Interaktive Ausstellung zu Paul Klee in Oberschleißheim Auf den Spuren des Strichpoeten

Die interaktive Ausstellung "Kunstflug - 100 Jahre Paul Klee in Schleißheim" widmet sich nicht nur dem Künstler, sondern zeigt auch Werke von Schülern, die sich mit ihm auseinandergesetzt haben

Von Franziska Gerlach, Oberschleißheim

Der Paul, das war ein richtiger Tausendsassa. Geige spielen und Bücher binden konnte der, aber auch Teppiche weben und Handpuppen bauen. "Und der hat immer mit schönen Farben gemalt", ruft Pia, acht Jahre alt. Sie steht mit ihrer Freundin Anna vor einer Wand mit bunten Glasbildern. Die allerdings hat nicht Paul Klee gefertigt, auch wenn die Häuser mit den bunten Fassaden und Türen doch sehr an den Stil des bekannten Künstlers und Grafikers erinnern. Sondern die beiden Mädchen selbst.

"Kunstflug - 100 Jahre Paul Klee in Schleißheim" heißt die interaktive Ausstellung für die ganze Familie, die der örtliche Tourismusverein und die Flugwerft, eine Außenstelle des Deutschen Museums, jetzt in Kooperation mit dem Projekt "Soziale Stadt" nach Oberschleißheim geholt haben. Mehr als 125 Kunstdrucke und Fotos aus dem Leben des Künstlers vereint die Schau, die zuvor in Berlin zu sehen war. Für Kinder wurde eigens eine Spielstraße aufgebaut. Denn, so sagte Wolfgang M. Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, bei der Eröffnung: "Lernen kann man dann gut, wenn man auch wirklich etwas tut."

In Oberschleißheim können sich die Besucher in diesen Tagen aber nicht nur mit Paul Klee und seinem Werk beschäftigen. In dem hellen Flügel im Obergeschoss der Flugwerft werden auch Bilder gezeigt, die Schüler der Berglwaldschule und der Grundschule an der Parksiedlung in Workshops und bei Projekttagen gemalt oder gezeichnet haben. Und wie man an Anna und Pia sieht, die ganz unbekümmert von Klees "Strichmännchen" erzählen, haben sie dabei mehr gelernt, als der durchschnittliche Kunstinteressierte weiß. Wer heute über den Künstler mit dem schönen Namen sinniert, dem kommen vielleicht Gedanken an Tunesien, wo er auf einer Reise 1912 beim Anblick der satten Farben in einen regelrechten Rausch des Schaffens geriet, vielleicht denkt er aber auch an seine Lehrtätigkeit am Bauhaus in Weimar, oder an seine Begegnung mit den Künstlern des Blauen Reiters in München. Aber Klee war eben auch hier, an exakt diesem Ort, in Oberschleißheim. Wenn auch nur für einige Monate.

Sommer 1916, der Erste Weltkrieg tobt. Klee ist auf dem Militärflugplatz in Schleißheim stationiert. Er begleitet Flugzeuge an die Front, bessert deren Tarnbemalung aus, oder malt ihnen mit Schablonen Nummern auf. Die Akkuratesse, die diese Aufgabe erfordert, taucht später auch in seinen Werken auf: in seinen kleinteiligen Anordnungen aus Quadraten, Kreisen und Dreiecken, aus denen sich seine Bilder oft zusammensetzen. "Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen", soll Klee einmal gesagt haben, auch das erfährt der Ausstellungsbesucher. Und damit auch Kinder den Klee'schen Weg zur Kunst verstehen, gibt es Spielstationen wie zum Beispiel das Geflecht aus Schnüren, über das man Holzperlen schieben kann. Beim Puzzeln mit Plexiglas-Formen können Kinder aber auch selbst ausprobieren, wie man Dreiecke und Rauten zu einem kunstvollen Gebilde zusammenfügt. Oder aber sie denken sich Namen für die Handpuppen aus, genau solche, wie Klee sie damals für seinen kleinen Sohn Felix gefertigt hat.

Es ist ein lehrreicher Streifzug durch die Lebensjahre des 1879 im Schweizer Kanton Bern geborenen Künstlers. Informativ, aber nicht überfrachtet, denn glücklicherweise erfährt der Besucher hier nicht nur, dass Klee sich der Webkunst angenommen hat. Er sieht auch einen dieser in warmen Farben gewebten Bodenläufer. Man kommt heran an den Künstler, entdeckt den Menschen hinter dem großen Namen. Und das liegt nicht nur daran, dass einem auf Fotografien der kleine Paul und der große Paul mit melancholischen Augen anblicken. Eine Geige erinnert nämlich zum Beispiel daran, wie lange Klee in seiner Jugend zwischen der Musik und der bildenden Kunst geschwankt hat. Auch seine kleine Familie, Klees Frau Lily und sein Sohn Felix, begegnen einem. In München bewohnten die Klees eine Wohnung an der Ainmillerstraße. Zugleich aber, das hat Otto Bürger im Archiv herausgefunden, hatte der Künstler in der Dachauer Straße im heutigen Oberschleißheim ein kleines Zimmer angemietet. "Da hat er abends in seiner Freizeit einige Bilder gemalt."

Bürger beschäftigt sich seit 40 Jahren mit Klee. Für die Ausstellung hat der Oberschleißheimer Postkarten, Straßenansichten und Zeitungsartikel zusammengetragen. Ein überaus produktiver Künstler sei der gebürtige Schweizer mit deutschen Wurzeln gewesen, sagt er. Allein 1923, so ist einer Tafel der Ausstellung zu entnehmen, entstanden 264 Werke. 1916, zu Schleißheimer Zeiten, sind es derer immerhin 81. Als ausgemachter Klee-Fan schätzt Bürger dessen künstlerische Leistung hoch ein. "Er war stilbildend für die nächsten 100 Jahre", sagt er. Seiner abstrakten Formen und seinem Gespür für Farben wegen, aber auch aufgrund der lyrischen Titel, die er seinen Bildern gab - "Der wilde Mann" oder "Abstürzender Vogel" zum Beispiel. Das zeuge einfach von einer Fähigkeit zum poetischen Ausdruck. Und die mache Klee zu etwas ganz Besonderem.

Die Ausstellung "Kunstflug" ist bis zum 31. März in der Flugwerft zu sehen, Effnerstraße 18, Oberschleißheim