Das Oberschleißheimer Hallenbad steht vor dem Aus: Die aus dem Jahr 1972 stammende Schwimmhalle soll am 1. April für immer schließen. Die notorisch klamme Kommune im Münchner Norden kann sich den Betrieb nicht mehr leisten. Die Rede ist von einem Defizit in Höhe von jährlich gut einer halben Million Euro, das angesichts schwindender Einnahmen nicht mehr auszugleichen ist. Der Gemeinderat soll das Schicksal des maroden Hallenbades in der Haushaltssitzung am 3. März besiegeln, wenn es nach Bürgermeister Markus Böck (CSU) geht. Pläne für einen Neubau sind vor Jahren wegen leerer Kassen in der Schublade verschwunden, auch eine dringend gebotene Sanierung kann sich Oberschleißheim nicht leisten.
In der Gemeinde herrscht angesichts der drohenden Schließung Entsetzen. Sowohl die Schulen als auch die Ortsgruppe der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kritisieren die Pläne scharf. „Schwimmunterricht ist kein Luxus, sondern lebensnotwendig“, sagt etwa Claudia Miller, Leiterin der Berglwaldschule. Mit der kurzfristigen Ankündigung, dass das Hallenbad bereits am 1. April zusperren soll, stünden die Schulen „vor großen organisatorischen Herausforderungen, denn die Stundenpläne sind erstellt“. Wie die sich auftuenden Lücken gefüllt werden könnten, sei ungewiss, so Miller. Unterdessen wird ihren Informationen zufolge an der Grundschule in der Parksiedlung ein Brief von Viertklässlern vorbereitet, der an den Oberschleißheimer Bürgermeister geschickt werden soll.
Während Böck und seine Partei kaum noch Chancen für einen Fortbestand der Schwimmhalle sehen, wollen Grüne und SPD nicht aufgegeben und bemühen sich um eine Rettung des Hallenbades. Seit Mitte Dezember sucht auf Antrag der Grünen-Fraktion im Gemeinderat eine vom Bürgermeister als nicht notwendig erachtete Arbeitsgruppe, der die politischen Parteien, bis auf die CSU, sowie Vertreter der Verwaltung, der DLRG und der Volkshochschule angehören, nach Lösungsmöglichkeiten. Zweimal hat der Kreis bereits getagt, zwischenzeitlich haben die Grünen eine Sondersitzung zum Hallenbad beantragt.
Der SPD-Bürgermeisterkandidat sieht eine Chance
Zweiter Bürgermeister und SPD-Bürgermeisterkandidat Harald Müller sieht nach eigenen Angaben eine Chance – und zwar, wenn man die Nachbarkommunen Garching, Haimhausen und Karlsfeld, die ihre Schulkinder zum Schwimmenlernen nach Oberschleißheim schicken, mit ins Boot holen könnte, wie der SPD-Politiker in einer Stellungnahme schreibt. Diese Forderungen hat Müller in der Vorwoche bei einer vom örtlichen Gewerbeverband organisierten Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten wiederholt.
Schützenhilfe bekam er dabei von Gemeinderat Christoph Münster, der für die Grünen das Oberschleißheimer Rathaus erobern möchte. Seine Partei wolle ganz klar den Fortbestand der Schwimmhalle, sagte er. Die Kommune müsse alle Anstrengungen unternehmen, um das Hallenbad zu erhalten. Sei es über eine Beteiligung der Nachbarn oder über eine Umschichtung der kommunalen Ausgaben.

