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Höhenkirchen-Siegertsbrunn:Am Abgrund

Wissen nicht mehr weiter: Zirkusdirektorin Jaqueline Köllner und ihre Kinder sind mit ihren Tieren in Höhenkirchen-Siegertsbrunn gestrandet.

(Foto: Claus Schunk)

Die Zirkusfamilie Köllner sitzt mit ihren Kindern und Tieren fest. Wer ihnen helfen kann, wissen die Behörden nicht

Jacqueline Köllner ist verzweifelt. Sie und ihre Zirkusfamilie stehen vor dem finanziellen Abgrund, denn sie dürfen aufgrund des Coronavirus nicht mehr gastieren. Schon seit dem Ausbruch seien immer weniger Zuschauer gekommen, sagt die Zirkusbetreiberin. Aber jetzt stehe einfach alles still. Die Gruppe ist Anfang der Woche am Festplatz angekommen und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Der nächste geplante Stopp sei von der fraglichen Gemeinde schon abgesagt worden, auch die externen Artisten seien abgesprungen.

Der Zirkus Mulan wird schon in der dritten Generation betrieben. Seit zirka vier bis fünf Jahren ist die Gruppe in ganz Bayern unterwegs. Mit von der Partie sind insgesamt 15 Personen, inklusive einiger Kinder und 30 Tiere. Eine der wichtigen Einnahmequellen des Zirkus ist eigentlich die Tiervermietung. Da aber momentan nirgends ein Zirkus stattfinden kann, seien alle Tiere zurückgebracht worden. Nun müssten die Tiere und die Zirkusmitglieder versorgt werden, so Köllner. Aber das Geld ist knapp. "Wir haben noch nie Unterstützung gebraucht. Aber jetzt stehen wir finanziell schlecht da." Die Kinder bräuchten doch auch was zu essen, sagt sie und ist froh, dass die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn dem Zirkus Strom und Wasser zur Verfügung gestellt habe.

Die Zirkuschefin hat sich nach eigenen Worten bereits an Landratsamt, Wirtschaftsministerium und Sozialamt gewandt - bislang ohne Erfolg. Niemand wisse, wer für sie verantwortlich ist. Beim Sozialamt sei sie gar nicht erst weiter als bis zum Empfang gekommen, sagt Köllner. Die Mitarbeiter sagten ihr, dass sie nicht zuständig seien und sie die Zeit irgendwie überbrücken müssen. Auch Christine Spiegel, Pressesprecherin des Landratsamts, weiß, dass das Problem der Zuständigkeit hier schwierig ist. "Das Problem betrifft mehrere Zirkusse, aber das Bewusstsein ist jetzt da", sagt sie. Auf jeden Fall hätten schon mehrere Behörden das Problem auf dem Schirm, der Fall wäre auch intern weitergeleitet worden. Ein Hoffnungsschimmer sei die Soforthilfe des Wirtschaftsministerium. Sie sei sich aber nicht sicher, ob diese auf den Zirkus zutreffe, so Spiegel.

Die Zirkusbetreiberin hat das Formular auf Soforthilfe und will es auch einreichen. Vom Ministerium habe sie nur gehört, sie solle sich nicht zu viele Hoffnungen machen. Das Problem ist, dass der Zirkus nicht in Bayern, sondern in Nordrhein-Westfalen gemeldet ist. "Irgendwo müssen wir ja unsere Post hinbekommen", sagt Köllner. Katrin Nikolaus, stellvertretende Pressesprecherin des Wirtschaftsministeriums, sieht keine Möglichkeiten für den Familienzirkus. Die Situation sei zwar ungünstig, aber Anspruch auf diese Unterstützung haben nur Menschen, die in Bayern gemeldet sind. So sei die Soforthilfe rein juristisch schon nicht möglich. Wie dem Zirkus nun geholfen werden soll, wisse auch sie nicht. Dieser hätte sich im Laufe der vergangenen Jahre in Bayern melden sollen. Köllner hofft nun auf die Hilfe der Bevölkerung, denn das Geld reiche nicht einmal für zwei Wochen. "Ich sage den Tieren schon immer, dass sie heute weniger zu fressen kriegen. Dann haben sie länger was davon." Vielleicht gebe es ja ein paar Bauern, die etwas Heu abgeben könne, so die Zirkuschefin.

© SZ vom 20.03.2020
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