Höhenkirchner Forst:Windkraft-Diskussion ist abgeblasen

Windrad bei Welshofen, 2020

Schreckgespenst vieler Menschen: Windrad im Forst.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Gegner von Rotoren in dem Waldgebiet südöstlich von München lassen eine geplante Podiumsdiskussion mit Befürwortern platzen. Sie ziehen die Neutralität des Moderators und der Energieagentur als Organisatorin in Zweifel.

Von Bernhard Lohr, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Gegner von Windkraftanlagen im Höhenkirchner Forst haben eine für Dienstag, 5. Oktober, geplante Podiumsdiskussion platzen lassen, bei der sie mit Befürwortern vor Publikum Argumente hätten austauschen sollen. Die Gruppierung "Gegenwind" aus dem Landkreis München und die Initiative "Landschaftsschutz Ebersberger Land" werfen der Energieagentur Ebersberg-München als Organisator Parteinahme für die Windkraft vor. Sie kritisieren konkret die Auswahl des Moderators, den sie für voreingenommen halten. Die Arbeitsgemeinschaft (Arge) Höhenkirchner Forst sah sich daraufhin gezwungen, die Diskussionsveranstaltung abzusagen. Vorstellungen und Ziele der Teilnehmer lägen zu weit auseinander, um sie in einem gemeinsamen Format zur Zufriedenheit aller umzusetzen, so die Begründung.

Die Folge: Die Kontrahenten im Streit um Windkraft verschanzen sich wieder hinter ihren Barrikaden. Das Thema polarisiert im südöstlichen Landkreis München sowie im angrenzenden Landkreis Ebersberg schon länger. Wer dafür ist, hat seine Argumente, und wer Windkraft gerade im südlichen Bayern ablehnt, findet im Netz auch genügend Gründe. Ein Dialog ist oft nicht mehr möglich.

Das hat auch die harte Auseinandersetzung im Vorfeld des Bürgerentscheids über Windkraftanlagen im Ebersberger Forst gezeigt. Dass dort die Befürworter am Ende knapp in der Mehrheit waren, führen die Windkraftgegner auf eine Kampagne zurück, bei der sie die Energieagentur am Wirken sehen. Diese soll im Auftrag der Landkreise Ebersberg und München die Energiewende vorantreiben.

Die verhärteten Fronten sollten bei der für Dienstag geplanten Diskussionsrunde aufgeweicht werden. Auf Initiative der Bürgermeister von Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Egmating und Oberpframmern sollte es vor 200 Gästen in der Mehrzweckhalle in Höhenkirchen zur Sache gehen. Sechs Teilnehmer waren auf das Podium eingeladen.

Auf der einen Seite wäre in Raimund Kamm voraussichtlich der Landesvorsitzende des Bundesverbandes Windenergie dabei gewesen; die Energieagentur hatte den früheren Bürgermeister von Berg angefragt, der ein zum Höhenkirchner Forst vergleichbares Windkraftprojekt am Starnberger See durchgefochten hatte. Auf der Gegenseite sollten unter anderem Carin Dietl von den Ebersberger Windkraftgegnern sitzen und Thomas Schürmann aus Ottobrunn, der im Landkreis München die Kritiker anführt.

Doch Mitte September wurde den Windkraftgegnern mulmig. Sie befürchteten, auf dem Podium unterzugehen und am Ende am Pranger zu landen, heißt es. In einem gemeinsamen Schreiben an Hans Gröbmayr, der als vormaliger Energieagentur-Chef die Windkraftbelange koordiniert, blies man zum Rückzug. Schürmann sagt, man habe festgestellt, dass es am Ende "doch wieder eine Werbeveranstaltung" pro Windkraft hätte werden sollen.

Stein des Anstoßes ist der vorgeschlagene Moderator aus Glonn, ein Psychologe und früherer Inhaber eines Lehrstuhls an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, der in einem Leserbrief schon einmal die Meinung vertreten hat, Windkraftgegner argumentierten oft irrational. Bei einer solchen Moderation hätte er sich nicht "wohl gefühlt", sagt Schürmann. Außerdem kritisieren er und Dietl, dass bei Fünf-Minuten-Statements für jeden zu wenig Raum gewesen wäre, eigene Argumente vorzutragen. Aus Schürmanns Sicht wäre das Podium generell zu früh gekommen. Besser wäre, eine von Höhenkirchen-Siegertsbrunn beauftragte Studie zu möglichen alternativen Energiequellen wie Geothermie und Photovoltaik abzuwarten.

Höhenkirchens Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD) hält den Hinweis für verfehlt. Bei der Podiumsdiskussion solle es um Windkraft gehen und nicht um Alternativen. Alles andere würde den Rahmen sprengen. Außerdem gebe es angesichts der Klimakrise kein "Entweder-oder" mehr. Jeder Ansatz, CO₂ zu vermeiden sei wichtig. Höhenkirchens Bürgermeisterin nimmt zudem den Moderator in Schutz. Sie bürge für eine ausgewogene Gesprächsleitung. Das sei ihr Anspruch.

Schürmann will nicht als Klimaleugner da stehen. Es gebe harte Windkraftgegner, die den Klimawandel leugneten. Die kenne auch er, sagt Schürmann. Er zählt sich nicht dazu. Aber was den Bau von Rotoren im Höhenkirchner Forst angeht, ist Schürmann, ein ehemaliger Controller und Finanzexperte, unnachgiebig. Er kritisiert, dass Windkraftanlagen im windarmen Bayern nur dank Subventionen rentabel seien. Das funktioniere betriebswirtschaftlich, aber nicht volkswirtschaftlich.

Schürmann wirft der Energieagentur vor, nicht über kosten- und versorgungssichere Energie reden zu wollen. Sein Vorschlag, statt einer Podiumsdiskussion die Argumente beider Seiten pro und kontra Windkraft in Gemeindeblättern abzudrucken, lehnt Bürgermeisterin Konwitschny ab. Ein Gemeindeblatt tauge nicht für solche Debatten.

Gemeinsam mit den Bürgermeistern Inge Heiler aus Egmating und Lutz Andreas aus Oberpframmern erklärt Konwitschny in einer Stellungnahme, weiter den Dialog suchen zu wollen. Sie hofft auf eine offene Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt.

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