Bühnenkultur:Fürs Ableben ist es noch zu früh

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Bühnenkultur: Mit dem Stück "Moorleichenpoker" von Heidi Faltlhauser kehrt das Harthauser Dorftheater am 22. April im örtlichen Bürgerhaus auf die Bühne zurück.

Mit dem Stück "Moorleichenpoker" von Heidi Faltlhauser kehrt das Harthauser Dorftheater am 22. April im örtlichen Bürgerhaus auf die Bühne zurück.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Das Harthauser Dorftheater hat sich in 40 Jahren mit seinen Mundartstücken einen beachtlichen Ruf erspielt. Aktuell probt es für die Rückkehr nach der Pandemie die Komödie "Moorleichenpoker".

Von Franziska Gerlach, Grasbrunn

Wider Erwarten geht es dem Zeindl-Opa besser, die Heilmittelchen der Baderin Zenz (Angi Haas) scheinen zu wirken. Das ist natürlich erfreulich für den Opa, mit dessen Ableben jeden Tag zu rechnen war. Die Erlhoferin und den Torfstecher Luis bringt es im zweiten Akt von Heidi Faltlhausers Komödie "Moorleichenpoker", der neuen Inszenierung des Harthauser Dorftheaters, aber ziemlich in die Bredouille. Der Luis (Florian Leibig) hat im Moor nämlich den Leichnam der vor etlichen Jahren unter mysteriösen Umständen verschwundenen Stiefelies gefunden, ein wenig appetitlicher Anblick, und da er nicht wusste wohin damit, hat er den Fund zur verwitweten Erlhoferin (Marianne Leibig) in den Hühnerstall gebracht. Der Plan: Den toten Körper dem Zeindl-Opa klammheimlich mit in den Sarg zu legen.

Doch der ist nun spontan genesen. "Der Zeindl-Opa ist auf dem Weg der Besserung", sagt die Erlhoferin trocken. Der "Firenze" werde sich seine Schlafstätte im Hühnerstall also noch ein wenig mit der Stiefelies teilen müssen. Sie blickt von der Bühne hinab in die leere Weite des Saals im Bürgerhaus Harthausen. Dorthin, wo die Laientheatergruppe, die bereits Franz Josef Strauß zu ihren Zuschauern zählte, am 22. April nicht nur die Premiere eines neuen Stücks feiern wird, sondern auch ihr 40-jähriges Bestehen.

Bei einer der letzten Proben von "Moorleichenpoker" ist von der feierlichen Stimmung erster Aufführungen noch wenig zu spüren im Saal des Bürgerhauses, wo das Harthauser Dorftheater seit 1982 eine feste Bühne hat. Die Theatergruppe tut das, was vermutlich vor Premieren am Broadway genauso geschieht wie im südöstlichen Landkreis München: Sie feilen an den Details. Zu Beginn des Dreiakters in Mundart etwa kommt die Erlhoferin gerade mit einem erlegten Hasen vom Wildern zurück, trägt unter ihrem Dirndl aber Schuhe mit Absatz. "Passt net!", meint Regisseur Hans Leibig, als er nach dem Durchlauf des ersten Aktes seine Notizen sichtet. Neben ihm am Tisch verfolgt Souffleuse Kathi Karg die Zeilen des Dreiakters in Mundart, dessen Handlung Heidi Faltlhauser in den Jahren um 1920 angesiedelt hat.

Im Publikum saß seinerzeit sogar Franz Josef Strauß

Nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause wird das Ensemble "Moorleichenpoker" an acht Terminen spielen. Und es ist anzunehmen, dass insbesondere die Premiere vor gut gefüllten Zuschauerreihen stattfinden wird. Bereits am dritten Tag des Kartenvorverkaufs, erzählt Günter Okon, der Vorstand des Harthauser Dorftheaters, sei die Hälfte der Karten weg gewesen. Okon selbst hat die Rolle des Gendarm Obergschwendtner übernommen, in Uniform und mit einem dunklen Schnauzer stattet er der Erlhoferin einen Besuch ab. Er sei auf der Suche nach einem Enzo Spinoli (Matthias Ranner) aus Florenz, das sei in Italien. Und im Übrigen werde dieser Spinoli polizeilich gesucht.

