müssen, weil sie sich getroffen haben und erwischt wurden. In den letzten Monaten, in denen es kalt und schlechtes Wetter war, sind manche Jugendliche sogar bis zum Flughafen gefahren, um sich zu treffen. Dort war es warm und sie haben einen Kaffee bekommen. Weil alles geschlossen war, alle Einrichtungen, Vereine, Kneipen, Schulen hatten sie keine andere Möglichkeit.

Warum ist es so wichtig, den Jugendlichen, gerade während der Pandemie, eine Stimme zu geben?

Man muss die Situation der Jugendlichen im gesamten Kontext betrachten. Es hatte alles zu. Es gab keine Orte mehr, an die die Kinder gehen können, wo sie sich austoben können und einfach mal rauskommen, über ihre Probleme reden. Das hat verheerende Folgen. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, doch die Bedingungen in den Familien sind nicht immer dieselben. Es hat nicht jeder optimale Wohnverhältnisse. Nicht jeder hat eine Vier- oder Fünf-Zimmer-Wohnung oder ein Haus mit Garten. Einige haben keine Laptops, andere nicht mal Internet zu Hause. Die Kinder sind immer die Leidtragenden. Deswegen finde ich es traurig, dass Jugendliche und ihre Probleme im politischen Geschehen zu wenig berücksichtigt wurden, zumindest bis vor vier bis fünf Wochen, als endlich Psychologen und Pädagoginnen miteinbezogen wurden. Aber wo waren die Vertreter der Jugend in den Entscheidungen davor? Es wurde über sie entschieden, aber ihre Stimmen sind zu kurz gekommen. Deshalb ist es so wichtig, ihnen eine Stimme zu geben und die politischen Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen darauf aufmerksam zu machen, dass sie deren Stimmen auch berücksichtigen müssen.

Interview: Leitet seit mehr als 20 Jahren mit Herzblut und Engagement das Jugendzentrum Planet O in Oberschleißheim: Diplom-Sozialpädagoge Deniz Dadli. Er will, dass Jugendliche und ihre Nöte stärker wahrgenommen werden.

Leitet seit mehr als 20 Jahren mit Herzblut und Engagement das Jugendzentrum Planet O in Oberschleißheim: Diplom-Sozialpädagoge Deniz Dadli. Er will, dass Jugendliche und ihre Nöte stärker wahrgenommen werden.

(Foto: Catherina Hess)

Was wollten sie mit Ihrer Aktion zur "Stimme der Jugend" bezwecken?

Wir haben mit der Aktion zur "Stimme der Jugend" versucht, nach außen zu tragen, was die Jugendlichen über die Pandemie denken, wie es ihnen geht. Wir haben selbst viele Stimmen aus dem Ort gesammelt, auf Plakate gedruckt und aufgehängt. Damit die Leute das mitbekommen. Das ist mir sehr wichtig, denn die Jugend ist unsere Zukunft. Wir müssen in sie investieren und ihr zuhören. Wir müssen sie ernst nehmen. Es ist nicht fair, der Jugend einfach Politikverdrossenheit vorzuwerfen. Die Jugend definiert sich nicht über Parteimitgliedschaften, die Themen sind wichtig. Jugendliche sind sehr wohl an den Themen der Politik interessiert. Politische Bildung heißt nicht nur, alle vier Jahre, bei der Wahl einer Partei eine Stimme zu geben. Was ich unterstreichen möchte: Wenn wir die Jugend nicht ernst nehmen, dann schieben wir sie in die Hände der radikalen Extremisten.

Welche Gefahr sehen Sie da?

Wir müssen uns an Hygienekonzepte und Abstandsregeln halten, aber in solchen Parteien oder Institutionen wie den Querdenkern wird so was vermutlich nicht beachtet. Meine Bedenken sind, dass wir die Jugend durch die Corona-Politik in diese Richtung schieben und die radikalen Parteien ihre Unzufriedenheit ausnutzen. Für unsere Aktion waren uns auch die Eltern dankbar. Viele haben zu mir gesagt: ,Sie sprechen uns aus der Seele!'Denn auch viele Eltern fühlen sich im Stich gelassen.

Warum sind Jugendzentren so wichtig?

Im Jugendzentrum können die Jugendlichen so sein, wie sie sind. In der Schule werden sie benotet, zu Hause müssen sie sich an die Regeln der Eltern halten. Wenn es mal in der Schule nicht passt,wenn es im Elternhaus, im Verein oder mit Freunden Schwierigkeiten gibt, können sie zu uns kommen. Es ist ihr Ort, an dem sie mitgestalten könne.

Wie läuft es da momentan?

Bis vor ein paar Wochen durften wir die Jugendlichen nur allein treffen, jetzt können mehr außerschulische Bildungsangebote stattfinden, und endlich wieder mehr Jugendliche ins Planet O kommen, wie es eben die aktuellen Kontaktbeschränkungen erlauben. Natürlich halten wir uns an ein strenges Hygienekonzept und tragen Masken. Filme schauen oder gemeinsam kochen dürfen wir noch nicht. Die Jugendlichen sind so froh, dass sie sich endlich wieder ungestört treffen und reden können. Man traut sich ja doch nicht, seinen Eltern alle Fragen zu stellen und bei uns können sie über alles reden. Wir helfen ihnen bei Schularbeiten wie Referaten oder beim Lernen. Reden über die Eltern, Lehrer und über alles was sie nervt, Beziehungen, Drogenprobleme, Jobs oder finanzielle Probleme. Es ist ihr Haus. Wenn wir jetzt mit den Jugendlichen reden, erzählen sie immer, was sie bei uns schon erlebt haben. Manche kriegen Tränen in den Augen, wenn sie sich Fotos anschauen und in unseren Räumen sind und sich erinnern. Ich kann ihnen dann stundenlang zuhören, wenn sie das erzählen und sehen, was so toll war und so massiv eingeschränkt wurde. Auch mir geht es so. Ich mache den Job seit 21 Jahren in Oberschleißheim und habe wahnsinnig viele Erinnerungen mit den Jugendlichen. Ich mache das mit Herzblut, es ist mir sehr wichtig.

Was muss getan werden, um den Jugendlichen das Leben während der Pandemie zu erleichtern?

Wichtig ist: Man muss den Jugendlichen zuhören. Man muss bei Entscheidungsprozessen überlegen. Was macht es mit den Familien? Wie beeinflusst es deren Alltag? Wenn man ihnen zuhört, wird man bei Entscheidungen realistisch beurteilen können. Deswegen appelliere ich: Hört auf die Kinder. Hört auf die Jugend. Die Betroffenen haben wenig Stimme, keine Lobby, keine Vertreter. Deshalb fühle ich mich wie ein Anwalt der Jugend, nach draußen zu gehen und allen die Stimmen der Jugend mitzuteilen. Wir sind für die Jugendlichen in allen Themenbereichen da, von A bis Z. Die Jugendlichen vertrauen uns. Das heißt nicht, dass ich mich in allen Bereichen auskenne. Wichtig ist das Zuhören, wenn wir die Anliegen der Jugendlichen nicht meistern können, leiten wir sie an die richtigen Stellen weiter.

© SZ vom 12.04.2021/hilb
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