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Informative Fahrradtour:Moorbläulinge und Musikbarken

Kunsthistorikerin Claudia Berger-Jenkner radelt mit 15 Interessierten von Dachau nach Oberschleißheim. Dabei ist viel über das Kanalsystem aus der Barockzeit zu erfahren, aber auch über das gefährdete Moos.

Von Horst Kramer, Dachau/Oberschleißheim

Wer kennt schon die Geschichte des "Baron-Mandl-Falls"? Das kleine Wehr im Holzgartenkanal unterhalb der Schleißheimer Straße ist nach Johann Mandl (1588-1666) benannt, der sich im 17. Jahrhundert um den Ausbau der Dachauer Wasserstraßen kümmerte.

Die Dachauer Gästeführerin Claudia Berger-Jenkner, 49, erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des gebürtigen Schwaben an einem schönen Sommersonntag: Mandl soll 1623 als bayerischer Botschafter am Hofe des Habsburger Kaisers Ferdinand II. dafür gesorgt haben, dass der bayerische Herzog Maximilian I. den Kurfürstenrang erhielt. Der dankbare Maximilian adelte Mandl dafür. Später fiel Mandl bei Maximilians Nachfolger Ferdinand Maria in Ungnade, wohl weil er Geld hinterzogen hatte. "Daran erinnert der Baron-Mandl-Fall", schloss Berger-Jenkner. Helmut Parzefall, 61, schüttelte verwundert den Kopf: "Man kommt hier fast jeden Tag vorbei und hat doch kaum Ahnung von den historischen Hintergründen."

Gondelfahrt Schloss Schleißheim, Einstieg: Schloss Lustheim

Am Schloss Schleißheim erkennt man noch viel von der alten Pracht.

(Foto: Florian Peljak)

Der Dachauer, ein Ministerialrat im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, ist einer von 15 Teilnehmern einer "Kulturgeschichtlichen Radtour entlang des Schleißheimer Kanals", die Berger-Jenkner im Juli erstmals veranstaltet hat. Der sportliche Ausflug in die Geschichte führte vom Max-Mannheimer-Platz in Dachau auf zwölf Kilometern bis zur Schlossanlage Oberschleißheim.

Die Kunsthistorikerin hat sich die Route gemeinsam mit dem Verein Dachauer Moos ausgedacht. Der interkommunale Zusammenschluss, der in den Landkreisen München, Dachau und Fürstenfeldbruck aktiv ist, setzt sich seit einem Vierteljahrhundert für die Rettung und Renaturierung der nacheiszeitlichen Hochmoorlandschaft sowie des Kanalsystems im Norden der Landeshauptstadt ein. Die Wasserstraßen verbinden Würm, Amper und Isar. Ursprünglich waren sie als Transportwege konzipiert - die bayerischen Herzöge nutzten die Kanäle vom Ende des 16. Jahrhunderts an, um Baumaterial für ihre Schlossprojekte nach Dachau und Oberschleißheim zu schaffen. Später feierten die bayerischen Fürsten auf den künstlichen Gewässern laut Berger-Jenkner feucht-fröhliche Partys, mit eigens gebauten "Prunk- und Lustschiffen". Musiker sorgten auf speziellen Kähnen für Stimmung. Es gab wohl sogar Barken für Theater- und Gauklervorführungen sowie mobile Abortschiffchen.

Ruderregatta-Strecke als Tiefpunkt

Entlang der Schleißheimer Straße kann von Poesie freilich keine Rede sein. Die Radtour-Truppe passiert die derzeit ruhende Baustelle östlich der Anton-Josef-Schuster-Straße, an der ein Plakat der Bürgerinitiative Grünzug Dachau/Karlsfeld hängt mit der Botschaft: "30 000 Kfz mehr! Stoppt den Gewerbegebiets-Wahnsinn." Doch jenseits der Stadtgrenze genießt die Radlergruppe die Natur. Am Obergrashof sorgt Berger-Jenkner einmal mehr für Verblüffung, als sie berichtet, dass dort vormals Torf als Brennmaterial für die Löwenbrauerei gestochen wurde; das benachbarte Hackermoos gehörte bis vor vierzig Jahren der gleichnamigen Großbrauerei.

Die Tour entlang des Schleißheimer Kanals ist nicht auf allen Etappen gleich idyllisch.

(Foto: Toni Heigl)

Im idyllischen Naturschutzgebiet Schwarzhölzl hätten sich manche Mitradler wohl gerne länger aufgehalten. Die Helm-Azurjungfer, eine äußerst seltene Libellenart, wird zwar nicht gesichtet, dafür lässt sich der Schwarzblaue Moorbläuling blicken, eine stark gefährdete Schmetterlingsart. Das benachbarte olympische Ruderregatta-Areal bezeichnet Berger-Jenkner als "Tiefpunkt der Tour". Nicht nur, weil das Gewässer mit 478 Metern über dem Meeresspiegel zwei Meter tiefer als der Start- und der Endpunkt der Reise liegt, sondern auch, weil es für das Moos ein "erhebliches Umweltproblem" darstellt. Das Ruderbecken wird ausschließlich aus unterirdischem Wasser gespeist; es senkt den Grundwasserspiegel ab, das Moor trocknet aus. Eine lautstarke Kleingruppe von Stieglitzen beweist indes, dass die neu entstandenen Habitate schnell wieder besiedelt worden sind.

Die Radtour wird begleitet von Kunsthistorikerin Claudia Berger-Jenkner.

(Foto: Toni Heigl)

Wenige Meter nordöstlich der Regatta-Strecke ist die einzige von ehedem fünf Kanalkreuzungen zu finden. "Je nach der Niederschlagsmenge und der Wassermenge in den Ausgangsflüssen wechselt hier die Fließrichtung", erläuterte Berger-Jenkner. Der Weihenstephaner Professor Franz Thurner, 67, lobte die Tour als "sehr interessant". Ähnlich äußerte sich der 24-jährige Dachauer Jakob Dietz. Tilly Grönninger, 67, war so begeistert, dass sie die Route demnächst mit ihren Enkeln abfahren will.

Die nächste Tour am Samstag, 25. Juli, ist bereits ausgebucht. Danach gibt es aber noch einmal die Chance, mit der Kanalexpertin von Dachau nach Oberschleißheim zu radeln und zwar am Samstag, 8. August. Weitere Infos: www.verein-dachauer-moos.de und www.cbj-kunstkom.de.

© SZ vom 25.07.2020/belo

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