"Moorleichenpoker" führt auf unterhaltsame Weise neue und alte Irrungen zusammen. Das Stück hat Tempo, ständig fliegt eine Tür auf und ein neuer Charakter erweitert die Geschichte um einen skurrilen Aspekt - wie etwa die Suche nach besagtem Florentiner, den die Erlhoferin fatalerweise in ihrem Hühnerstall einquartiert hat. Der schrägste aller Charaktere dürfte die Kath (Elisabeth Knaier) sein, die in ständiger Angst vor Geistern lebende Tochter der Erlhoferin. Für Zugezogene wird das Mundartstück zwar nicht bis ins letzte bairische Pronomen zu verstehen sein. Doch die Geschichte erschließt sich dank des lebendigen Spiels der neun Darsteller auch so. Obendrein hat sich der Theaterverein die Mühe gemacht, auf seiner Internetseite die schwierigsten Vokabeln zu erläutern. "Wir wollten mal wieder was Bairisches spielen, und zwar ohne in Klischees zu verfallen", sagt Hans Leibig, Regisseur und außerdem lange Jahre Okons Vorgänger als Vorstand des Vereins. Und die Rollen des Stücks passten zum Ensemble, was beim Laientheater ja wichtig sei. Da könne man eine introvertierte Person schlecht eine extrovertierte spielen lassen.

Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass sich das Harthauser Amateurtheater in den vergangenen Jahren einen Ruf erspielt hat, der über die solide Präsentation von Mundartlichem weit hinaus geht. Boulevardstücke, Krimis und gehobenes Volkstheater brachte das Ensemble mit dem bescheidenen Namen schon zur Aufführung. Beispiele? Vorstand Okon muss da nicht lange überlegen. "Der Tod im Birnbaum" habe man bereits gespielt, ein besonderes Ereignis sei auch die Aufführung des "Jedermann" in einer Kirche gewesen. Die Tradition des Theaterspielens reicht in Harthausen bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. 1971 führten Harthauser Buben und Mädchen im Katholischen Jugendheim, das später zum Bürgerhaus umgebaut werden soll, das Stück "S' Herz in der Lederhos'n" auf. Und offenbar gefiel dem Publikum, was es sah.

Bühnenkultur: Noch eine und noch eine Komödie - die Laiendarsteller empfinden Freude an ihren Stücken.

Noch eine und noch eine Komödie - die Laiendarsteller empfinden Freude an ihren Stücken.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Harthauser spielten weiter, noch eine Komödie und noch eine, sie wurden besser, empfanden ganz offenbar Freude am Theater. 1981 entstand das "Harthauser Dorftheater" auf Initiative von Schorsch Birmann, Hans Leibig, Ewald Wagner und Willi Zirngibl, zunächst unter dem Dach des Gesellschaftsvereins "Stopselclub Harthausen", seit 1990 besteht die Theatergruppe als eigenständiger Verein. Bereits fünf Jahre zuvor, im Jahr 1985, hatte sich Strauß, derzeit Ministerpräsident von Bayern, die Inszenierung der "Lausbubengeschichten" nach Ludwig Thoma angesehen. Die Anwesenheit des Landesvaters darf man wohl guten Gewissens als "hohen Besuch" bezeichnen.

Vorstand Okon erzählt in den Minuten vor der Probe allerdings lieber von der Kinder- und Jugendgruppe, die 2016 die Arbeit aufgenommen hat. Schließlich ist Theaterspielen ein zeitintensives Hobby, nicht jeder wolle sich über Wochen hinweg festlegen, das gilt im Übrigen nicht nur für den Nachwuchs. Umkehrt kann das nur heißen: Wer dem Theater über so viele Jahre hinweg die Treue hält, eine schier unübersichtliche Zahl an Wochenenden und Feierabendstunden aufwendet, sei es für Proben oder Bühnenbau, für Kostüme oder Maske; oder indem man während der Proben beflissen in ein Heft schreibt, der macht das nicht einfach so, dem müssen die Bretter der Bühne im Bürgerhaus Harthausen tatsächlich die Welt bedeuten.

Die Premiere von "Moorleichenpoker" findet am 22. April um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Harthausen statt. Weitere Aufführungen am 23. April, 29. April, 30. April, 6. Mai, 7. Mai, 13. Mai und 14. Mai. Ticket über www.dorftheater.de und unter Telefon 0151 / 57 88 39 43

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