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Höhenkirchen-Siegertsbrunn:Untendurch zum Ziel

Aussicht auf ein Ende? Die Staus am Bahnübergang in Höhenkirchen-Siegertsbrunn nerven Autofahrer wie Anwohner. Ein Bahntunnel könnte die Lösung sein - aber wohl frühestens in vielen Jahren.

(Foto: Claus Schunk)

Mit den Überlegungen, die Realschule für Höhenkirchen vielleicht doch am Bahnhof zu bauen, wird auf einmal auch wieder über einen Tunnel gesprochen. Ein Besuch von Landrat Göbel am Donnerstag nährt Hoffnungen

Von Bernhard Lohr, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Rudolf Mailer war überzeugt, einen großen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Der Bürgermeister von Höhenkirchen-Siegertsbrunn sah den Weg für das wichtigste Infrastrukturprojekt in seiner Gemeinde vorgezeichnet. Der Gemeinderat hatte im Juli des Jahres 2000 einstimmig beschlossen, dass die Bahntrasse in einen Tunnel verlegt werden sollte. Weitere Planungen im Bereich des Bahnhofs sollten darauf abgestimmt werden. Eine Tieferlegung sei "technisch ohne größere Schwierigkeiten lösbar", versicherten Fachleute, und zu finanzieren. Doch was vor 20 Jahren greifbar schien, endete im Nichts, als wäre es eine Fata Morgana gewesen. Jetzt hat Mailers Parteifreundin und Nachfolgerin ihr Tunnel-Erlebnis.

Kaum im Amt, sieht Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD), wie die Spekulationen ins Kraut schießen, nun könnte es mit dem Bahntunnel wirklich etwas werden. Ausgelöst hat diese Landrat Christoph Göbel (CSU) in seiner Funktion als Vorsitzender des Zweckverbands weiterführende Schulen im Südosten des Landkreises, als er kürzlich die Standortentscheidung für eine Realschule am Ortsrand von Höhenkirchen wegen der damit einhergehenden um 23 Millionen Euro höheren Kosten infrage stellte. Er brachte wieder den günstigeren Bau der Schule am Bahnhof ins Spiel und verknüpfte diesen mit der Lösung der dortigen Verkehrsprobleme. Seitdem spricht alles über den Tunnel und darüber, wie ernst Göbels Aussagen gemeint waren, die als mögliche Beteiligung an Baukosten interpretiert wurden. An diesem Donnerstag wird sich Göbel bei einer Sitzung des Gemeinderats in der Mehrzweckhalle in Höhenkirchen zum Schul- und zum Bahnprojekt äußern.

Dabei wird Göbel freilich nicht irgendwelche Planungen aus dem Hut zaubern oder finanzielle Zusagen machen. Aber er ist überzeugt, dass "ganz nüchtern", wie er sagt, darüber gesprochen werden sollte, ob der 2000 schon mal eingeschlagene Weg mit einem Bahntunnel weiter beschritten werden sollte. Der Realschulbau und der Bahntunnel müssten gemeinsam betrachtet werden - und zwar vor dem Hintergrund eines möglichen Ausbaus der Bahnstrecke. Laut Göbel ist es nur eine Frage der Zeit, bis wegen der wachsenden Verkehrsströme die Trasse viergleisig ertüchtigt werden muss, um einen kürzeren S-Bahn-Takt zu ermöglichen und auch Regionalzüge verkehren zu lassen. Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) misst dem Vorhaben hohe Bedeutung zu, wie es heißt. Würde es umgesetzt, würden sich jedenfalls die jetzt schon langen Schließzeiten am Bahnübergang verlängern. Die Kreisstraße wäre blockiert. "Der Bahnübergang ist aus meiner Sicht zwingend etwas, was wir anschauen müssen", sagt Göbel.

Als Landrat ist Göbel für die Kreisstraße zuständig und insofern der Landkreis auch Betroffener, wenn es um den kreuzungsfreien Ausbau mit Hilfe eines Tunnels geht. Darauf anspielend, hat Göbel im Zweckverband von einer Kostenbeteiligung gesprochen, wobei er sagt, er habe das mit Blick auf eine bis heute - zumindest nicht ausgeschlossene, aber sehr unwahrscheinliche - Tieferlegung der Kreisstraße getan. Der Kreis sei mit im Boot, sagt er jetzt, aber er verweist im Grundsatz auf das Eisenbahnkreuzungsgesetz, das bei einem Bahntunnel eine Kostenteilung zwischen Bund, Deutscher Bahn und Freistaat vorsieht. Vor 20 Jahren waren noch 24,25 Millionen Mark im Gespräch. Dasselbe Ingenieurbüro, das damals Planungen für den Bahntunnel in Unterföhring anstellte, kam seinerzeit in seinem Gutachten zu diesem Ergebnis. 2005 wurde der Tunnel in Unterföhring eröffnet, in Höhenkirchen baute man stattdessen oberirdisch auch mit staatlicher Förderung den Bahnhof um. Sollte der Bahnhof jetzt unter die Erde gelegt werden, wären womöglich Zuschüsse zurückzuzahlen. Auch solche Dinge gilt es bei einem Tunnelprojekt zu bedenken. Göbel ist das alles bewusst und er bedauert rückblickend, dass der Landkreis sich vor 20 Jahren nicht für die Tieferlegung mehr eingebracht hat. Jetzt solle man sich dem Thema stellen, sagt Göbel.

Dass der Bau der Realschule an der Brunnthaler Straße 23 Millionen Euro teurer werden würde als auf einem Campus am Bahnhof, hat Göbel selbst überrascht. Er sieht sogar Kosten von bis zu 27 Millionen Euro, weil Sportstätten am Gymnasium eigens noch ausgebaut werden müssten. Ihm sei bewusst, sagt Göbel, dass es in der Gemeinde zudem Vorbehalte gebe, bis zu 2000 Schüler im Ortszentrum zu konzentrieren. Dazu kommt, dass viele befürchten, die Blickachse vom Ortszentrum in Richtung Leonhardikirche könnte zerstört werden, wenn jenseits des Kirchwegs Sportanlagen entstehen. Bürgermeisterin Konwitschny warnt vor zu hohen Erwartungen vor dem Treffen mit Göbel. Wichtig wäre, verkehrliche Verbesserungen im Zentrum hinzubekommen. Bis zum Bau eines Bahntunnels würden zehn, 20 Jahre vergehen. Sie rechne fest mit einem Bürgerentscheid, sollte die Standortentscheidung zur Schule gekippt werden, sagt sie.

"Lasst uns nachdenken, wenn wir Millionen ausgeben", sagt dagegen Göbel. Vieles ist derzeit in Bewegung. Versprechen könne er nicht machen, sagt Göbel. "Das einzige, was ich will, dass die Gemeinde noch mal die Chance hat zu diskutieren."

© SZ vom 29.06.2020

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