Häusliche GewaltFriedliches Verhalten muss eingeübt werden

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Nach fünfjähriger Zusammenarbeit stellen die Opfer- und Täterberatungsstellen des Landkreises ihre Erfahrungen zu Konflikten in Beziehungen vor. Der Bedarf an Aufklärung hat in den vergangene Jahren stark zugenommen

Von Tatjana Tiefenthal, Landkreis

Im Landkreis werden bei häuslicher Gewalt nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter beraten. Die Opfer werden von der Interventionsstelle Landkreis München (ILK) betreut, für die Täter ist die Männerberatungsstelle im Landkreis München (MILK) zuständig. Vergangenen Donnerstag wurde die nun fünfjährige Zusammenarbeit vorgestellt.

Die MILK wurde 2016 gegründet, nachdem aufgefallen war, dass einmal betroffene Frauen oftmals wiederkamen. Wie Tanja Böhm, die Leiterin der ILM, berichtet, war deutlich zu spüren, dass ein Beratungspendant für den Täter fehlte. Mit der Gründung der Männerberatungsstelle sollte die Prävention verbessert werden, denn diese sei der beste Opferschutz. Die Beratungsstellen kümmern sich daher meist parallel um die Paare und regeln den weiteren Umgang zwischen den Personen.

Die ILM erhält die Hälfte ihrer Fälle von der Polizei. In der Benachrichtigung sind die Kontaktdaten der Frau vermerkt und auch, ob sie Kinder hat. Der Täter bleibt anonym. "Es ist dann unsere Aufgabe, uns bei der Frau zu melden und sie so schnell wie möglich persönlich zu sehen", erklärt Böhm den Ablauf. 50 Prozent sind jedoch auch Selbstmelderinnen, die Hilfe suchen. Daher sei die Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig, damit die Beratungsstellen im Gespräch bleiben und man sich im Zweifelsfall dran erinnert. "Der Mut, sich zu melden, muss geweckt werden", meint Böhm.

Bei der Männerberatungsstelle sehen die Zahlen anders aus, hier sind 90 Prozent Selbstmelder. Ronald Föhlinger von der MILK meint, dass die Familiengerichte mehr an die Beratungsstellen denken sollten: "Die Kontaktaufnahme mit einer Beratungsstelle sollte in gerichtliche Vereinbarungen aufgenommen werden." Jedoch sei eine erfolgreiche Beratung ohnehin nur mit einer Schuldeinsicht des Täters möglich. Regulär dauert das Programm 50 Stunden. Viele blieben länger, jedoch brechen auch immer wieder Personen das Programm vorzeitig ab. "Es ist ein freiwilliges Programm, dagegen kann ich nichts unternehmen", meint Föhlinger. Wichtig sei daher, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen: "Ich verurteile nicht, es geht nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um Einsicht und Verantwortungsübernahme." Ziel seiner Arbeit ist die Konfrontation mit der eigenen Aggression und eine Schuldeinsicht. "Es ist keine Verhaltenstherapie, sondern ein Trainingsprogramm", erklärt Föhlinger. Gewaltfreies Verhalten müsse geübt werden, da die gewaltvolle Kommunikation in der Kindheit erlernt werde. "Nahezu alle Täter haben hochdramatische Kindheitserlebnisse erlebt", schildert er seine Erfahrungen. Was in der Kindheit erlernt werde, sei nur schwer wieder abzulegen. Mit dem sozialen Training soll daher das Verhalten in konkreten Situationen geübt werden, beispielsweise die Übergabe der Kinder, bei der es oft erneut zu Gewalt kommt.

"80 bis 85 Prozent der Frauen, die ich berate, sind Mütter", sagt Böhm. Da meist weiterhin Kontakt zu dem Vater bestehe, müssten gewaltfreie Aufeinandertreffen möglich sein. Es gehe nicht darum, die Personen zu versöhnen, sondern den Umgang zu regeln. Sie meint: "Die Personen müssen nicht als Paar funktionieren, aber als Eltern." Dies wird in den Beratungsstellen vorbereitet. "Der Glaube, die Kinder hätten nebenan geschlafen und nichts mitbekommen, ist ein Irrtum", stellt Böhm klar. Gewalt in der Partnerschaft belaste immer die Kinder.

Die Frauen, die zu ihr kommen waren im Durchschnitt neun Jahre in einer Gewaltbeziehung. Für die Kinder ist dies oftmals das gesamte Leben. Sie spricht daher von einer "generationalen Weitergabe von Gewalt." Föhlinger bestätigt dies: "Durch einen gewalttätigen Vater wird das Bild einer Frau schon in jungen Jahren verzerrt." Besonders wichtig ist daher ein Schuldeingeständnis, dass auch den Kindern vermittelt wird: "Der Vater muss die Verantwortung übernehmen, und dem Kind erklären, was passiert ist."

Die Personen, die Föhlinger zu Gesicht bekommt, kommen aus allen Altersgruppen, von 18 bis 80 sei alles dabei. Allerdings habe der Großteil der Täter einen Migrationshintergrund. "In anderen Kulturen besteht noch ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Ein solches Bild fördert die Bereitschaft, Gewalt auszuüben", sagt er. Bis vor 30 Jahren wäre auch in Deutschland ein Machtgefälle im Frauenbild verankert gewesen und durch die "generationale" Weitergabe sei es auch hier noch nicht verschwunden. Dies bestätigt Böhm. Die Frauen, die bei ihr Hilfe suchen, haben nur in etwa 45 Prozent der Fälle einen Migrationshintergrund. "Wir in Deutschland haben einen Wandel vollzogen, aber es funktioniert noch längst nicht alles", meint Föhlinger. Böhm ergänzt: "Häusliche Gewalt fängt nicht mit blauen Flecken, sondern mit Beleidigungen und Erniedrigungen an."

Die Zahl der Beratungsfälle steigt kontinuierlich an, bei der ILM wurden 2018 noch 240 Personen bereut, 2019 schon 269 und 2020 bereits 363. Bei der MILK ist die Zahl der Beratungsfälle eine Kapazitätsfrage; mehr als 50 Personen gleichzeitig sind nicht möglich.

© SZ vom 23.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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