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Höhenkirchen-Siegertsbrunn:Das Glück dieser Erde

Gemeinsames Erleben: Der Arbeitskreis Eltern behinderter Kinder ermöglicht seinen Mitgliedern das Reitprojekt in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

(Foto: Claus Schunk)

Der Arbeitskreis Eltern behinderter Kinder Neubiberg organisiert ein Reitprojekt, bei dem die Teilnehmer sich selbst und den Pferden in der Gruppe auf sanfte Weise näher kommen

Was für ein schöner Tag! Die Sonne scheint, die Freunde sind auch in der Nähe. Lukas sitzt auf einem Pony im Erlebniscampus im nordöstlichen Eck von Höhenkirchen-Siegertsbrunn und ruft freudig vor sich hin. "Wa wa", schreit er, strahlt übers ganze Gesicht und klopft dem Pony liebevoll auf den Rücken. "Er könnte drei Stunden auf dem Pferd sitzen - da wollen die anderen schon lange nicht mehr", sagt seine Mutter Cornelia Scharnagl. Der 20-Jährige ist beeinträchtigt, wie auch die anderen jungen Menschen, die an diesem Sonntag auf dem 1,3 Hektar großen Gelände auf Ponys und Pferden herumgeführt werden.

Der Arbeitskreis "Eltern behinderter Kinder" Neubiberg, den Cornelia Scharnagl und Hiltrud Coqui leiten, hat vor vielen Jahren den Club Traumhaus ins Leben gerufen, ein regelmäßiger Freizeittreff von behinderten und nicht behinderten Menschen. Hier haben Jugendliche und junge Erwachsene die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Neben dem Club Traumhaus organisiert der Kreis weitere Freizeitaktivitäten wie eine Schwimmgruppe und Ausflüge. Mit Hilfe der Stiftung der Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg hat der Arbeitskreis mit der Pony- und Pferdeakademie Pupa seit 2014 eine Lernwerkstatt aufgebaut, in der behinderte und nicht behinderte Menschen über Tiere zusammenfinden, voneinander lernen und Verantwortung füreinander übernehmen können. Nun fördert der Landkreis das Projekt mit 5500 Euro. "Damit können wir es eine ganze Zeit lang fortführen", freut sich Coqui.

Außer Lukas reiten an diesem Sonntag neun junge Erwachsene abwechselnd auf den sieben Ponys und Pferde mit hübschen Namen wie Schneewittchen und Puccini. Die Teilnehmer haben ganz unterschiedliche Beeinträchtigungen. Ein junger Mann hat das Down Syndrom, eine junge Frau sitzt im Rollstuhl. Manche sind mehrfach gehandicapt. Mitarbeiter der Ponyakademie führen sie über die Wiesen und unter Bäumen hindurch. Man sieht, wie die Reiter den Kontakt zu den Tieren genießen. "Wir animieren sie, ihre Grenzen zu erkennen und sie auch zu überschreiten", sagt Cornelia Antonik. "Aber keiner wird zu etwas überredet." Es sei kein therapeutisches Reiten. Es gehe darum, an dem Defizit, das jeder einzelne habe, zu arbeiten. Dazu gehört auch, für jeden das passende Pferd auszusuchen. Gleichzeitig geht es um das gemeinsame Erleben. Antonik leitet die Ponyakademie und das Projekt. Sie hat den Erlebniscampus längerfristig von der Gemeinde gepachtet. Außerdem ist sie die Mutter eines der Teilnehmer.

Die jungen Menschen arbeiten an ganz unterschiedlichen Dingen. Magdalena Esterl zum Beispiel sitzt auf dem Pferd und hat einen Teller in der Hand. So kann sie trainieren, das Gleichgewicht zu halten. "Sie gibt den Teller erst in die gesunde Hand. Wir animieren sie dazu, es auch mit der gelähmten Hand zu versuchen", sagt Antonik. "Mit Geduld und Ruhe schafft sie es auch", sagt sie. Sandra Coqui greift einen Ball, greift ihn auch hinter ihrem Rücken. "Das macht meine Tochter gern. Ich weiß auch, dass ihr das Reiten sehr gut tut, weil es in der Gruppe stattfindet", sagt Hiltrud Coqui. Sie geht neben ihrer Tochter her. Geführt wird sie aber von einer Mitarbeiterin der Ponyakademie. Das Pferd von Christopher Zenk, der oft eine schlaffe Körperhaltung hat, bringt Antonik zum Traben. Dann sitzt er automatisch aufrecht. "Wir versuchen Lösungen zu finden, bei denen sich die Kinder selbst dahinbringen, wo wir sie haben wollen, ohne dass sie es merken", sagt sie. Wichtig sei, dass beim Reiten jeder als normal akzeptiert werde. "Wir nehmen Inklusion wörtlich", sagt Antonik. Im Vorbeigehen lobt sie einen Teilnehmer: "Sehr gut gleichst Du Dich immer aus, Sebastian." Im Umgang mit den Pferden und gemeinsam in der Gruppe üben die jungen Menschen hier also auf sanfte Weise Dinge wie Teamgeist, Selbsteinschätzung, Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein.

Dass Pferde, Mitarbeiter und Teilnehmer ein eingespieltes Team sind, zahlt sich da sicher aus. Damit alles gut klappt, trainiert Antonik auch manches mit den Pferden. "Es sind Kinder dabei, die zwei Stunden lang schreien. Wir stellen die Pferde darauf ein, dass sie ruhig bleiben", sagt sie. Nicht nur für die Teilnehmer und die Pferde sind die Reittreffen, die alle vier bis sechs Wochen stattfinden, etwas Besonderes. Sondern auch für die Eltern. Denn sie sollen an dem Tag bewusst ein wenig Abstand von ihren Kindern halten, sie von anderen Personen führen lassen.

An diesem Sonntag sitzen sie am Rande des Erlebniscampus, plaudern und fotografieren stolz ihre Kinder. "Es ist schön, dass sich die Eltern hier entspannt unterhalten können", findet Cornelia Scharnagl. Aber nicht nur das. Sie hält das Projekt für eine gute Sache: "Das Tolle ist, dass es nicht nur eine isolierte Hippotherapie, sondern eine Gemeinschaftsaktion ist, man trifft Freunde", sagt sie. Viele, die sonst unruhig und unkonzentriert sind, seien hier viel fokussierter.

Von der Gemeinschaft profitieren die Mitglieder des Arbeitskreises nun schon lange. Die Selbsthilfegruppe gründete sich vor 35 Jahren. Sie besteht aus betroffenen Eltern, 50 Familien aus dem Südosten von München sind es momentan in etwa. Damals, als es noch kein Internet gab, ging es ihnen darum, Informationen zu sammeln und auszutauschen und sich zu unterstützen. Es ging etwa um Betreuungseinrichtungen und Therapien für die Kinder. Heute sind alle älter geworden. Nun geht es auch darum "wer kümmert sich, wenn Mama und Papa nicht mehr sind", sagt Coqui. "Der Arbeitskreis ist ein Gebilde, das sich an den Bedürfnissen der Leute orientiert", sagt sie. Gerade hinter den Freizeitaktivitäten stecke zwar sehr viel Organisation. Aber es lohne sich. "Wir verbringen einfach sehr schöne Stunden zusammen", sagt Coqui. Wie an diesem Sonntag auf dem Erlebniscampus.

© SZ vom 08.10.2016
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