Schüler-RhetorikwettbewerbArgumente statt Algorithmen

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Mit der Kraft des besseren Arguments: Sebastian Bauer und Paulina Ott diskutieren gerne und wissen natürlich, dass es darauf ankommt, die guten Argumente entsprechend gut zu präsentieren.
Mit der Kraft des besseren Arguments: Sebastian Bauer und Paulina Ott diskutieren gerne und wissen natürlich, dass es darauf ankommt, die guten Argumente entsprechend gut zu präsentieren. Manfred Neubauer
  • Zwei Schüler des Ickinger Gymnasiums, Sebastian Bauer und Paulina Ott, haben sich für das bayerische Landesfinale von „Jugend debattiert" am 20. April in München qualifiziert.
  • Paulina Ott, Tochter des Baierbrunner Bürgermeisters, erreicht bereits zum dritten Mal das Landesfinale und hofft diesmal auf den Einzug ins Bundesfinale.
  • Der Erfolg basiert auf intensiver Vorbereitung und dem schulischen Förderkonzept, bei dem bereits in der 9. Klasse Deutsch-Schulaufgaben in Debatten-Form abgehalten werden.
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Gleich zwei Oberstufenschüler des Ickinger Gymnasiums haben das bayerische Landesfinale von „Jugend debattiert“ in München erreicht. Eine Teilnehmerin ist die Tochter des Bürgermeisters von Baierbrunn und bereits zum dritten Mal so weit gekommen.

Von Udo Watter, Icking/Schäftlarn

Klar, die Kunst der Rede ist die Kunst der Überzeugung. Sie soll nicht nur stilistisch genügen und emotional berühren, sondern auch inhaltlich Substanz haben. Freilich hilft bei allem rhetorischen Anstand auch der ein oder andere Trick, um im Wettbewerb der Worte die eigene Position zu kräftigen. Etwa:  „Ein starkes Argument der Gegenseite unter den Tisch fallen lassen“, verrät Sebastian Bauer.

Der 17-jährige Schüler hat den Tipp dafür von der gleichaltrigen Paulina Ott bekommen, die wie er das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking besucht – um ihn später in einem Streitgespräch mit ihr gleich anzuwenden. Es ging um die Frage der Bewertung respektive eines möglichen Online-Verbots des „Buy now, pay later“-Modells beim Regionalentscheid von „Jugend debattiert“ in Weilheim, in der beide Schüler mit je einem Partner Mitte Februar gegeneinander diskutierten. Und Bauer, der das Modell verteidigen sollte, ignorierte bewusst ein cleveres Argument von Ott, die etwa die Gefahr der Verschuldung sowie die fragwürdigen Auswirkungen der Zinsvereinbarungen thematisierte.

Machte aber letztlich nichts, denn beide überzeugten die Jury: Als Erste und Zweiter der Regionalausscheidung demonstrierten sowohl Ott als auch Bauer nicht nur ihre Eloquenz unter kompetitiven Bedingungen, sondern sind für das Landesfinale am 20. April in München im Bayerischen Landtag qualifiziert. Für Paulina Ott, die in Schäftlarn wohnt, keine Premiere: Die Tochter des Baierbrunner Bürgermeisters Patrick Ott ist bereits zum dritten Mal so weit gekommen, schon als Neuntklässlerin war sie in der bayerischen Endrunde des bundesweiten Wettbewerbs.

Natürlich ist der rhetorisch nicht unbegabte Papa ein Vorbild, aber: „So selbstbewusst wie er bin ich eigentlich nicht“, sagt Paulina. Freilich: Zu Beginn habe sie sich als 14-Jährige „noch nicht so einen Kopf gemacht“ und inzwischen hilft bei aller nervlichen Anspannung die Erfahrung sowie die erweckte Lust am verbalen Wettstreit. Bei Paulina Ott sind es allerdings weniger die erlernten Rhetorik-Tricks oder eine dominantere Körpersprache, mit der sie überzeugt, sondern vor allem Sachkenntnis, die auf Vorbereitung basiert. Drei Themen werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei „Jugend debattiert“ jeweils zehn Tage vor den Wettbewerben zugeschickt, damit sie sich ausreichend vorbereiten können: auf dreimal „Pro“ und dreimal „Contra“. Da heißt es, gut zu recherchieren und in die Themen tief einzutauchen. Etwas, das Paulina Ott – manchmal zusammen mit dem Vater – viel Spaß macht.

