Hohenbrunn:Nachschub für die Front

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70 Jahre nach Kriegsende erinnert die Gemeinde Hohenbrunn an das Leid der Zwangsarbeiter in der Munitionsanstalt

Von Claudia Engmann

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde Hohenbrunn mit seiner unliebsamen Geschichte, mit deren Aufarbeitung sich die Gemeinde bis heute schwer tut, unfreiwillig konfrontiert: Beim Spielen auf einer Kiesabladefläche an der Hohenbrunner Straße in Riemerling entdeckten zwei Mädchen im März 2011 Knochen. Untersuchungen im Institut für Rechtsmedizin in München ergaben, dass es sich eindeutig um die sterblichen Überreste von Kindern handelte, die während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter in der Hohenbrunner Munitionsfabrik arbeiteten.

Die Munitionsanstalt, wie das heute noch unter dem Kürzel Muna bekannte Werk hieß, brachte die Schrecken des Krieges in das beschauliche Bauerndorf vor den Toren der Stadt. "Erst die Muna hat die ländliche Stille und Abgeschiedenheit gestört und wohl nicht den besten Einfluß auf die einheimische Bevölkerung ausgeübt", vermerkte der damalige Pfarrer Anton Käsbauer 1945 in seinem Seelsorgebericht. Die Anlage im Hohenbrunner Ortsteil Riemerling war eine von insgesamt 370 Munitionsanstalten, die der Aufrüstung der Wehrmacht dienten und zur Tarnung in ländlichen Regionen, insbesondere in Waldgebieten, errichtet wurden. Bereits 1938 hatte die Heeresverwaltung begonnen, die für ihre Zwecke benötigten Waldgrundstücke der Hohenbrunner und Höhenkirchner zu requirieren. Die Waldbesitzer, zumeist Bauern aus den angrenzenden Dörfern, konnten keinen Widerspruch einlegen und wurden mit nicht gerade üppigen Beträgen entschädigt.

Hohenbrunn,  Muna-Reportage,

Noch heute zeugen Überreste der Bunker von der einstigen Munitionsfabrik im Wald bei Hohenbrunn.

(Foto: Angelika Bardehle)

Spätestens Ende 1939 entstand im Wald bei Hohenbrunn ein "industrieller Großbetrieb" zur Munitionsherstellung, wie es in Quellen heißt. Für die bis zu 4000 Arbeiter wurden Verwaltungsgebäude wie eine Zahlmeisterei errichtet, eine Druckerei und Schreinerei ebenso wie eine Großküche mit Vorratsbaracken, Gärtnerei und Viehstadel neben insgesamt 110 oberirdischen Bunkern, die zur Tarnung mit Erde aufgeschüttet und bepflanzt wurden. Dort wurde die Munition zusammengebaut und gelagert. Löschteiche wurden errichtet und Wohnbaracken für die Arbeiter entstanden. Eine Bahnstrecke wurde eigens errichtet, um die Munition aus der Muna bis kurz vor das Ortsende von Hohenbrunn zu bringen, von wo aus die Transporte von der Reichsbahn übernommen wurden.

Zu den zivilen Arbeitskräften, von denen viele aus den umliegenden Dörfern stammten, kamen auch Arbeiter aus Ottobrunn und München. Außerdem Ingenieure und Techniker der Wehrmacht sowie dienstverpflichtete "Gefolgschaftsmitglieder" aus ganz Deutschland. Außerdem wurden in Hohenbrunn Strafgefangene aus Stadelheim eingesetzt und von 1942 an etwa 780 ausländische Zwangsarbeiter - vor allem aus der Ukraine und Russland, aber auch aus Frankreich, Polen, Italien, der Schweiz, den Niederlanden und Griechenland, wie Alois Beham in seiner Gemeindechronik "1150 Jahre Hohenbrunn" anhand der Arbeiterkartei, die noch heute im Gemeindearchiv verwahrt wird, dokumentiert. Also ein nicht ganz geringer Anteil der insgesamt 13 500 Ausländer, die während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter im Landkreis München eingesetzt waren.

Hohenbrunn: Im Wald zwischen Hohenbrunn und Höhenkirchen wurde Nachschub für die Front produziert.

Im Wald zwischen Hohenbrunn und Höhenkirchen wurde Nachschub für die Front produziert.

(Foto: Claus Schunk)

Doch Zwangsarbeiter wurden nicht nur für den Nachschub an die Front eingesetzt. Laut Elsbeth Bösl, die das Buch "Ausländereinsatz" über Zwangsarbeit im Landkreis München geschrieben hat, gab es kaum einen Betrieb, der nicht mit Ausländern arbeitete, und keine Gemeinde, in der nicht ausländische Zivilarbeiter oder Kriegsgefangene lebten. Aus den Meldeunterlagen lässt sich erschließen, dass in Hohenbrunn besonders viele ukrainische Familien zur Arbeit eingesetzt wurden. Die Kinder, die ebenfalls Munition zusammenbauen mussten, wurden von ihren Eltern getrennt, jeder Kontakt verhindert. Mindestens 14 überlebten nicht. Beham spricht in seiner Ortschronik gar von 21 Kindern.

