Mit 27 Grad ist das Wasser im Schwimmbecken des Konradbads in Haar angenehm temperiert. Es ist kein Ortstermin wie jeder andere, zu dem Haars Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) eingeladen hat. Er selbst bleibt am Beckenrand, aber der Reporter darf bei einigen Schwimmzügen erleben, dass momentan alles in Ordnung ist. Die Technik hält, die Rohre sind stabil, und die Filteranlage läuft. Bukowski will deutlich machen, welchen Wert das Schwimmbad für die Bürgerinnen und Bürger hat und welche hohen Kosten der Stadt durch den Betrieb entstehen.
Für Haar wie für andere Kommunen mit solchen Einrichtungen sind das gerade große Themen. Haar hat mit dem Konradbad und dem größeren Jagdfeldbad gleich zwei Hallenbäder und dazu ein Freibad. Alle sind in die Jahre gekommen, und die Stadt hat – wie viele andere Städte und Gemeinden auch –gerade wenig Geld.

Egal, wo man auch hinschaut. Der Bau und der Unterhalt von Bädern gehört in ganz Deutschland zu den Themen, die groß herauskommen, wenn gerade Krise angesagt ist. Sobald in den Rathäusern wegen sinkender Steuereinnahmen die Sorgenfalten tiefer werden, geht der Blick auf die Infrastruktur, die allzu oft veraltet, anfällig und ohnehin teuer ist. Schulen müssen instand gehalten werden, Kindertagesstätten sind zu bauen und zu erweitern. Das gehört zu den Pflichtaufgaben wie auch die Wasser- und Energieversorgung, die Abwasserbeseitigung, der Straßenbau, die Ortsplanung und der Feuerschutz.
Erst wenn das alles bezahlt und gesichert ist, dürfen Städte und Gemeinden ihr Geld für freiwillige Leistungen ausgeben. Dann werden Vereine gefördert und auch Schwimmbäder instandgehalten. Weil aber viele dieser Bäder besonders alt sind, sind sie auch besonders anfällig und teuer. Aber: Freiwillige Leistungen stehen stets als Erstes zur Disposition, wenn das Geld in der Gemeindekasse weniger wird. Darüber wacht die Kommunalaufsicht im Landratsamt und zwingt Stadt- und Gemeinderäte im Zweifel auch zu harten Einschnitten. Sie genehmigt Haushalte, und ein Leben auf Pump ist einfach nicht drin.
Das haben schon viele Kommunen im vergleichsweise reichen Münchner Umland zu spüren bekommen. Die Gemeinde Karlsfeld im Landkreis Dachau etwa hat ihr Hallenbad geschlossen, weil eine Sanierung nicht zu bezahlen war. Das Becken im Kirchseeoner Schwimmbad ist seit bald zwei Jahren trocken. Viele öffentliche Bäder in der Region sind in den frühen Siebzigerjahren errichtet worden. Die Bausubstanz ist marode, die Technik überaltert. Manche, wie die Stadt Dachau, die Stadt Ebersberg oder Vaterstetten, bauen neu. Andere hangeln sich mit Reparaturen durch, bis es nicht mehr geht.
Haar hangelt sich noch durch. Beim Konradbad etwa. Die Facebookseite der Gemeinde gibt Auskunft, dass in den vergangenen vier Jahren das Bad viermal wegen technischer Mängel für Tage oder Wochen gesperrt werden musste. Immer wieder bat das Rathaus um Verständnis: Einmal war die Lüftung defekt, das andere Mal war nur grob von technischen Problemen die Rede.
Die Umkleiden machen einen guten Eindruck
Bürgermeister Bukowski sagt bei dem Besuch im Konradbad, die gesamte Anlage sei alt und anfällig, insbesondere „die Verrohrung“ bereite Schwierigkeiten. Beim Gang durch die Umkleiden schaut Bukowski nach links und rechts, alles ist blitzeblank und glänzt. „So alt es ist, es ist gut in Schuss.“ Der Eindruck bestätigt sich auch in der Schwimmhalle. Und doch redet Bukowski immer wieder von einer möglichen Schließung. Einfach weil er die Finanzlage kennt, und die Kosten, die anfallen, wenn mal was richtig kaputtgeht.
Das ist eine Sorge, die man auch in Oberschleißheim kennt, das ähnlich wie Haar finanziell am Limit agiert. Dass dort das Hallenbad in schlechtem Zustand und jederzeit eine Schließung möglich ist, treibt den dort wohnenden Grünen-Landtagsabgeordneten Markus Büchler um. Er sagt, das Bad werde für den Schwimmunterricht dringend gebraucht – auch von Schulen aus umliegenden Gemeinden.
Den laufenden Unterhalt könne die Gemeinde gerade so stemmen. Bei einem größeren Schaden stünde das Bad vor dem Aus. Es brauche eine Generalsanierung. „Ohne gezielte finanzielle Unterstützung vom Freistaat kann sich die klamme Kommune keine Sanierung leisten, und das Bad steht weiterhin mit einem Bein im Aus.“

