Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge und Corona:"Keiner denkt an diese Kinder"

Junge Geflüchtete treffen die Corona-Maßnahmen nach Angaben von Asylhelfern besonders hart. Weil Unterkünfte nicht mit Wlan ausgestattet sind, können Schüler dort dem digitalen Unterricht nicht folgen

Von Patrik Stäbler, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Die Corona-Einschränkungen treffen jene Menschen besonders schwer, die es im Leben ohnehin nicht leicht haben - in Höhenkirchen-Siegertsbrunn sind dies unter anderem die mehr als 200 Geflüchteten im Ort. Über ihre Sorgen und die drängendsten Probleme in der Gemeinschaftsunterkunft an der Bahnhofstraße sowie den Holzhäusern an der Ottobrunner Straße haben Ehrenamtliche des Arbeitskreises Asyl bei einer Online-Veranstaltung des Grünen-Ortsverbands berichtet.

Aktuell lebten circa hundert Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft, darunter 39 Kinder in 20 Familien, sagte Liesel Oehlen. In den Holzhäusern seien es etwa 110 Geflüchtete, vornehmlich junge Männer. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge sind nach ihren Angaben inzwischen anerkannt und leben dennoch weiterhin in den Unterkünften, da auf dem freien Markt kaum bezahlbare Wohnungen zu finden seien. "Es wird dringend notwendig sein, dass man hier im Ort weitere sozial geförderte Wohnungen baut", betonte Franz Dielmann - auch mit Blick auf die Tatsache, dass die Unterkünfte nur für eine begrenzte Zeit angemietet sind. "Die werden irgendwann geschlossen, und dann kommen massive Probleme auf die Gemeinde zu", warnte Dielmann. Barbara Heiter forderte in dem Zusammenhang den Gemeinderat auf, "Stimmung zu machen, damit Wohnungen an Flüchtlinge vermietet werden". Sie sollten möglichst "mitten in Höhenkirchen" sein, auch um die Integration der Menschen zu erleichtern.

Ein großes Problem in den Unterkünften sei das Fehlen einer Wlan-Verbindung - "gerade jetzt in Corona-Zeiten", betonte Hans Bley. Heiter schilderte den Fall einer Familie in den Holzhäusern, deren zwei Kinder während des Distanzunterrichts große Schwierigkeiten hatten, in der Schule mitzukommen. "Digitale Zeiten und Flüchtlinge ist ein konträres Thema", sagte sie. "Keiner denkt an diese Kinder. Und ohne die Unterstützung von anderen sind diese Familien abgehängt." Dabei kämpfe der Arbeitskreis Asyl schon seit fünf Jahren für einen Wlan-Zugang in den Unterkünften, sagte Oehlen. Luitgart Dittmann-Chylla und Gudrun Hackl-Stoll von den Grünen versprachen, dass sie diesbezüglich im Kreistag "noch einmal nachhaken". Während der Schulschließungen sei es "essenziell wichtig, dass Schüler vor Ort einen Wlan-Zugang haben", betonte Hackl-Stoll.

Die aktuelle Corona-Lage erschwert auch die Arbeit des Helferkreises. Der direkte Kontakt sei oftmals nicht möglich, zudem könnten Feste und Veranstaltungen nicht stattfinden, sagte Dielmann. Doch auch unabhängig von Corona sei es schwieriger geworden, Ehrenamtliche für die Flüchtlingshilfe zu gewinnen, berichtete Oehlen. Auf die Frage der Grünen Janine Schneider, was der Arbeitskreis Asyl derzeit am dringendsten brauche, antwortete Oehlen: "Helfer." Schließlich sei der Arbeitskreis zuletzt spürbar geschrumpft. In jeder Unterkunft gebe es noch etwa fünf Ehrenamtliche, die die Geflüchteten aktiv unterstützen. "Insgesamt ist es viel weniger geworden", sagte Oehlen. "Und das ist schade, auch weil das für den Einzelnen sehr viel mehr Arbeit bedeutet." Nachdem es 2015 einen "großen Ruck" und viel Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft gegeben habe, "ist der Hype jetzt weg", konstatierte Janine Schneider. Dabei gelte bei der Flüchtlingshilfe: "Das Thema ist ein Marathon - und kein Sprint."

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SZ vom 18.12.2020/lb
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