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Haar:Spielen und chatten statt Fahrradketten

fastfood theater, format: "chat'n'play"

Mittels einer versierten Kameratechnik soll das Publikum den Darstellern des Fastfood Theaters auf dem Bildschirm ganz nahe kommen.

(Foto: Matthias Stiehler)

Das Kleine Theater setzt ob fehlender Planungssicherheit weiter auf Streaming-Angebote, darunter eine Impro-Show, die via Messenger-Chat gelenkt wird

Von Udo Watter, Haar

Die Redewendung "Hätte, hätte, Fahrradkette" hat der einstige Weltfußballer und Aphoristiker Lothar Matthäus als TV-Experte einmal umgewandelt in "Wäre, wäre, Fahrradkette." Abgesehen von der Frage, welche Version die genialere ist, bedeuten beide das Gleiche: Es ist die Absage an ein retrospektives Lamentieren, das Beenden spekulativer Diskussionen über einen anderen Verlauf der Vergangenheit. Der Konjunktiv quasi als Modus der Verlierer, die ihre Niederlage mit einem Pfostenschuss begründen: "Wär' der reingegangen...".

Auch als spekulative Variante über mögliche Verläufe der Zukunft, stellt der Konjunktiv nicht immer alle zufrieden: "Ich kann bisher nicht erkennen, unter welchen Bedingungen Kultureinrichtungen wieder öffnen sollen" erklärt Matthias Riedel-Rüppel, Chef des Kleinen Theaters Haar angesichts der jüngsten politischen Beschlüsse bei der Ministerpräsidentenkonferenz mit der Bundeskanzlerin, der theoretisch eine Theateröffnung vom 22. März an ermöglichen würde. "Auf eine Pandemie wie dieser ist aus meiner Sicht mit Konjunktiven, wie sie das Beschlusspapier und der Stufenplan enthalten, nicht zu begegnen. Es fehlt nach wie vor die Planungssicherheit." Den ausschließlichen Blick auf die Inzidenzwerte hält er für wenig hilfreich - und die steigen ohnehin gerade signifikant. Die logische Konsequenz: Auch der April wird in Haar ein "Streaming-Monat". Die sechs geplanten Vorstellungen wie das Konzert der Singphoniker am 10. April, die ihr Programm "home@" präsentieren und dabei das Gefühl "Heimat" klangvoll umsetzen mit Arrangements von Klassik über Volksmusik bis zu Pop, oder der Auftritt des Ensemble La Vie mit seiner Tanz- und Schauspiel-Collage "Outburn" am 18. April werden im digitalen Theater zu sehen sein.

Wenn freilich - was derzeit unwahrscheinlich ist - es möglich sei, "auch leibhaftige Personen in den Saal einzuladen, werden wir dies natürlich tun und die Veranstaltungen als 'Hybrid-Veranstaltungen' durchführen", so Riedel-Rüppel. Bauen kann das Theaterteam dabei auf ein etabliertes Hygiene- und Sicherheitskonzept aus dem vergangenen Jahr. "Inwieweit dieses aber wieder Anwendung finden kann, ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar. Auch der Einsatz von Schnelltests ist derzeit aus meiner Sicht noch nicht ausreichend geklärt", meint der Intendant.

Zunächst gibt es aber noch zwei Online-Veranstaltungen im März. Das Fastfood-Theater, das am 16. April erneut in Haar gastiert, tritt an diesem Samstag, 20. März auf, Beginn 19 Uhr. Unter dem Motto "Chat 'n' Play" wird ein coronakonformes Format inszeniert. "Sie chatten, wir spielen", ist die Maxime der Impro-Künstler. Heißt: Das Publikum an den Bildschirmen zu Hause schreibt während der Show seine Vorgaben per Messenger-Chat direkt an die Schauspieler und diese Impulse werden sofort auf der Bühne umgesetzt. "Niemand kann sagen, wohin die Reise führt, und genau darin liegt der Reiz. Improvisationstheater heißt: Mit dem Zufall zu ringen und sich nicht von ihm bezwingen zu lassen", so die Protagonisten. Alle Zuschauer können dabei den Vorgaben-Chat im Streaming sehen. Die Impro-Künstler versprechen die Vorgaben schnell, witzig und intelligent in unerwartete Szenen, großes Theater, intelligentes Kabarett oder Songs umzusetzen. Mittels einer versierten Kameratechnik soll man den Darstellern auf dem Bildschirm ganz nahe kommen.

Überdies wird Riedel-Rüppel in der Reihe "Dienstalk" am Dienstag, 23. März, mit Peter Brieger, dem Ärztlichen Direktor des Isar-Amper-Klinikums in Haar sprechen. Er arbeitet seit 2016 intensiv die Geschichte der Klinik auf. Der Talk geht daher auf die Thematik "Erinnerungskultur - Bedeutung für heute" ein. Zu sehen ist das Gespräch, Beginn 19 Uhr, live auf dem Youtube-Kanal kth.digital, Facebook und der Homepage des Theaters.

Weitere Informationen und Tickets gibt es ebenfalls auf der Homepage www.kleinestheaterhaar.de. Da die Streaming-Veranstaltungen unabhängig von Inzidenzwerten stattfinden, werden sie online natürlich im Indikativ vorgestellt - dem Modus, der für die Darstellung des Tatsächlichen verwendet wird.

© SZ vom 18.03.2021
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