Fußball sollte für alle da sein und vor allem Spaß machen. Anhand dieses Grundgedankens begann Alfred Rietzler vor 20 Jahren eine Inklusionsmannschaft bei seinem TSV Hohenbrunn-Riemerling aufzubauen. Auf die Idee brachte ihn der Vater eines Buben mit Beeinträchtigung. Zunächst sei er damit allerdings auf taube Ohren im Verein gestoßen, erzählt der mittlerweile 86-Jährige. Auch er habe anfangs gezweifelt, ob es funktionieren könnte, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen in einem Team spielten.
Letzten Endes gewann dann aber die eigene Überzeugung, und Rietzler sagte sich: „Dann mach’ ich es halt selbst!“ Auf eigene Faust begann er, eine Mannschaft aufzubauen. Schon nach wenigen Monaten hatte sich eine zweistellige Anzahl an Menschen mit Behinderung gefunden, die mitmachen wollten. Damit war das erste Inklusionsteam in Bayern geboren. Heute sind 42 Spielerinnen und Spieler zwischen neun und 25 Jahren in den „I-Mannschaften“ des TSV aktiv.

Um das zu feiern, fanden unlängst ein Turnier für die Unter-16-Jährigen und die Über-16-Jährigen statt. Dazu gab es ein Rahmenprogramm mit Hüpfburg, Tombola und verschiedenen Mitmach-Stationen. Es konnte unter anderem getestet werden, wie es sich anfühlt, blind oder gehörlos Fußball zu spielen. Am Samstagabend wurde dann zu Musik von der „Münchner Gaudiblosn“ Party gemacht. Die Bar dafür hatte der Fußball-Abteilungsleiter des TSV, Jürgen Weinert, selbst gebaut.
Die teilnehmenden Mannschaften waren am Samstagvormittag von Alfred Rietzler und Bürgermeister Stefan Straßmair (CSU) begrüßt worden. Sie betonten, wie wichtig der Spaß und die Freude am Fußball sind, um Freundschaften zu schließen, aber auch Selbstvertrauen aufzubauen. Dabei zähle am Ende auch die Leistung nicht, sondern der Mensch. Straßmair lobte Rietzler, ohne den „das alles nie möglich gewesen wäre“ und betonte, es sollte „normal sein, dass alle Leute zusammen Sport machen und Spaß haben“.

Spaß scheinen viele Spieler in den Inklusionsteams zu haben, sonst würden sie nicht so lange dabei bleiben, meint Rietzler und zählt einige Namen auf, die schon seit zehn oder mehr Jahren mitkicken. Auch deshalb sagt er in seiner Rede zum 20-jährigen Bestehen am Samstag, die I-Mannschaften seien „nicht nur ein Meilenstein, sondern eine echte Erfolgsgeschichte“. Schließlich hätten einige andere Vereine, die ähnliches versucht hatten in der Zwischenzeit wieder aufgegeben.

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Inklusionsfußball ist, zu Rietzlers Bedauern, immer noch ein Nischensport. Dem Vorbild des TSV Hohenbrunn-Riemerling, seien laut dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV), zwar mittlerweile über 40 Teams gefolgt. Die Mannschaften im Großraum München kann jedoch der immer noch als Trainer aktive Vorreiter aber beinahe an einer Hand abzählen. Das findet Rietzler schade, denn Potenzial wäre durchaus vorhanden. Der BFV gibt an, dass von den 1,2 Millionen Menschen mit Behinderung in Bayern gerade einmal acht Prozent im Sport generell organisiert sind.
Spezielle Regeln und ein Ehrenkodex, so funktioniert Inklusionsfußball
Doch wie funktioniert das eigentlich, Spieler und Spielerinnen mit und ohne Behinderung gleichzeitig auf dem Feld? Es gibt einen „Ehrenkodex“ erklärt Jürgen Weinert, seit zehn Jahren einer der Inklusions-Trainer und 23 Jahre im Verein. Es sollen immer mindestens so viele beeinträchtigte wie nicht beeinträchtigte Fußballer spielen. Außerdem dürfen Spieler ohne Behinderung nicht dominant sein. Sie sollen die Partien vor allem leiten und eher Tore vorbereiten, als selbst welche zu schießen. Bei einem zu großen Leistungsunterschied, etwa wenn eine Mannschaft 3:0 führt, muss diese in Unterzahl weiterspielen oder das andere Team wechselt einen zusätzlichen Spieler ein.

Zusätzlich gibt es noch einige Spezialregeln. So darf etwa der Torhüter den Ball immer in die Hand nehmen, auch bei Rückpässen. Und bei unabsichtlichen Handspielen wird schon mal ein Auge zugedrückt. Am Samstag spielen jeweils sieben männliche und weibliche Spieler pro Team für zwölf Minuten auf Kleinfeldern gegeneinander. Dies würde aber je nach Turnier variieren, so Weinert. An einem Ligabetrieb nehmen Inklusionsteams des TSV Hohenbrunn-Riemerling nicht teil. Alfred Rietzler erklärt, das liege an dem inhärenten Leistungsgedanken, der mit einer Tabelle und Meisterschaft kommen würde.
Genau das sei aber nicht Sinn der Sache, meint auch Weinert. Er sieht hauptsächlich die persönliche Entwicklung der jungen Menschen in seiner Mannschaft. Ein Spieler mit Autismus habe anfangs große Probleme gehabt, wenn er direkt von seinem Trainer angesprochen wurde. Heute steht er am Spielfeldrand, lacht und scherzt mit seinen Mitspielern und feuert die zweite Hohenbrunner Mannschaft an. Für sein Engagement im Inklusionsfußball wurde der Verein auch schon 2013 von der Sepp-Herberger-Stiftung ausgezeichnet, außerdem erhielt er einen Sonderpreis bei der SZ-Talentiade für Nachwuchssportler.

