Integration Eine Frage der Zugehörigkeit

Zwei Frauen, zwei außergewöhnliche Lebensgeschichten: Edith Otiende-Lawani (links) und Ingrid Rothenbacher-Zänker.

(Foto: Robert Haas)

Ingrid Rothenbacher-Zänker aus Unterföhring und Edith Otiende-Lawani aus Haar sind beide weit weg von Deutschland zur Welt gekommen. Sie kennen das Gefühl, daheim in der Fremde zu sein

Von Sabine Wejsada, Unterföhring/Haar

Daheim in der Fremde zu sein - wie fühlt sich das an? Die Frage der kulturellen Identität, der Zugehörigkeit und Integration - sie spielt im politischen Diskurs seit einiger Zeit eine so große Rolle wie wohl noch nie in diesem Land.

Wie bereichernd fremde Impulse sind, wie komplex aber auch das mentale Ankommen, zeigt sich am Beispiel zweier starker Frauen aus dem Landkreis, die sich schon einmal bei einer SPD-Gesprächsreihe vorstellten - sie könnten unterschiedlicher wohl kaum sein: Die vielsprachige Künstlerin Ingrid Rothenbacher-Zänker, 63, aus Unterföhring und Edith Otiende-Lawani, 31, Anwältin aus Haar.

Ingrid Rothenbacher-Zänker ist eine ruhige, besonnene Frau. Sie spricht leise, überlegt genau, wählt die Worte sorgfältig aus. Doch das, was sie sagt, hat eine Botschaft: Fremd fühlen, ja, das ist nicht so einfach zu erklären. "Ich verspüre eine stille Sehnsucht nach Chile, nach Argentinien", sagt sie. Südamerika. Es seien vor allem die Kindheitserlebnisse, die in einem wohnen, einen festhalten in der fernen Heimat, auch wenn sie längst eine neue "erobert hat". Unterföhring zum Beispiel, wo Rothenbacher-Zänker seit mehr als 20 Jahren zusammen mit ihrem Mann lebt.

Geboren in Chile, kam sie als kleines Mädchen nach München. Ohne ein Wort Deutsch zu können, besuchte die Siebenjährige die Schule. Die Sprache lernte sie schnell - der Durchbruch, um Beziehungen aufzubauen mit den Kindern, die sie kritisch beäugten. Zehn Jahre lang lebte sie in Deutschland, ehe sich die Familie in Argentinien niederließ. Wieder eine neue Umgebung, wieder Freunde suchen und finden. Zwei Jahre lang blieb Rothenbacher-Zänker dort, erlebte 1976 den Militärputsch mit. "Ich habe sehr viele Freunde verloren", sagt sie und schaut in die Ferne. Ihr Weg führte sie nach Frankreich und dann wieder nach Deutschland.

Heute lebt sie in Unterföhring, arbeitet als Künstlerin, ist im örtlichen Helferkreis aktiv. Hier versucht sie, Geflüchtete zu unterstützen, hilft ihnen beim Deutschlernen. "Es geht darum, die Menschen in die Gesellschaft reinzunehmen, ihnen Kraft und Zuversicht zu geben, sie zu ermutigen, dass sie sich zeigen." Darum sei es gut, dass die Unterföhringer Flüchtlingshilfe ihre Schützlinge animiere, bei Festen und Veranstaltungen dabeizusein. "Das hilft."

Fühlt sie sich daheim? "Eigentlich fühle ich mich überall zu Hause", sagt sie dann - und angesichts dessen, dass sie zuerst mit den Eltern und dann als Erwachsene viel rumgekommen ist in der Welt, leuchtet das ein. "Die eigenen Ursprünge, das Land, aus dem man kommt, das ist die Basis", sagt die 63-Jährige. Und bleibt sie auch. Rothenbacher-Zänker spricht mehrere Sprachen, aber Spanisch, "das ist das Barometer für meine Gefühle."

