Inklusion in Unterschleißheim Blindenpädagogik in neuem Licht

Das Sehbehindertenzentrum Unterschleißheim hat sich in den vergangenen Jahren nach außen geöffnet. Jetzt präsentiert es sich auch baulich erneuert - unter anderem mit einem besonderen Beleuchtungssystem

Von Sophie Kobel, Unterschleißheim

Die Sonne blitzt durch die Glastüren, aus dem Schulhof schallen mehr als hundert Kinderstimmen. An der aus Holz geschnitzten Garderobe hängen Turnbeutel und Regenjacken, auf der Schuhablage darunter liegen Sneakers in allen Farben herum. Ein Detail fällt erst auf den zweiten Blick ins Auge: An manchen Haken schauen zwischen den bunten Kinderjacken lange weiß-rote Blindenstöcke hervor.

"Da drüben ist unsere Krippe, da sind unsere Kleinsten drin. Zu diesem Zeitpunkt ist Inklusion besonders schön anzusehen, weil alle Kinder noch wenig können und es ganz normal ist, dass sich jeder unterschiedlich schnell entwickelt", sagt Markus Muth und setzt sich auf eine der Pausenbänke. Seit acht Jahren arbeitet er als Heimbereichsleiter im Sehbehinderten- und Blindenzentrum (SBZ) Unterschleißheim und koordiniert die zwölf Häuser auf dem 3,5 Hektar großen Gelände. Neben Krippe, Hort, Tagesstätte, Grund- und Mittelschule gibt es auch eine Realschule für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche.

Damit ist das SBZ einzigartig in ganz Südbayern, und die Schüler kommen jedes Jahr aus dem ganzen Freistaat nach Unterschleißheim. In den vergangenen fünf Jahren wurde ein großer Teil renoviert und auch die Wohnhäuser der Internatsschüler entsprechen jetzt den neuesten Energie- und Brandschutzstandards. Eine Neuerung findet Muth besonders wichtig: "Wir haben ein vollkommen neues Lichtsystem. Man denkt es vielleicht nicht, aber Licht spielt bei uns eine sehr große Rolle. Darum hat jeder Schüler, der hier wohnt, ein Fenster und eigene Lampen an seinem Arbeitsplatz", erzählt der Sozialpädagoge. Denn: Abhängig von der jeweiligen Sehbehinderung verträgt jedes Kind bläuliches oder gelbliches, gedämmtes oder helles Licht besser.

Unter anderem gehören spezielle Bildschirme für Sehbehinderte zur technischen Ausstattung des SBZ.

(Foto: Robert Haas)

"Klasse 2B" steht auf dem kleinen bunten Schild neben der Tür, die Muth jetzt öffnet. Dort, in dem Raum mit den großen Fenstern und asymmetrisch angeordneten Tischen, liest gerade ein Mädchen mit braunen Wuschellocken ihren Mitschülern ein Diktat vor. Den Text dazu tastet sie dabei mit den Fingern von einem kleinen mit Punkten durchstanztem Papier ab. Den Aufsatz über ihren Ausflug ins Dachauer Moos hat Alina zuvor selbst geschrieben, auf ihrer Braille-Schreibmaschine.

"Wir - sind - am - Donnerstag - oh, da kommt ein 'st', oder wie man das bei euch macht", sagt sie und runzelt die Stirn. Durch eine Krankheit ist die Neunjährige vollkommen erblindet, ihre beiden Augen sind aus Glas gefertigt. Lesen und Schreiben, das kann Alina mithilfe der Blindenschrift fast genau so schnell wie die anderen Kinder.

Und dank der Rillen im Steinboden kann sie sich auf dem Gelände der Schule problemlos bewegen. Genervt ist sie von etwas ganz anderem: "Beim Mittagessen sagen uns die Betreuer 'Kartoffel auf zwei Uhr, Hühnchen auf sechs Uhr'. Aber das fällt trotzdem so oft leicht von der Gabel runter, dass ich irgendwann einfach mit den Fingern esse", sagt Alina und kichert. Sie ist eines von 40 Kindern im SBZ, die vollkommen oder mit Restwert erblindet sind. Ein großer Teil der mehr als 300 Kinder, die tagtäglich das Bildungszentrum besuchen, hat eine hochgradige Sehbehinderung, viele allerdings haben gar keine Beeinträchtigungen.

Auch Braille-Schreibmaschine gibt es im Sehbehindertenzentrum.

(Foto: Robert Haas)

"Wir sind eigentlich eine ganz normale Schule, es kommen ja auch schon immer externe Schüler zu uns. Das ist Inklusion", sagt Hildegard Mayr, die Direktorin des Förderzentrums. "Viele Eltern denken: 'Hilfe, mein Kind kann doch nicht auf eine Behindertenschule gehen.' Dass unsere Schüler nach dem vorgeschriebenen bayerischen Lehrplan unterrichtet werden, wissen die meisten gar nicht", sagt sie.

Durch Lesungen, Konzerte und Vorträge kommen die Unterschleißheimer inzwischen regelmäßig ins SBZ. Das war nicht immer so. "Als ich das Zentrum vor zehn Jahren übernommen habe, war gerade die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Davor wirkten Behindertenzentren für viele Menschen sehr verschlossen. Wir haben uns sehr darum bemüht, uns mehr und mehr nach außen zu öffnen", betont Hildegard Mayr.

Durch das weltweit neue Gesetz sind Regelschulen verpflichtet, behinderte Kinder zu unterrichten. Allerdings sind besonders sehgeschädigte Schüler mit dem Lerntempo und der Größe der Klassen schnell überfordert, und jedes Jahr wechseln viele von ihnen mit großen Lerndefiziten in Förderschulen wie das SBZ.

Zudem war, wie auch für so viele andere Schulen in Deutschland, das Jahr 2015 für das Unterschleißheimer Förderzentrum nicht einfach. "Die sehgeschädigten Kinder von Geflüchteten waren teilweise zehn Jahre alt und haben noch nichts von einer Blindenschrift gehört oder noch nie einen Blindenstock in der Hand gehalten, das war natürlich eine große Herausforderung für unser Team", erzählt die Direktorin des SBZ.

Sozialpädagoge Markus Muth im neugestalteten Relax-Raum.

(Foto: Robert Haas)

Umso stolzer ist die Münchnerin auf die Erfolge der vergangenen Jahre: Die Kinder der Geflüchteten machen mehr und mehr Fortschritte, der integrative Hort auf dem Gelände wird gemeinsam mit der Stadt Unterschleißheim betrieben und dank einer Kooperation mit der nahegelegenen FOS/BOS können die Schüler nach dem Realschulabschluss weiterhin im Internat wohnen und außerhalb ihr Fachabitur machen. "Eigentlich ist bei uns alles wie an jeder anderen Schule. Nur dass unsere Schüler eben mit dem Blindenstock durch die Aula laufen und mal an die ein oder andere Tür dotzen. Aber im Endeffekt sind sie alle nur ganz normale Kinder", sagt Mayr und lächelt.