Hitler-Tagebücher Gelungene Kopie

Helmut Dietls "Schtonk" als Bühnenfassung in Garching unterhält gut, bietet aber keine Überraschung

Von Udo Watter, Garching

Beim konspirativen Essen im Wirtshaus gestehen sich die zwei Männer eine besondere, man möchte sagen, liebenswerte Schwäche. "Ich kann einfach nicht lügen", sagt Fritz Knobel mit treuherzigem Blick. Seinem Gegenüber, dem Mann mit dem schillernden Namen Hermann Willié, geht es da genau so. Der kann auch nicht lügen, wie er versichert. Schön, wie dann Knobel ungeniert hanebüchen über Hitlers vermeintliche Tagebücher und seine angeblichen Verbindungsmänner im Osten schwadroniert sowie vor den Geheimdiensten warnt, die nach einer etwaigen Veröffentlichung derselben gefährlich würden ("Da rollen Köpfe"). Von KGB über BND zu AEG. Bitte?

In Hamburg auf Görings Yacht wird gefeiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Argentinischer Geheimdienst", beeilt sich Knobel zu sagen. Wie Martin Theuer als Fritz Knobel sich nebenbei das herzhafte Essen, das die kurvige Bedienung serviert, in den Mund schiebt und großmäulig zerkaut, ist eine Schau. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Das Publikum sieht zwei Narzissten in der schwäbischen Provinz, notorische Blender und Hochstapler, die sich schamfrei anschwindeln, weil sie wissen: "Die Welt will betrogen sein."

"Schtonk", Helmut Dietls Filmkomödie über den Skandal um die gefälschten, 1983 im Stern veröffentlichten Hitler-Tagebücher, war jetzt als Bühnenadaption im Garchinger Theaterzelt zu sehen. Der Film, der 1992 in die Kinos kam und für den Oscar nominiert war, lebt nicht zuletzt von den pointenreichen, brillanten Dialogen, die auf der Bühne ebenfalls richtig zünden. Die Produktion der Württembergischen Landesbühne Esslingen orientiert sich komplett am Buch von Dietl und Ulrich Limmer, die Geschichte um den schmierigen Skandalreporter Willié und den begnadeten Fälscher Knobel wird angemessen temporeich und unterhaltsam von Regisseur Marcus Grube inszeniert. Ist der Stoff gerade jetzt in Zeiten von Fake News und der Renaissance rechtspopulistischer Meinungen aber wieder besonders aktuell? Nun, es gibt schon Unterschiede zwischen dieser bundesrepublikanischen, zur Farce von Weltformat angeschwollenen Fälschergeschichte und heutigen, von perfiden Algorithmen gesteuerten Einflussmethoden oder digital-propagandistischen Gefährdungen. Dass die Welt aber gerne betrogen sein will, dass manche Medien lieber die spektakuläre Legende als die Wahrheit drucken und dass der Nationalsozialismus auf manche Menschen offenbar immer eine Faszination ausüben kann, das sind zeitlose Themen.

Knobel (Martin Theuer) schreibt weitere Hitler-Tagebücher.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Schtonk" in der Bühnenfassung von Grube wurde im Februar 2018 uraufgeführt, das Stück unterhält dank der Spielfreude der Darsteller, zahlreicher situationskomischer Momente und geschmeidiger Inszenierung gut. Wer den Film kennt und mag, wird vieles an diesem Abend wieder entdecken und wohl auch schätzen, sogar die Filmmusik von Konstantin Wecker über Richard Wagner bis Zarah Leander erklingt fast haargenau wie einst bei Dietl.

Das freilich ist auch ein Problem der Inszenierung, die im Raum München jetzt nur in Garching zu sehen war. Die enge Anlehnung ans Original bewirkt, dass man als Zuschauer immer wieder die großartigen Schauspieler des Films vor Augen hat - von Götz George über Christiane Hörbiger und Uwe Ochsenknecht bis zu Harald Juhnke oder Ulrich Mühe. Dagegen können die Mitglieder der Württembergischen Landesbühne nicht unbedingt bestehen, auch wenn gerade die Protagonisten Martin Theuer und Oliver Moumouris (Willié) ihre Sache gut machen. Besonders Theuer als schwäbisch-schelmischer Fälscher, der mit Bäuchlein, Strickjacke und alemannischem Timbre eigentlich alles andere als sexy ist, aber dennoch zwei begehrende Frauen um sich hat, überzeugt. In seiner Mischung aus Chuzpe, Provinzialität, Größenwahn und Narzissmus kommt er einem durchaus nahe. Moumouris hat als schmierig-eitler und naziaffiner Reporter ebenfalls gute Szenen und eine passende Körpersprache. Zudem überzeugt Sabine Bräuning als Görings Nichte Freya von Hepp. In diesem Auftritt allerdings, als sie auf der Yacht ihres Onkels zum ersten Mal Dr. Guntram Wieland (Marcus Michalski), dem Vorsitzenden des linksliberalen Hamburger Journals, begegnet und dieser Dialog in eine wunderbar komische Peinlichkeit mündet, zeigt sich exemplarisch auch besagter Nachteil: mit Ulrich Mühe und Christiane Hörbiger hat der Dialog im Film eine ganz andere Klasse und Wirkung. Ähnliches ließe sich auch über manch andere Szene sagen.

Generell stellt sich die Frage, ob "Schtonk" in dieser Fassung zwingend notwendig auf die Bühne musste. Kostüme, Dekoration, die Größe und bei allen Abstrichen die schauspielerische Leistung des Ensembles sind durchaus beeindruckend, aber einer Adaption, die so stark am Original orientiert ist, mangelt es dadurch zwangsläufig an neuen, originellen Einfällen und diesen überraschenden Momenten, die einem spannenden Theaterabend eben auch innewohnen sollten.