Häusliche Pflege:Großer Bedarf an Tages- und Kurzzeitplätzen

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Häusliche Pflege: Anstrengend und kräftezehrend ist die Betreuung von Pflegefällen zuhause, das hat eine Befragung im Landkreis München unter mehr als 200 Angehörigen von Alten und Schwerkranken ergeben.

Anstrengend und kräftezehrend ist die Betreuung von Pflegefällen zuhause, das hat eine Befragung im Landkreis München unter mehr als 200 Angehörigen von Alten und Schwerkranken ergeben.

(Foto: Ute Grabowsky//imago/photothek)

Eine Befragung von pflegenden Angehörigen im Landkreis München offenbart die Notwendigkeit von Entlastung. Landrat Göbel hält einen ähnlichen Ausbau wie in der Kinderbetreuung für notwendig.

Von Iris Hilberth, Landkreis München

Er pflegt seine Frau zuhause. Das ist anstrengend, kräftezehrend. Und er hat kaum noch Zeit für sich, regelmäßig eine kurze Auszeit würde ihm guttun. Ja, er will das so, er möchte sie nicht in ein Heim bringen, nicht dauerhaft. Er sagt: "Ich wünsche mir, dass der Krankheitsverlauf nur langsam fortschreitet und dass mein Gesundheitszustand es zulässt, dass ich sie bei mir behalten kann. Außerdem würde ich sie aus dem Grund gerne überleben."

Diesen Wunsch hat ein pflegender Angehöriger auf einem Fragebogen zu seiner Situation geäußert. Das Landratsamt des Landkreises München hat in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe für Sozialplanung und Altersforschung (Afa) mehr als 200 Personen befragt, die ihre engen Verwandten zu Hause betreuen. Über ihre Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse und fehlende Hilfen. Mit den Ergebnissen sollen passgenauere Angebote für die häusliche Pflege entwickelt und in der Fortschreibung des Seniorenpolitischen Gesamtkonzepts des Landkreises berücksichtigt werden. Fest steht bereits: Die Tages- und Kurzzeitpflege muss dringend ausgebaut werden.

Landrat Christoph Göbel (CSU) ist überzeugt davon, dass Pflege in Zukunft nur funktionieren kann, wenn sie "ähnlich wie die Kinderbetreuung" aufgestellt ist. In der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses des Münchner Kreistags sagte er: "Wir müssen ein Äquivalent zur Kita schaffen, damit sich ein normales Familienleben ergibt."

Jeder dritte Angehörige ist rund um die Uhr für den Pflegefall da, fast die Hälfte von ihnen ist selbst über 65

Die Gruppe der pflegenden Angehörigen ist sehr heterogen. Es sind Ehepartner, Kinder und Schwiegerkinder, die diese Aufgabe zu Hause übernehmen. Zum Teil kümmern sich auch Freunde, Bekannte und Nachbarn. Die Umfrage hat ergeben: 45 Prozent sind 65 Jahre und älter und etwa jeder Sechste hat das achtzigste Lebensjahr bereits überschritten. Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen lebt mit der pflegebedürftigen Person in einem Zwei-Personen-Haushalt (46 Prozent). Die Hälfte ist bereits in Rente oder nicht berufstätig. Die anderen müssen den mitunter täglichen Spagat zwischen Beruf und häuslicher Pflege hinbekommen, zumal etwa zwei Drittel der Befragten ihre Angehörigen täglich pflegen und betreuen. 39 Prozent (69 Personen) stecken daher beruflich zurück, haben ihre Arbeitszeiten reduziert oder den Job ganz aufgegeben und damit oft auch finanzielle Einbußen hingenommen. Nur zwei Angehörige haben eine offizielle Pflegezeit in Anspruch genommen. 27 Prozent der Befragten geben eine finanzielle Belastung durch die Pflege an. "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht nur mit kleinen Kindern ein Thema. Auch für pflegende Angehörige ist es ein handfestes finanzielles Problem", sagt Landrat Göbel.

Ein knappes Drittel der Befragten übernimmt die Pflege "rund um die Uhr". 24 Stunden am Stück, sieben Tage hintereinander, immer. Die meisten sind über 65 Jahre alt. Sie übernehmen die Körperpflege, sind erste Ansprechperson, kümmern sich um die Belange des Pflegebedürftigen, die Haushaltsführung sowie Fahr- und Begleitdienste. Die meisten Pflegebedürftigen haben körperliche Einschränkungen (89 Prozent), 65 Prozent kognitive und 20 Prozent psychische. Bei fast allen ist die Krankheit fortschreitend.

Das bringt die pflegenden Angehörigen an ihre Grenzen. Fast die Hälfte spricht von "herausfordernden Verhaltensweisen", von Aggressivität, Ablehnen der Hilfe, Schlafstörungen und Interessenslosigkeit. Fast zwei Drittel geben zu: "Ich vernachlässige meine eigene Gesundheit, mein Wohlbefinden etwa durch Schlafmangel, habe erhöhten Stress und weniger soziale Kontakte." Viele äußern den Wunsch nach mehr Entlastung, nach Unterstützung bei Demenzkranken, nach Hilfsangeboten für stundenweise Betreuung zu Hause, nach finanzieller Unterstützung. "Ab und zu mal Auszeiten, vielleicht ein bis zweimal pro Woche für ein, zwei Stunden, dass jemand bei meinem Mann ist und ich in Ruhe einkaufen kann oder zum Friseur oder zur Fußpflege gehen kann", schreibt eine pflegende Angehörige.

"Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in dieses Alter kommen, haben wir da ein Problem."

Dort wo es Tagespflege gibt, wird sie sehr gelobt. Doch das Angebot deckt bei weitem nicht den Bedarf ab. In der Kurzzeitpflege, die dem Pflegenden auch mal einen Urlaub ermöglicht, oder die benötigt wird, wenn dieser selbst mal ausfällt, sieht es noch schwieriger aus. Die Befragten beklagen, dass zu wenige Einrichtungen dies anbieten, eine Aufnahme selten planbar ist und oft nur kurzfristig in Anspruch genommen werden kann. Da Kurzzeitpflege und Nachtpflege für die Einrichtungen kostenintensiv sind, zahlt der Landkreis inzwischen einen Zuschuss von 80 Prozent. Dieser finanzielle Anreiz reicht aber offenbar nicht aus, um mehr Plätze zu schaffen, weil den Einrichtungen schlichtweg das Personal fehlt.

Und genau das braucht es, um "eine Vision aufzumachen, die der Lebenswirklichkeit entspricht, in der die Menschen länger alt bleiben", wie Göbel sagt. Kreisrat Günter Heyland von den Freien Wählern ist überzeugt: "Wenn wir in diesem Bereich nicht genug Personal schaffen, geht es uns irgendwann wie bei den Kindertageseinrichtungen." Auch Barbara Bogner, Bürgermeisterin von Sauerlach, weiß: "Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in dieses Alter kommen, haben wir da ein Problem."

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