Für Böck ist das kaum realisierbar, wie er bei der Diskussion betonte. „Ich sitze seit Monaten im Büro und drehe Zahlen“, versicherte er. Am Ende aber sei das Defizit für Oberschleißheim nicht mehr zu schultern. „Wo sollen wir streichen, um das Hallenbad zu erhalten?“, fragte der CSU-Politiker und beteuerte, dass es ihm nicht leichtfalle, die Schwimmhalle zuzusperren. Angesichts der mehr als angespannten Finanzsituation gebe es seinem Dafürhalten zufolge aber keine Alternative.
Hinzu kämen absehbar hohe Investitionen, da das Gebäude und die Technik des Hallenbades mehr als 50 Jahre alt sind. Und: „Diese Mittel würden dann an anderer Stelle fehlen – etwa bei Schulen, Kitas oder Infrastruktur und anderen Pflichtaufgaben“, so der Bürgermeister in einem Post auf Facebook. Was die Gespräche mit den Nachbarkommunen angeht, seien diese bislang ergebnislos verlaufen, sagte Böck.
Die Nachbarkommunen halten sich bedeckt
In den fraglichen Rathäusern sind konkrete Anfragen jedoch bis zum Wochenende nicht eingetroffen. Der Haimhausener Bürgermeister Peter Felbermeier (CSU) gibt sich entsprechend bedeckt: Solange keine belastbaren Zahlen vorlägen, könne er in der Angelegenheit nichts sagen. Auskunftsfreudiger erweist sich da der Karlsfelder Bürgermeister Stefan Kolbe, ebenfalls CSU. „Es ist nicht unser primärer Ansatz, ein fremdes Bad zu retten“, sagt der Bürgermeister und verweist darauf, dass seine Kommune in Sachen Hallenbad über Jahre das gleiche Schicksal geteilt hat wie Oberschleißheim: hohes Defizit, marodes Gebäude, aber kein Geld für eine Sanierung oder gar einen Neubau.

Ende Oktober 2025 hat der Karlsfelder Gemeinderat mit einem einstimmigen Votum den Abriss der bereits seit Herbst 2022 geschlossenen Schwimmhalle besiegelt und damit den Schlusspunkt hinter eine Geschichte voller Emotionen gesetzt. An die 15 Millionen Euro hätte die Kernsanierung des 1971 eröffneten Bades kosten sollen – Geld, das Karlsfeld nicht hat. Alternative Lösungen, wie sie mehr als 2300 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner in einer Online-Petition gefordert hatten, wurden nicht verfolgt, denn auch der Betrieb des Bades war von Beginn an defizitär. Regelmäßig musste die Gemeinde zwischen 400 000 und 600 000 Euro zuschießen.
Während die Finanzlage von Haimhausen und Karlsfeld ähnlich prekär ist wie jene in Oberschleißheim, gibt es auch im finanzstarken Garching eher wenig Bereitschaft, sich mit einem hohen fünfstelligen oder gar sechsstelligen Betrag am Defizitausgleich für das Hallenbad der Nachbarn zu beteiligen. „Ich glaube nicht, dass mein Stadtrat Juchhu schreit, wenn eine solche Anfrage vom Kollegen Böck kommt“, so Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD). Er sehe da kaum eine Perspektive.
Zudem laufen in der Universitätsstadt aktuell die Planungen, beim mittelfristigen Bau der Grundschule-Nord ein Lehrschwimmbecken zu errichten. Nicht zuletzt, damit die Garchinger Schülerinnen und Schüler auf lange Sicht für den Schwimmunterricht nicht mehr nach Ismaning und aktuell noch nach Oberschleißheim fahren, wo nach Gruchmanns Angaben immer wieder Klagen der Verantwortlichen laut würden, dass die Bäder an ihre Kapazitätsgrenzen gelangten. Bis die eigene Schwimmhalle in Garching steht, aber werden noch ein paar Jahre vergehen. Wo die Grundschüler aus der Stadt schwimmen lernen sollen, wenn das Oberschleißheimer Bad geschlossen wird, bereitet dem Bürgermeister natürlich Kopfzerbrechen, wie er sagt.

Weitreichende Folgen durch eine Hallenbad-Schließung befürchtet derweil die DLRG-Ortsgruppe um Lucas Marchlewitz. Für den Vorsitzenden der Rettungsschwimmer ist der Fortbestand eine reine Notwendigkeit, um auch in Zukunft zu gewährleisten, dass die Ehrenamtlichen trainieren könnten für ihre Einsätze an den umliegenden Gewässern, unter anderem am gut besuchten Regattaparksee. „Wenn unser Bad wegfällt, wissen wir nicht, wohin mit unseren Schwimmkursen und Leistungsübungen.“
Er und seine Kollegen fordern „einen Schulterschluss der umliegenden Kommunen“, deren Bevölkerung die Becken nutzt. Die Rathäuser sollen sich um die Gründung eines Zweckverbandes bemühen. Damit könne im besten Fall nicht nur der temporäre Fortbestand des Hallenbades ermöglicht werden, sondern in Zukunft auch ein Neubau bewerkstelligt werden. Ein fertiges Konzept dafür gebe es bereits, so Marchlewitz, und über ein geeignetes Grundstück verfüge die Gemeinde auch. Ein Hallenbad in Oberschleißheim sei schlichtweg eine „Frage des politischen Willens“.


