Die Stadt Haar bekommt nahe dem Bahnhof einen Schulcampus für 2000 Schüler. Eine Realschule sowie eine Fach- und Berufsoberschule (FOS/BOS) sollen nach dem Umbau eines leerstehenden Bürokomplexes am Lindenplatz unter einem Dach Platz finden. Der Landkreis München und die Stadt Haar investieren geschätzt 155 Millionen Euro und peilen an, das Projekt bis 2028 oder 2029 umzusetzen. Die Realschulen Vaterstetten und Aschheim sollen entlastet werden. Die seit 2018 in einem mittlerweile „baufälligen“ Provisorium untergebrachte FOS/BOS soll mit mehr als 1000 Schülern ein Schulhaus erhalten. Der Stadtrat hat das Vorgehen am Dienstag bei sechs Gegenstimmen aus der SPD gebilligt.
Mit der Entscheidung ist das Ende einer viele Jahre währenden Hängepartie in Sicht. Bereits in den Siebzigerjahren sprach man in Haar über eine Realschule. Nach 2010 verstärkte die CSU die Bemühungen und argumentierte, dass die Realschule Vaterstetten überfüllt sei und Haar als wachsende Kommune diese letzte fehlende Schulform am Ort brauche. Doch als 2015 das Kultusministerium den Bedarf anerkannte, ging es nicht voran, weil sich Hoffnungen zerschlugen, am Bahnhof in Gronsdorf oder nahe dem Wertstoffhof einen Campus mit einer FOS/BOS sowie einer Pflegeschule zu schaffen. Wenigstens die Fach- und Berufsoberschule wurde gegründet und nahm, für eine kurze Zeit, wie man damals noch optimistisch dachte, in einem Bürogebäude an der Hans-Pinsel-Straße den Betrieb auf.
FOS/BOS-Schulleiterin Nicola Tauscher-Meriç war es sichtlich ein dringendes Bedürfnis, im Stadtrat vor der Entscheidung über den Campus das Wort zu ergreifen. Sie betonte den besonderen Wert für viele Familien, wenn Realschule und FOS/BOS in einem Gebäude angeboten würden und ein „nahtloser“ Übergang von einer Schulart in die andere ermöglicht werde. Aktuell arbeite ihre Einrichtung in einem „heruntergewirtschafteten“ und „baufälligen“ Gebäude. Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) bekannte, er habe die Dramatik erst kürzlich „erschüttert“ registriert.
Die FOS/BOS erlebte von Beginn an einen Ansturm. Man schlug sich ohne richtigen Pausenhof durch, ohne Sportplätze, ohne Sporthalle. Es kam immer wieder zu Konflikten mit Firmen in der Nachbarschaft. Heute zählt die FOS/BOS 1134 Schüler. 331 Schüler machen dort aktuell das Fachabitur und 137 die Allgemeine Hochschulreife.

Jetzt soll nach einer Sanierung und einem umfassenden Umbau in einem anderen Gewerbebau in Eglfing eine Lösung für beide Schulen her. In dem Komplex mit 18 000 Quadratmetern Geschossfläche am Lindenplatz hatte bis 2021 der US-Pharmakonzern MSD Sharp & Dohme mit 500 Mitarbeitern eine Niederlassung. Die Wöhr und Bauer GmbH kaufte die Immobilie und blieb auf ihr sitzen, weil unter anderem erheblicher energetischer Sanierungsbedarf besteht.
Nun steigt der Landkreis ein. Die bisher angestoßenen Planungen sehen laut Haarer Rathaus vor, moderne „pädagogische Konzepte“ umzusetzen. Es werde an „Clusterbildung“ oder ein „Lernhauskonzept“ gedacht. Der Schulcampus wird für 1300 Schüler an der FOS/BOS und für 700 Realschüler geplant. In dem Gebäude sollen vier Hallensportbereiche untergebracht werden.
Das Landratsamt steuert das Projekt aus der nahen Messestadt mit eigenem Personal
Neue Freisportflächen sind bisher nicht vorgesehen. Die Möglichkeiten im angrenzenden Sportpark Eglfing würden als „auskömmlich erachtet“, heißt es aus dem Rathaus, aber es werde geprüft, ob ergänzend Sportstätten geschaffen werden müssten, wofür dann der Landkreis aufkommen würde. Mit einer Bauzeit von bis zu drei Jahren wird gerechnet und einer Eröffnung in bis zu vier Jahren. Der Landkreis wird als für die weiterführende Schulen zuständige Stelle nicht nur finanziell die Federführung übernehmen. Er wird das Projekt vom nahen Landratsamt in der Messestadt Riem aus mit eigenem Personal steuern. Die finanziell angeschlagene Stadt Haar hat den Grundstückskauf und einen Baukostenanteil zu tragen. Im Rathaus geht man nicht überschlägig von 16 Millionen Euro aus.

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Sechs von sieben SPD-Stadträten stemmten sich gegen diese Lösung. „Wir haben nichts gegen einen Schulcampus“, sagte Peter Schießl. Aber es sei nunmal ein Gewerbestandort, der dann für Firmen verloren gehe. Und die Kosten könnten bei Altbauten bekanntlich explodieren. Fraktionschef Thomas Fäth sagte, ein Campus auf der grünen Wiese wäre „um ein Vielfaches besser“. Peter Paul Gantzer (SPD) warnte, die Stadt werde sich wegen weiterer Großprojekte wie der Geothermie, dem Bau von Kindertagesstätten und der Sanierung der Leibstraße übernehmen. Wichtig sei eine „Priorisierung“. Er sehe dabei die Realschule „nicht unbedingt an erster Stelle“. Der frühere Schulreferent Horst Wiedemann (SPD) stimmte als einziger seiner Fraktion für den Campus, ebenso die Grünen, die Unabhängigen Bürger und die FDP.
Bürgermeister Bukowski bezeichnete das Konzept für den Schulcampus als „ideal“. Wie selbst die SPD immer gefordert habe, gehe „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“. Es würden keine neuen Flächen versiegelt.

