Haar:Volkshochschulen erfinden sich neu

Haar: Lourdes María Ros de Andrés, Geschäftsführerin der VHS Haar, stellt sich den Herausforderungen.

Lourdes María Ros de Andrés, Geschäftsführerin der VHS Haar, stellt sich den Herausforderungen.

(Foto: Claus Schunk)

In Haar werden mehr als die Hälfte der Kurse im neuen Herbst- und Wintersemester hybrid oder online angeboten. Auch wenn die Anmeldezahlen wieder nach oben gehen, steckt die Erwachsenenbildung finanziell noch in der Krise

Von Bernhard Lohr, Haar

Die Zahlen zeugen vom Rückkehr zur Normalität: 1133 Rückmeldungen zu den Kursen im neuen Herbst- und Wintersemester an der Volkshochschule Haar. 2877 Anmeldungen schon jetzt, nur eine Woche nach Beginn der Einschreibung. Und 833 geplante Kurse. Das sind Zahlen, wie sie von den Verantwortlichen der Volkshochschulen gerne kolportiert werden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der "Neustart" in das erste Nach-Corona-Semester ist für die VHS in Haar wie für viele andere Einrichtungen der Erwachsenenbildung ein Start in eine neue Welt. Die Finanzlage ist angespannt. Die Herausforderungen beim Unterrichten sind weiter groß.

Die Geschäftsführerin der VHS Haar, Lourdes María Ros de Andrés, stellt am Dienstag gemeinsam mit der Vorsitzenden des Trägervereins, Gabriele Müller, und den Leitern der Fachgebiete im Bildungszentrum Poststadel das neue Programm vor. Wie üblich gibt es ein dickes Programmheft, viel Bewährtes und viel Neues. Doch manches hat sich grundlegend geändert. Der Zwang zur Digitalisierung der Lernangebote hat den Volkshochschulen aufgezwungen, was sie sonst ihrer Klientel immer predigen: lebenslanges Lernen. Auch die VHS Haar, die ihr aktuelles Programm unter dem Schlagwort "Neustart" anbietet, hat sich in Teilen neu erfunden. Mehr als 50 Prozent der Kurse werden Müller zufolge weiterhin hybrid oder online angeboten. "Die Leute kommen zurück", sagt Ros de Andrés erleichtert, "und sind glücklich wieder bei uns sein zu können." Doch sie weiß auch: Viele Einschränkungen, wie etwa Abstandsregeln in Kursräumen, bestehen fort und behindern die Arbeit. Und mancher und manche haben Gefallen daran gefunden, den Sprachkurs online bequem von zu Hause aus zu machen.

Dem muss man, dem will man gerecht werden. Es wurden Kameras angeschafft, die im 360-Grad-Winkel steuerbar sind und Kurssituationen exakt einfangen. Weil trotz des neuen, großen Bildungszentrums Kursräume wegen der Abstandsregeln knapp sind, muss ein Raum im Untergeschoss genutzt werden, der schlecht zu lüften ist. Raumluftreiniger müssen angeschafft werden. Und das in Zeiten, in denen der Verein mit Not die Personalkosten tragen konnte. Auf die Frage, ob ein staatlicher Rettungsschirm für die Erwachsenenbildung wie ihn die Lufthansa mit einem Milliardenbetrag erhalten hat, gut gewesen wäre, muss Müller lachen. Man habe alle Zuschussmöglichkeiten genutzt, Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Alles habe man getan, um der Gemeinde keine Kosten zu bereiten. Aber klar sei, dass die VHS Unterstützung dringend brauchen werde. Die Rücklagen seien nahezu aufgebraucht.

Diese Worte kommen kurz vor harten Verhandlungen, die das Rathaus in Haar in den nächsten Wochen auch mit der VHS führen wird. Denn die Gemeinde steckt finanziell selbst in der Klemme und der Gemeinderat hat beschlossen, mit den Vereinen und Institutionen am Ort über Kürzungen bei den freiwilligen Zuschüssen zu reden. Am Dienstag, wenige Stunden nach der Präsentation des VHS-Programms, lag dem Gemeinderat ein Antrag zur Übernahme von Investitionskosten der VHS vor. Gabriele Müller sagt, was die VHS leiste, sei als Aufgabe verfassungsrechtlich gedeckt und kein Extra. María Ros de Andrés sagt, sie erlebe auf Seiten des Rathauses großes Wohlwollen gegenüber der VHS.

Auf das ist man in Haar auch angewiesen. Es gibt Volkshochschulen, bei denen als kommunale Einrichtungen die Gehälter der Mitarbeiter - nicht der Dozenten - vom Rathaus gesichert sind. Beim Zweckverband Kommunale Bildung in Ebersberg ist es so. Es wäre wünschenswert, wenn man durch verbindlichere Abkommen mit der Gemeinde Planungssicherheit bekommen könnte, sagt Ros de Andrés. Aktuell hänge die Finanzierung des Personalstamms direkt an der Buchung der Kurse. Da zeigen die Zahlen nach drei Lockdowns wenigstens wieder nach oben.

© SZ vom 15.09.2021
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