Deshalb kritisiert Büchler gemeinsam mit seiner Abgeordneten-Kollegin Claudia Köhler aus Unterhaching, dass ein Antrag der Grünen im Landtag an einer Mehrheit von CSU und Freien Wählern gescheitert ist, die staatliche Förderung für kommunale Schwimmbäder von zehn auf 60 Millionen Euro jährlich zu erhöhen. Köhler kritisiert: „Es geht beim Schwimmen nicht um Freizeitspaß, sondern um eine überlebenswichtige Fähigkeit. Einen Platz im Schwimmkurs zu bekommen, gleicht inzwischen fast einem Sechser im Lotto.“ Büchler und Köhler betonen, weiter auf ihrer Forderung nach mehr Geld für die Bäderfinanzierung zu bestehen.
Zwei Bäder in der Halle und eins im Freien
Die Stadt Haar ist eine von wenigen Kommunen in Bayern, die sich drei Bäder leistet. Das Konradbad an der Mittel- und der Grundschule im Zentrum ist das kleinere der beiden Hallenbäder und in etwa genauso alt wie das Jagdfeldbad, das an den Schul-Campus mit Gymnasium und Grundschule in der Hochhaussiedlung angegliedert ist. Dazu kommt das Freibad.
Für das Konradbad habe die Kommune 2023 und 2024 alleine für den Unterhalt 400 000 Euro zuschießen müssen, sagt Bukowski. Hinzu kämen die Kosten für Reparaturen oder Sanierung. Vor vier Jahren steckte die Kommune eine Millionensumme ins Freibad, das ein neues Kinderbecken bekam, samt moderner Technik.
Nach aktuellem Stand kann sich die Stadt kleinere Reparaturen leisten, mehr aber nicht. Deshalb betone er immer wieder die Bedeutung einer offensiven Gewerbeausweisung, sagt Bukowski. Die Einnahmen aus der für die Kommunalfinanzen entscheidenden Gewerbesteuer müssten gesteigert werden. Die Stadt lebt derzeit von ihren Rücklagen, die im Verwaltungshaushalt verbuchten laufenden Kosten übersteigen die Einnahmen. „Wenn der Verwaltungshaushalt nicht ausgeglichen ist, dann müssen wir über die freiwilligen Zuschussleistungen sprechen“, sagt Bukowski. Die Bäder fallen darunter, ebenso wie die Ausgaben für Vereine.
Wie hart Verteilungskämpfe ablaufen können, haben die vergangenen Jahre schon gezeigt, als Volkshochschule und Nachbarschaftshilfe mit Macht Kürzungen abzuwenden hatten. Ein Szenario für die nähere Zukunft: die Wahl zwischen Einschnitten bei der Bildung, beim Sozialen oder beim Sport, also den Bädern.

Dabei werden die Bäder in Haar gebraucht. Die Stadt wächst, strebt auf die 30 000-Einwohner-Marke zu und die Badezeiten sind stark gebucht. Das Konradbad nutzen die Schwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die Schwimmabteilung des TSV Haar hat Zeiten gebucht und auch die Volkshochschule geht rein in das Bad im Untergeschoss der Mittelschule, die gleich neben dem Gesundheitszentrum der VHS liegt.
„Die Bäder sind alle voll ausgelastet“, sagt Bukowski auch über das Jagdfeldbad und das Freibad. Solche öffentlichen Bäder seien in der Regel keine rentierlichen Angelegenheiten. Das sei in Ordnung, die Stadt stecke das Geld gerne rein. Die Bäder seien eine „Notwendigkeit“, sagt er, damit Kinder schwimmen lernten. „Wir möchten sie schon erhalten.“
Auch bei voller Auslastung nicht rentierlich
Dabei hat nicht viel gefehlt, und die Stadt hätte im Sommer 2025 das Freibad nicht aufsperren können. Nachdem vor einigen Jahren Rettungsschwimmer gefehlt hatten und es deshalb zu einer verzögerten Öffnung gekommen war, ging es diesmal darum, Bäderfachangestellte zu finden. Das gesamte alte Team sei von Haar nach Hohenbrunn gewechselt, sagt Bukowski, weil es dort günstige Arbeitsbedingungen im neuen Hallenbad finde.
Erst nach vier Ausschreibungen und mit großem Glück haben man mit Martin Jäger einen neuen Bäderchef gefunden. Der 43-Jährige hat davor in Passau gearbeitet und ist über familiäre Bande nach Haar gelangt. Die Diskussionen über kostspielige Bäder kennt auch er von seinem früheren Arbeitgeber. Ein Millionendefizit sei mit dem großen Hallenbad mit neun Becken in Passau immer aufgelaufen. „Jedes Jahr ging es darum, wo kann man sparen.“
In Haar suchen sie weiter nach zwei Bäderfachangestellten, um vielleicht doch noch im Laufe der Saison den Betrieb im Freibad auszuweiten. Derzeit ist dort nur von Mittwoch bis Sonntag geöffnet, und das jeweils nur von 11 bis 19 Uhr. Die Hallenbäder sind über den Sommer dem Schulsport und den Vereinen vorbehalten. Solange die Technik durchhält.

