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Integration:Funktionierender Masterplan

Ein Prosit auf den Abschluss: Schüler der Berufsschule in Feldkirchen feiern beim Tag der offenen Tür und messen sich im Masskrugstemmen - mit Wasser.

(Foto: Claus Schunk)

In der Feldkirchner Berufsschule werden junge Geflüchtete auf die Ausbildung vorbereitet. Beim Tag der offenen Tür zeigen die Schüler stolz, welche Fortschritte sie machen. Viele haben schon ihren Lehrvertrag in der Tasche.

Schon von weitem sind laute Musik und tosender Applaus zu hören. Geradezu bejubelt wird Abdul, der gerade eine echte Show hinlegt. Er trägt einen Hut und tanzt zu Michael Jackson. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird viel gelacht und rumgeblödelt - beim Tag der offenen Tür der Berufsschule in Feldkirchen.

Das haben sich die etwa 80 Schülerinnen und Schüler aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Somalia, dem Iran und dem Irak auch verdient. In dieser Woche erhalten sie ihre Zeugnisse. Ungefähr die Hälfte der 15- bis 21-Jährigen hat nach zwei Jahren Unterricht den Mittelschulabschluss geschafft, sagt der stellvertretende Schulleiter Jörg Schnadel. Der Rest erhält den Abschluss der Berufsintegrationsklasse.

Viele hätten mit ihren Noten auch den Mittelschulabschluss erreicht, ihnen fehlt jedoch das notwendige Sprachniveau B 1. Die meisten der Schüler konnten kein Wort Deutsch, als sie in die Berufsschule Feldkirchen gekommen sind. Einige konnten noch nicht einmal oder nur wenig lesen und schreiben. Die allermeisten von ihnen sind ganz allein nach Deutschland gekommen.

Auch Abdulrahman Berakdar, kurz Abdul, hat sich allein durchgekämpft. Mit seiner Familie hat der 20-Jährige nur über Whatsapp Kontakt. Sie wollte, dass er geht. "Sie meinten, du musst dir dort eine neue Zukunft aufbauen", sagt Abdul. Mittlerweile ist er seit zwei Jahren in Deutschland und sein Deutsch ist sehr gut. Er ist einer von denen, die das B-1-Niveau erreicht haben.

Kfz-Mechatroniker, Konditor und Zahnmedizinische Fachangestellte lauten die Berufswünsche

In dieser Woche hat er nun ein Vorstellungsgespräch für eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlageführer. Am meisten gefällt ihm jedoch der Beruf des Konditors. In diesem Bereich hat er bereits zwei Praktika gemacht: "Mir gefällt, dass man immer neue Rezepte ausprobieren kann und viel Abwechslung hat." Auch die kreative Seite macht ihm Spaß.

Das Tanzen ist ein Hobby von ihm, das er sich selbst über Youtube-Videos beibringt. In Syrien hatte er in einer Gruppe getanzt. Eine Lehrerin lobt seinen Auftritt, fragt aber, warum er nicht so selbstbewusst bei seiner mündlichen Prüfung gewesen sei. "Er war ganz still", sagt sie. Abdul lächelt und meint: "Das ist etwas anderes und ich war sehr nervös." Beim Tanzen denke er gar nicht an die anderen, die ihm zusehen.

Die Berufsintegrationsklassen sind darauf ausgelegt, dass die Jugendlichen vor allem für Ausbildungsberufe vorbereitet werden. Im ersten Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem Deutschunterricht, im zweiten Jahr machen die Schüler mehrere Praktika. In einer Potenzialanalyse der Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (BFZ) lernen sie zudem verschiedene Berufsfelder kennen, wie die Gastronomie oder den Metallbereich. "Am beliebtesten ist der Beruf des Kfz-Mechatronikers bei den Schülern", sagt Schnadel.

Nimo Abdilaahi Ibrahim hat einen anderen Berufswunsch. Die 20-Jährige aus Somalia hielt vor ein paar Monaten noch ein Referat über ihren Traumberuf: Zahnmedizinische Fachangestellte. Im September wird ihr Wunsch in Erfüllungen gehen, denn sie hat eine Ausbildungsstelle in Ismaning bekommen. Die Zusage hat sie schon vor drei Monaten bekommen. "Dabei ist sie in Somalia noch nicht einmal zur Schule gegangen", erzählt ihre Mathelehrerin Bruni Flick stolz.

Das Lesen und Schreiben hat sie von ihrem Onkel gelernt. "Ich habe ihm gesagt, ich will wissen, wie man meine Sprache schreibt", sagt sie. Ihre Lehrerin schwärmt von Nimo: "Sie ist eine tolle Schülerin und saugt alles auf wie ein Schwamm. Mit ihrem Intellekt kann sie sogar einmal Zahnärztin werden." Strahlend überreicht Nimo ihr noch eine selbstgebastelte Karte. "Sie waren die beste Lehrerin", steht darin. Flick ist so gerührt, dass sie eine Gänsehaut bekommt. Gerade die wenigen Mädchen, der Frauenanteil in den Berufsintegrationsklassen in Feldkirchen liegt bei unter fünf Prozent, blühen hier auf, weil sie daheim oft nicht zur Schule gehen durften, wie sie später sagt.

Auch eine sozialpädagogische Betreuung gibt es in den Berufsintegrationsklassen. Zehn Stunden pro Woche sind hierfür eingeplant. Gerade die vielen Jugendlichen aus Afghanistan bräuchten die Unterstützung, sagt Schnadel. Viele von ihnen haben bereits eine Zusage für eine Ausbildung, jedoch fehlt ihnen die Arbeitserlaubnis. "Da ist der Frust bei den Schülern groß und auch die Angst vor der Abschiebung ist deutlich zu spüren", sagt Schnadel. Bisher musste glücklicherweise keiner der Schüler aus Feldkirchen ausreisen.

An diesem Tag sollen sie sich darüber keine Gedanken machen. In ihren Klassenzimmern haben sie Spiele aufgebaut. Wer alle abgehakt hat, kann etwas gewinnen. Es gibt Torwandschießen und Gruppenspiele, doch am lautesten ist es beim Wassermaßkrug stemmen. Lautstark feuern sich die Jugendlichen gegenseitig an.

Alle von ihnen werden nicht sofort eine Ausbildung finden. Die Betriebe müssten ihnen noch mehr helfen, sagt Schnadel. Viele bräuchten mehr Zeit und Unterstützung bei einer Ausbildung, vor allem weil ihr Deutsch häufig noch nicht so gut ist. Das Wichtigste ist jedoch bereits gegeben: Die Motivation in den Klassen sei auf jeden Fall hoch.

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