Wie viele Menschen in Hohenbrunn ums Leben kamen, ist nicht erfasst. An mindestens zwei Explosionen mit 16 Todesopfern kann sich der Zeitzeuge Leonhard Sigl erinnern. Die Leichen seien im alten Feuerwehrhaus gegenüber der Metzgerei aufgebahrt worden. "Und ich - damals selbst noch ein Kind - musste jeweils die Tür aufsperren", schildert Sigl. Auch nach dem Krieg forderte die Muna noch Opfer: Ein paar Buben, so wird sich noch heute erzählt, seien beim unvorsichtigen Hantieren mit Munitionsresten getötet worden.

Stille Stunde am Freitag

In einer "Stillen Stunde" wird am Freitag, 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, um 10 Uhr in Hohenbrunn ein Gedenkstein enthüllt, der an das Leid der Zwangsarbeiter in der einstigen Heeres-Munitionsanstalt (Muna) erinnern soll. Die Muna war von den Nationalsozialisten 1939 in dem Waldgebiet zwischen Hohenbrunn und Höhenkirchen errichtet worden. Bis zu 4000 Arbeiter waren hier während des Krieges mit dem Abfüllen von Munition beschäftigt. Unter ihnen waren annähernd 800 Zwangsarbeiter vor allem aus der Ukraine und Russland. Teilweise waren ganze Familien nach Hohenbrunn verschleppt worden. Die Gemeinde hat sich lange Zeit schwer mit der Erinnerung an dieses Kapitel ihrer Geschichte getan, obwohl immer noch Reste der Anlage zu sehen sind. Dass im Gewerbegebiet Wächterhof jetzt - 70 Jahre nach Kriegsende - eine Gedenktafel aufgestellt wird, geht auf eine Initiative der SPD zurück. ceng

Den größten Teil der Munition hatten amerikanische Soldaten von Mitte Mai 1945 an auf umliegende Felder transportiert und dort vernichtet. Was für die Siegertsbrunner Folgen hatte: Bei Sprengungen am 6. und 7. Juni zerbarsten alle Fenster des Ortes und sämtliche Dächer wurden schwer beschädigt. Die Amerikaner verlegten daraufhin die Sprengungen in den Wald, wo es "wohl eine Erschütterung, aber keinen Luftdruck" mehr gab, wie der Siegertsbrunner Pfarrer Korbinian Westermair in seinem Bericht über den Einmarsch der Amerikaner am 1. Mai vermerkte.

Dieser verlief laut Aufzeichnungen des Hohenbrunner Geistlichen Johann Baptist Wenk im übrigen weitestgehend friedlich. "Die Häuser, der Kirchturm und der Pfarrhof wurden weiß beflaggt und kampflos gegen 9 Uhr überlassen." In der Muna sollen dagegen bereits Tage zuvor "betrunkene gefangene Russen ihren verhaßten Lagerführer" sowie einen Dolmetscher, der diesem zur Hilfe eilen wollte, ermordet haben. Lagerinsassen plünderten daraufhin die umliegenden Ortschaften. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde aus der Muna weggeschafft.

Hohenbrunn: Das Bild oben stammt aus der Zeit nach der Befreiung durch die Amerikaner.

Das Bild oben stammt aus der Zeit nach der Befreiung durch die Amerikaner.

(Foto: Claus Schunk)

Wenk schreibt: "Nachdem die Amerikaner zur weiteren Besetzung des Landes abgezogen waren, stürzte sich das Publikum von Hohenbrunn, Siegertsbrunn und Höhenkirchen Tag und Nacht auf das herrenlose Heeresgut und schleppte heim, was möglich war, mit Handkarren und Pferdegespann, z.B. 300 Zentner Kohlen der Scheinwerferabteilung, Bulldogs, Nähmaschinen, Kästen, Stoffe, Bekleidungsstücke." Bereits am 30. April war das Vieh aus der Muna ins Dorf geholt und dort in den folgenden Tagen geschlachtet und verteilt worden.

Warum die Muna und Hohenbrunn nie von den Amerikanern aus der Luft bombardiert wurden, bleibt ein Rätsel. Laut Zeitzeuge Sigl beschränkten sich die Amerikaner darauf, "mit Tieffliegern die Lokomotiven der Munitionszüge zu zerstören." Verzeichnet ist lediglich ein Fliegerangriff am 9. Juni, bei dem eine Landwirtstochter auf dem Feld getötet wurde. Ihr Bruder wurde schwer verletzt. Alois Beham spricht in seiner Ortschronik noch von zwei weiteren Opfern. Unter ihnen ein Schüler, der als Luftschutzwart auf der Rosenstraße eingesetzt war. Der Pfarrer Johann Baptist Wenk selbst wurde am 21. April 1945 beim Heimweg von einem Seelengottesdienst in Höhenkirchen beschossen. "Circa 8 Maschinengewehrkugeln prasselten rechts und links zu Boden ohne zu treffen."

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