Das mit der Basis kennt Edith Otiende-Lawani auch. Die Anwältin stammt aus Kemusu in Kenia und studierte bis 2015 Jura an der LMU. Ihr Vater starb, als sie vier war, ihre Mutter zog die zehn Kinder neben ihrer Pastorentätigkeit allein auf. "Ich bin das sechste Kind. Meine ganze Familie ist zu Hause in Kenia", sagt die 31-Jährige. Dass sie nach Deutschland kam, ist einem Bekannten zu verdanken, der Au-pair-Mädchen nach München vermittelte. 20 Jahre alt war sie damals und hatte nur ein Ziel: Jura studieren. Sie hatte Heimweh, ja, fühlte sich fremd. "Ich war mir nicht sicher, ob ich es durchstehen würde", sagt sie rückblickend. Ihr Plan vom Glück, Anwältin zu werden, half ihr über schwere Zeiten. Die habe es vor allem gerade in Holzkirchen gegeben, ihrer ersten Station als Au-pair. "Die einzige Afrikanerin zu sein, das war nicht einfach", sagt die quirlige Anwältin. Die Menschen seien zwar alle sehr freundlich gewesen, "aber dazugehört habe ich nicht". Dabei sei genau das enorm wichtig: sich zugehörig fühlen.

Edith Otiende-Lawani belegte Sprachkurse, biss sich durch, passte auf Babys auf, kellnerte, um sich den Traum von Jura zu erfüllen. Ja, sie habe schon manches Mal vor der Frage gestanden, ob sie nach Afrika zurückkehren sollte. Doch die Liebe hielt sie hier. Ihren Mann Patrick Lawani aus Nigeria lernte sie in München kennen - "ich hatte mit ihm wieder eine Familie an meiner Seite", sagt sie lachend und erzählt, wie sie sich als Au-pair-Mädchen wunderte, dass sie nicht zur Familie gehörte, sondern nur Angestellte war. "Das gibt es bei uns daheim nicht", so die 31-Jährige und denkt an ihre innere Basis, die Heimat. "Bei uns kommst du und bist drin im Familienverbund." Die beiden heirateten 2013, während ihres Studiums. Das zweite Staatsexamen hat sie hinter sich. Jetzt arbeitet Otiende-Lawani in einer Kanzlei. Der gemeinsame Sohn wird im Oktober drei Jahre alt. Ihre Zukunft sieht sie hier in München. Da ihr Beruf sehr länderspezifisch ist, sei ein Direkteinstieg als Anwältin in Kenia eher unwahrscheinlich. Ausschließen will sie eine spätere Rückkehr dennoch nicht. "Aber ich bin froh über die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben."

Otiende-Lawani will von hier etwas bewegen und hat den Verein "Giving Africa a New Face" gegründet. Ziel ist es, "die Lücke zwischen unseren deutschen und afrikanischen Geschäftspartnern zu schließen. Wir haben in unserem Team Vertreter aus mehr als 15 afrikanischen Ländern und sind bestrebt, jeden Tag zu expandieren". Es gehe darum, das verbreitete Bild zu ändern. Afrika sollte nicht nur als Krisenkontinent, sondern als ein Kontinent mit vielen Möglichkeiten gesehen werden. Nicht mehr Hilfspakete würden gebraucht, sondern Investoren, um die Wirtschaft zu stärken und der Bevölkerung eine positive Perspektive dort zu bieten. Der Verein bietet Beratungsleistungen an, sei es bei der Ermittlung von Investitionsmöglichkeiten, Klärung von Gründungsfragen, Repräsentation vor Ort oder Übernahme verschiedener Managementaufgaben, wie es auf der Homepage heißt. Derzeit kümmert er sich um die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit durch Start-ups, Filmproduktionen in Kenia und um den Aufbau von Berufsausbildungszentren. Damit für die Basis von Edith Otiende-Lawanis etwas voran geht.