Infektionsschutz an Schulen:Viel warme Luft

Forschungsprojekt Luftfilter Klassenzimmer Grundschule Parksiedlung, Oberschleißheim. Klasse 4c mit Lehrerin Lena Negele.

Mobil aufrüsten? Die Frage nach der Wirkung von Luftreinigungsgeräten bewegt viele Schulen

(Foto: Florian Peljak)

In den Kommunen weiß man nicht, woher die vom Freistaat versprochenen Raumfilter für die Schulen bis zum Herbst kommen sollen.

Von SZ-Autoren

Nach den Sommerferien soll in allen Klassenzimmern ein Kasten leise vor sich hinbrummen und etwaige Corona-Viren aus der Luft filtern. So stellt sich zumindest Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) das vor und versprach diese Woche, Geld für Luftreinigungsgeräte locker zu machen. Über die 50-prozentige Förderung vom Freistaat können Bürgermeister im Landkreis München jedoch mitunter nur müde lächeln. Sie sehen hohe Kosten auf sich zukommen und stellen den Sinn der Anschaffung solcher Geräte in Frage. Manche Rathauschefs sind sogar richtig sauer. Auch der Landrat ist skeptisch. Prüfen wird man in den Rathäusern und im Landratsamt das Angebot aber dennoch.

Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) ringt nach Worten. Er ist sonst selten um die richtigen Formulierungen verlegen, bei dem Vorstoß seines Parteichefs ist er es schon. Schelle weiß nicht, ob er überrascht oder empört sein soll, schließlich versucht er es mit Humor: "Es gibt ja die Mär vom Engel Aloisius, der im Hofbräuhaus sitzt und Bier trinkt, weshalb die Staatsregierung vergebens auf göttliche Ratschläge wartet. Jetzt war das Hofbräuhaus lange zu, vielleicht gab es deshalb eine göttliche Eingebung."

Schelle ist es jedenfalls schleierhaft, warum plötzlich solche Geräte angeschafft werden sollen, galten sie doch vor einem halben Jahr noch als nicht besonders wirksam in Räumen, in denen gut gelüftet werden kann. "Jetzt haben wir die Delta-Variante, die eine viel höhere Ansteckung aufweist, ich müsste also nicht nur in jedes Klassenzimmer, sondern auch in den Gängen und auf den Toiletten Luftreinigungsgeräte aufstellen", sagt Schelle, und das allein aus der Erkenntnis heraus: "A bisserl was geht immer." Schelles Ansicht nach hilft vor allem: "Impfen, impfen, impfen und testen." Tatsächlich hatte sogar der Aerosolforscher Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, anfänglich ein Verfechter der Luftfilter, im August zunächst Hoffnung auf virenfreie Klassenzimmer gemacht, war dann aber selbst zurückgerudert und hatte eingeräumt, dass Trennscheiben besseren Schutz böten und die Geräte das Lüften nicht ersetzen würden.

Unterschleißheims Bürgermeister Christoph Böck (SPD) sieht sich von der Vorgabe aus der Staatskanzlei wie vor den Kopf gestoßen. Die Stadt hat die Geräte, die der Freistaat bisher für schwer zu lüftenden Räume bezuschusst hat, aufgestellt. Weitere 40 sollen im Juli bestellt werden. Bis diese geliefert und montiert sind, wird Zeit vergehen. Und viel mehr wären noch nötig. Böck wirft Söder vor, mit unhaltbaren Ankündigungen Eltern falsche Hoffnungen zu machen und den schwarzen Peter den Kommunen zuzuschieben.

Selbst wenn die Gemeinden so viele Geräte auf einmal beschaffen könnten, gibt es weitere Hürden. Die Finanzierung ist dabei nur ein Problem - wenn auch ein ziemlich großes. Schelle rechnet vor, dass er für seine Schulen und den Hort etwa hundert Geräte kaufen müsste, von denen jedes etwa 4000 Euro kostet. Man käme also um einen Nachtragshaushalt nicht herum und müsste europaweit ausschreiben, gibt er zu bedenken. Auch ist er sich gar nicht sicher, ob die Stromleitungen in den Schulen darauf überhaupt ausgerichtet sind.