„Sie ist extrem fleißig“, sagt Geschichte- und Deutsch-Lehrerin Verena Gabler, die als eine der Schulkoordinatorinnen am Ickinger Gymnasium für den Erfolg der jungen Debattierer mitverantwortlich zeichnet. Dass gleich zwei Schüler des Gymnasiums das Landesfinale erreichen, ist ja ein besonderer Erfolg. Er basiert darauf, dass an der Schule hoch über dem Isartal schon seit Jahren in der 9. Klasse eine Deutsch-Schulaufgabe in Debatten-Form abgehalten wird. So eröffnet sich die Option, Begabungen wie Paulina und Sebastian zu entdecken und zu fördern. „Sie sind Naturtalente“, sagt Gabler.

Verena Gabler unterrichtet Deutsch und Geschichte und freut sich, dass es dieses Jahr gleich zwei Schüler des Ickinger Gymnasiums zum Landesfinale des Rhetorikwettbewerbs „Jugend debattiert“ geschafft haben.
Verena Gabler unterrichtet Deutsch und Geschichte und freut sich, dass es dieses Jahr gleich zwei Schüler des Ickinger Gymnasiums zum Landesfinale des Rhetorikwettbewerbs „Jugend debattiert“ geschafft haben. Manfred Neubauer

Bundesweit ausgetragen wurde der Schülerwettbewerb „Jugend debattiert“ zum ersten Mal 2003. Ziel ist die Förderung einer fairen Debattenkultur und die Stärkung der Persönlichkeit durch Demokratie-Bildung. Die Schüler sollen lernen, kontroverse Themen sachlich, differenziert und meinungsstark zu diskutieren. „Bei der Aufgabenstellung hat man oft einen ersten Impuls, was man besser findet“, erklärt Paulina. „Aber je mehr man sich damit beschäftigt, umso interessanter wird es. Da ist es dann manchmal sogar besser, wenn man die Position bezieht, die man erst nicht so gut fand.“

Sebastian stimmt zu: „Man hat am Anfang eine bestimmte Meinung, das wird aber im Lauf der Recherche immer ausgeglichener und irgendwann denkt man: Ach ja, das hätte man auch anders sehen können.“  Bei den Debatten, die in mehreren Runden und immer zu viert – zwei gegen zwei – ausgetragen werden, gelten vier Kriterien als wichtig: Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft.

Die Verbindung zwischen Hirn und Zunge ist die beste Waffe

Paulina Ott, die den Film „Contra“ gut kennt, in dem eine marokkanisch-stämmige Studentin (Nilam Farooq) mithilfe eines umstrittenen Professors (Christoph Maria Herbst) das Debattieren lernt, baut auf die Beherrschung des Inhalts. Den Tipp, zur Bekämpfung des Lampenfiebers wie im Film vor dem Auftritt zu tanzen, hat die Zwölftklässlerin, die mit einem Studium der Medizin, Politwissenschaft oder Jura liebäugelt, noch nicht angewandt:  „Ich gehe alle Argumente mit Kopfhörern noch mal durch. Die Sicherheit, die ich brauche, gewinne ich aus der guten Vorbereitung.“ Und wenn es dann losgeht, wird im besten Fall die Verbindung zwischen Hirn und Zunge zur versierten Waffe. Argumente statt Algorithmen. Zu den Themen, mit denen sie in der Vergangenheit konfrontiert war, gehören etwa „Kürzung von Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ oder „Umbenennung von Straßen- oder Brückennamen, deren Namensträger einen militärischen Bezug haben“.

Sebastian, der in Berg am Starnberger See wohnt und Physik als Leistungskurs hat, rechnet sich weniger Chancen aus als Paulina, die hofft, im dritten Anlauf zum ersten Mal das Bundesfinale zu erreichen. Aber auch er wird sich natürlich gut vorbereiten: „Aus Sachkenntnis wächst Selbstbewusstsein“, sagt er. Er freut sich zudem auf die mit dem Einzug ins Landesfinale verbundene Möglichkeit, ein Rhetorik-Seminar in Eichstätt zu besuchen.

Gilt als größter Redner der römischen Antike: der Autor, Anwalt, Politiker und Philosoph Cicero.
Gilt als größter Redner der römischen Antike: der Autor, Anwalt, Politiker und Philosoph Cicero. Oliver Berg/picture alliance / dpa

Eine gute Rede kann die Welt bewegen. Freilich auch im negativen Sinn – siehe Populisten und Demagogen. Insofern wäre es wichtig, dass der vollkommene Redner auch heute im Sinne des alten Römers Cicero einer ist, der Weisheit, Redekunst und ethische Bildung kombiniert.

Paulina, die ähnlich wie Sebastian ihre reflektierten Sätze in ein eher zurückhaltendes Selbstbewusstsein kleidet, freut sich aufs Finale: „Sehr cool, dass wir dieses Jahr zu zweit sind.“

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