Haar:Nur im Notfall stationär

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Der Alltag in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich verändert

Covid-19 ist seit Monaten ein Dauerbrenner auf allen Nachrichtenkanälen. "Die psychische Belastung, die auf allen ruht, ist groß", sagt Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor des Heckscher-Klinikums des Bezirks Oberbayern. Das wirke sich auch auf Kinder und Jugendliche aus, insbesondere auf diejenigen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hätten. "Zu einem nicht geringen Teil betrifft das zum Beispiel sehr ängstliche oder zu Depressionen neigende Kinder."

Schwierig sei es außerdem für Kinder mit Impulskontrollproblemen wie ADHS oder Sozialverhaltensstörungen. Die strengen Verhaltensregeln und eine angespannte Atmosphäre zu Hause überforderten sie schnell. "Für diese Kinder ist die Situation Gift", betont Franz Joseph Freisleder.

Das als Kommunalunternehmen organisierte Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist an zehn Standorten in München und dem restlichen Oberbayern mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vertreten. Im Landkreis eröffnete 2019 in Haar das Zentrum für Autismus und Störungen der sprachlichen und geistigen Entwicklung im Kindes- und Jugendalter.

Der Tagesablauf der Kinder und Jugendlichen, die im Moment vollstationär in den Einrichtungen des Klinikums behandelt werden, hat sich in den vergangenen Wochen sehr verändert. Die Klinikschule war geschlossen und beginnt nun langsam wieder ihren Betrieb aufzunehmen. Die Klinikbesuche sind auf die unmittelbar Sorgeberechtigten beschränkt. Nach Wochen kann sich dann schon mal Langeweile breit machen. "Die Kinder sehnen sich förmlich nach Unterricht", sagt Franz Joseph Freisleder und lacht.

Der gesamte Krankenhausbetrieb habe sich mit teilweise ganz neuen Regularien auf die Situation einstellen müssen, berichtet der Ärztliche Direktor. Die Tageskliniken und ambulanten Einrichtungen schlossen etwas gleichzeitig mit den Schulen. Trotzdem gelte: "Wir müssen nach wie vor jeden psychischen Akutfall versorgen." Das Klinikum habe schließlich die Versorgungspflicht für den Großteil Oberbayerns inne. Tag und Nacht stehe es weiterhin für Notfälle offen. Vollstationäre Aufnahmen erfolgten allerdings im Moment überwiegend nur, wenn es nicht anders gehe, beispielsweise bei akuter Suizidgefährdung.

Solche neu aufgenommenen Patienten kommen meistens zunächst auf eine der drei geschützten Akut-Stationen. Eine davon ist reserviert und entsprechend ausgerüstet für Jugendliche mit Coronaverdacht, der sich bisher jedoch bei keinem Patienten bestätigt hat, wie Franz Joseph Freisleder sagt.

Nicht nur der Klinikalltag selbst hat sich verändert, sondern auch der Arbeitsalltag des Ärztlichen Direktors. Täglich um 16.15 Uhr trifft sich die Klinikleitung zur Telefonschalte, um die neuesten Entwicklungen zu besprechen. "Einer sitzt im Home-Office, die anderen beiden in verschiedenen Stockwerken", so Freisleder. Über das Telefon stehe er mit den Patienten in Kontakt. Eigentlich sollte man sich gegenüber sitzen, aber im Moment gelte es eben, aus der Not eine Tugend zu machen.

© SZ vom 19.05.2020 / fiet - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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