Schelle findet, wenn die Staatsregierung das wolle, solle sie ein Gesetz verabschieden und nach dem Konnexitätsprinzip auch die Kosten für die Geräte übernehmen. Kollege Böck ist der Ansicht: Wenn der Freistaat Hürden beseitigt und die Finanzierung voll übernimmt, wäre der Vorstoß zu begrüßen. Die beiden Bürgermeister sind sich mit den kommunalen Spitzenverbänden einig, die am Freitag in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten ihre Bedenken und Forderungen zum Ausdruck gebracht haben.

Der Bayerische Städtetag erklärte in einer Stellungnahme, dass es nicht reiche, Fördermittel in Aussicht zu stellen und die Kommunen damit alleine zu lassen. Landrat Christoph Göbel (CSU) sieht das ähnlich: "Auch wenn wir es als Landkreis grundsätzlich begrüßen, dass im Hinblick auf eine mögliche neuerliche Infektionswelle im Herbst angesichts der hochansteckenden Delta-Variante potenzielle Alternativen zu erneuten Schulschließungen und fortgesetztem Wechselunterricht geprüft werden, bin ich skeptisch, ob und inwieweit die Erwartungen der Staatsregierung auch in der Praxis umsetzbar sind. Aktuell sind noch zu viele - auch grundlegende - Fragen offen."

"Der Teufel steckt im Detail"

Auch die Garchinger Stadtverwaltung sieht die Umsetzbarkeit der neuen Fördermöglichkeiten kritisch. Zwar werde man das Programm genau prüfen, doch "der Teufel steckt im Detail", mahnt Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD). Es sei komplex, eine Lüftungsanlage einzubauen. "Das hat einen wahnsinnigen planerischen Vorlauf", so Bauamtsleiter Klaus Zettl. Der Stadtrat drängt dennoch, alle Möglichkeiten zu nutzen. Auch Ismaning will die neuen Fördermöglichkeiten noch einmal prüfen, Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) kritisiert jedoch die Praxisferne des Vorschlags der Staatsregierung.

In Pullach genehmigte der Gemeinderat im vergangenen Herbst bereits 45 000 Euro für die Anschaffung mobiler Hepa-Luftfilteranlagen und beschloss, binnen eines Jahres dieses Provisorium durch dezentrale raumlufttechnische Anlagen zu ersetzen, wofür 44 5000 Euro veranschlagt wurden. Für besonders schwierige Räume, so Bauamtsleiter Peter Kotzur, werde projektiert, eine dauerhafte Lüftungsanlage zu installieren. Aktuell denkt man im Rathaus darüber nach, alle Klassenräume mit mobilen Luftfilteranlagen auszustatten. Diese Überlegung sollen in der Gemeinderatsitzung am 27. Juli behandelt werden. Auch die Gemeinde Grünwald will alle Eventualitäten der Förderung prüfen. Geplant sei, weitere Luftreinigungsgeräte zu beschaffen, teilt Hauptamtsleiter Tobias Dietz mit. Man werde sich "definitiv nicht über ein neues Förderprogramm ärgern, sondern diesem erwartungsvoll entgegenblicken".

Unterhaching will das Angebot aus der Staatskanzlei ebenfalls genauer anschauen. Im vergangenen Jahr hatte die Verwaltung ausgerechnet, dass die Gemeinde deutlich über einer halben Million Euro für Geräte in allen Klassenzimmern ausgeben müsste, weil es bei lüftungsfähigen Räumen damals keinen Zuschuss gab. Der Gemeinderat verständigte sich aufs Lüften. "Die 50 Prozent sind jetzt eine Verbesserung", meint Rathaussprecher Simon Hötzl.

© SZ vom 03.07.2021/belo
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